"Zur Verantwortung stehen"

Wenn Stefan S. vom Gerhardingerhaus redet, benutzt er oft den Begriff „Sumpf“, der trocken gelegt werden sollte, oder „schwarze Vergangenheit“, die aufgearbeitet werden müsse. Die Stadtverwaltung und der Orden der Armen Schulschwestern in München scheinen dazu mittlerweile bereit. „Wir wollen das Thema aufarbeiten“, versicherte am vergangenen Freitag Stadtdirektor Peter Riegg gegenüber dem KREISBOTEN. Deshalb habe man bereits in der vergangenen Woche versucht, Kontakt mit S. aufzunehmen. Weitere mögliche Opfer haben sich bis Freitag nicht gemeldet.

Jahrelang will der heute in Berlin lebende Stefan S. in den 70er und 80er Jahren im Gerhardingerhaus nicht nur von einem Hausmeister sexuell missbraucht worden sein (der KREISBOTE berichtete). Fast tagtäglich sei es auch zu Misshandlungen durch die Schwestern vom Orden der Armen Schulschwestern gekommen, die seinerzeit das Gerhardingerhaus betreuten. „Misshandlungen und Schläge waren an der Tagesordnung“, berichtete S. gegenüber dem KREISBOTE. Dazu kamen sexuelle Übergriffe älterer Heimbewohner auf S. Bei den Armen Schulschwestern in München nimmt man die Anschuldigungen offenbar ernst. „Wir nehmen diese Vorwürfe ernst und werden eine genaue Durchsuchung durchführen“, erklärte Elisabeth Aleiter, Anwältin des Ordens, am Freitag auf Anfrage. „Eine Aufarbeitung ist in unserem Sinne.“ Zunächst einmal müssten nun aber alle Vorwürfe, Akten und andere Unterlagen überprüft werden. „Man muss schauen: Was ist passiert und was ist verjährt“, so Aleiter. Davon abgesehen, stehe man im engen Kontakt mit der Kemptener Stadtverwaltung, um das weitere Vorgehen abzustimmen. Vor allem soll nun zunächst einmal Kontakt mit S. aufgenommen werden. „Man wird Gespräche führen“, erläuterte die Münchner Anwältin. Das bestätigte auch Stadtdirektor Peter Riegg. „Wir haben dem Betroffenen einen Vorschlag zu einem gemeinsamen Gespräch gemacht“, sagte er am Freitag. S. müsse nun klar machen, in welchem Rahmen und in welcher Form das Gespräch stattfinden soll. Nach ansicht Rieggs ist es am sinnvollsten, wenn ein externer Experte die Mediationsrunde leiten wird. Dabei soll auch darüber diskutiert werden, „inwieweit hätte der Missbrauch seinerzeit bereits geklärt werden können“, so Riegg. "Das war richtig so" Den Hausmeister 1997 unverzüglich zu entlassen, sei die richtige Entscheidung gewesen. „Wie damals reagiert wurde, war absolut richtig“, betonte der Leiter des Verwaltungs- und Finanzreferats. „Allerdings würde man sich heute wohl stärker mit dem Opfer beschäftigen“, gab er zu. Da dies aber das erste Mal sei, dass die Stadt mit so einem Fall konfrontiert werde, „haben wir da einfach noch Nachholbedarf.“ Stefan S. selbst äußerte sich hinsichtlich des Angebots der Verwaltung zurückhaltend. „Ich brauche jetzt keine Hilfe mehr“, betonte er am Montag gegenüber dem KREISBOTEN. Seine Erlebnisse habe er mit Hilfe seiner Homepage und einer Gesprächs-Therapie bereits aufgearbeitet. „Mir geht es darum, dass die, die die Verantwortung hatten, auch dazu stehen“, betonte er. „Man soll sich mal Gedanken machen, warum das so passiert ist“, so S. weiter. „Was ich mir wünsche, ist eine Entschuldigung und das die Vorfälle zugegeben werden.“ Ob er das Angebot der Stadt annimmt und sich tatsächlich mit Vertretern der Stadt und des Ordens an einen Tisch setzt, ließ S. am Montag zunächst einmal offen.

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