1. kreisbote-de
  2. Lokales
  3. Kempten

Zum Auftaktkonzert des diesjährigen Kammermusikfestival Classix Kempten 

Erstellt:

Von: Jürgen Kus

Kommentare

Das „Vision String Quartett“ mit Florian Willeitner (v.l.), Daniel Stoll, Leonard Disselhorst und
Sander Stuart.
Das „Vision String Quartett“ mit Florian Willeitner (v.l.), Daniel Stoll, Leonard Disselhorst und Sander Stuart. © Jürgen Kus

Das „Vision String Quartett“ eröffnete die Classix Kempten. Mit seiner seriösen und lockeren Art könnte das Quartett eine neue Zuhörerschaft für die Klassik gewinnen.

Der Gründer und langjähriger Organisator des Kammermusikfestivals Classix Kempten Dr. Franz Tröger ist verstorben.

In einer kurzen Einführung vor dem ersten Konzert des mittlerweile 17. Internationalen Festivals der Kammermusik am Samstagabend im Stadttheater Kempten erläuterte Benjamin Schmid, der künstlerische Leiter, zunächst die neue Organisationsstruktur der Veranstaltung, die nötig wurde, nachdem der Gründer und langjährige Festivalorganisator Dr. Franz Tröger im Mai diesen Jahres verstorben war.

Am diesjährigen Festival hat Tröger noch maßgeblich mitgewirkt, in Zukunft wird die Konzertagentur „Kultur-Partner“ aus Bayreuth das Festival organisatorisch begleiten, mit Clemens Lukas als erfahrenem Ausrichter von Klassikfestivals und Katja Tschirwitz, die die Bereiche PR und Marketing übernimmt. Künstlerischer Leiter aber bleibt weiterhin Benjamin Schmid, der somit für die Kontinuität des Festivals steht.

Dem Publikum werden Türen geöffnet

„Visionen“ lautet die Überschrift der diesjährigen Festivalwoche, was beim ersten Blick ins Programm eine ebenso unverbindliche wie auch konkreter gemeinte Klammer bedeuten konnte. Im konkreteren Sinn wurden die Visionen dann aber gleich in der Namensgebung des auftretenden Streichquartetts angesprochen. Florian Willeitner, der erste Geiger des „Vision String Quartetts“ stand neben Katja Tschirwitz bei der Einführung kurz mit auf der Bühne und wurde von seinem Lehrer am Mozarteum in Salzburg Benjamin Schmid mit warmen Worten begrüßt. Warum er das Streichquartett von Maurice Ravel in sein Programm genommen hätte, wurde er von Schmid gefragt. Weil es das erste Stück sei, das er mit dem Vision String Quartett, zu dem er erst dazugestoßen sei, gespielt habe.

Diese etwas spitzbübische Antwort war ein erster Hinweis auf die lockere, aber kenntnisreiche Art, in der Florian Willeitner selbst später beim Konzert die verschiedenen Stücke ankündigte und moderierte. Vorneweg sei gesagt, dass er und seine Mitmusiker aus Berlin keinerlei Berührungsängste haben, neben der seriösen und gründlichen Beschäftigung mit der klassischen Musik neue und für diese Sparte ungewohnte Elemente aus der populären Musik in ihr Spiel aufzunehmen. Dies ist vermutlich die Vision, die sich die Musiker in ihren Namen geschrieben haben. Neue musikalische Entwicklungen der klassischen Musik des zwanzigsten Jahrhunderts hatten oft die Tendenz, in immer hermetischere Bereiche vorzustoßen, die dem breiten Publikum immer weniger Möglichkeiten boten, folgen zu können.

Das „Vision String Quartett“ verjüngt die Klassik

Das Vision String Quartett geht einen anderen Weg. Mit eigenen Kompositionen, die Einflüsse von vielen Genres der Musik aufnehmen, versuchen sie, die Klassik zu öffnen für Hörerinnen und Hörer, die nicht unbedingt versierte Liebhaber und Experten sein müssen. Diese Zielrichtung zeigte sich besonders im Mittelteil des Konzerts mit fünf von Florian Willeitner komponierten Miniaturen, die er zeittypisch „Hashtags“ nannte. Elemente von Folkmusik, Jazz, Volksmusik und elektronischer Popmusik werden zu äußerst kunstvollen und virtuosen kleinen Sätzen für vier Streichinstrumente verarbeitet. Zusätzlich zu dieser faszinierenden Art des Notenschöpfens werden auch die Instrumente mit ganz neuen Spielmethoden traktiert. Der Pizzicato-Spielweise oder eine Geige wie eine Gitarre oder ein Perkussionsinstrument zu spielen kommt hier eine wichtige Rolle zu. Was bei den Streichquartetten von Ravel und Schostakowitsch beeindruckte, war die Leichtigkeit und die Präzision, mit denen die vier Musiker diese Wohlbekannten des Repertoires im Stehen (mit Ausnahme des Cellos) und ohne Noten vortrugen.

Ravel geriet fein und luftig, Schostakowitsch düster und linear fortschreitend. Beide Stücke wurden gekonnt in ihrer Charakteristik erfasst und wiedergegeben. Es zeigte sich, dass diese Musiker sich trotz ihrer Offenheit zu anderen Musikstilen weit in ihr musikalisches Kerngebiet vertieft haben. Den Eindruck, der sich nach dem Konzert einstellte, konnte man gut mit Verjüngung einer ganzen Musikrichtung, nämlich der Klassik, bezeichnen, eine Verjüngung, die auch den ureigensten Werken dieses Genres guttut und zu neuem Glanz verhilft.

Auch interessant

Kommentare