Beim Fuchsbandwurm ist weiterhin Vorsicht geboten

Fuchsbandwurm: Panikmache oder echte Gefahr?

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Willi Rolfes

Seit Jahren geistert in den Sommermonaten immer wieder ein Thema durch die Medien: Der Fuchsbandwurm. Dieses Schreckgespenst, das uns den Genuss frisch gepflückter Waldbeeren gründlich verdorben hat und über das viel verunsicherndes Halbwissen durch die Köpfe geistert.

Wir wollten wissen: Wie gefährlich ist der Parasit wirklich? Wo besteht Infektionsgefahr? Wie kann man sich schützen? Und welche Therapiemöglichkeiten stehen im schlimmsten Fall zur Verfügung? 

Der Fuchsbandwurm – Ein Porträt 

Machen wir uns zunächst einmal mit dem Feind bekannt. Beim „Kleinen Fuchsbandwurm“ (Echinococcus multilocularis) handelt es sich laut den Angaben des Bayerisches Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) um einen fünfgliedrigen, zwei bis elf Millimeter langen Parasiten aus der Gattung der Plattwürmer. In seinem fort- pflanzungsfähigen Stadium lebt der Fuchsbandwurm zunächst im Darm von so genannten „Endwirten“. Meist sind es Füchse, gelegentlich auch Hunde, Katzen, Marder oder Dachse. Dort haftet er sich mit Hilfe von Saugnäpfen an die Darmwand an. Der erwachsene Wurm bildet hier im Laufe mehrerer Monate zahllose, mit dem bloßen Auge nicht sichtbare Eier (ihr Durchmesser beträgt lediglich rund 0,03 Millimeter), die über den Kot ausgeschieden werden. 

Mäuse als Überträger 

Kleine Nagetiere, wie etwa Feldmäuse, Wühlmäuse oder Bisamratten nehmen die Eier dann durch Kontakt mit dem Kot auf. Im Magen dieser „Zwischenwirte“ schlüpft aus dem Ei eine Larve, bohrt sich mit ihrem Hakenkranz durch die Darmwand und wandert bevorzugt in die Leber. Hier entwickelt sie sich zu einer Finne, die wie ein Tumor wächst und das Organ nach und nach zersetzt. Dabei bildet sie schwammartiges Gewebe mit vielen kleinen Bläschen, die mit einer gallert- artigen Flüssigkeit gefüllt sind und zahlreiche Bandwurmkopfanlagen enthalten. Das infizierte Tier wird durch den Befall sehr geschwächt und somit zur leichten Beute für seine Jäger (Fuchs, Katze, Hund). Wird eine infizierte Maus von einem Fuchs oder einem Hund gefressen, gelangen die Bandwurmkopfanlagen in dessen Dünndarm, wo sie sich wiederum zu Tausenden von erwachsenen Bandwürmern entwickeln. Sie ernähren sich vom Speisebrei, ohne ihren Wirt wesentlich zu beeinträchtigen. Der Fuchs scheidet die Bandwurmglieder und -eier mit dem Kot aus – und der gesamte Fortpflanzungszyklus beginnt von vorne. 

Extreme Widerstandsfähigkeit 

Die Eier des Fuchsbandwurmes sind extrem widerstandsfähig. Sie bleiben monatelang infektiös. Tiefgefrieren bei minus 20 Grad Celsius kann ihnen nichts anhaben. Somit überstehen sie auch lange, kalte Winter. Erst bei minus 80 Grad Celsius verlieren sie ihre Lebensfähigkeit. Auch handelsübliche Desinfektionsmittel sind wirkungslos. Ebenso wie das Einlegen von Früchten in Alkohol. Lediglich das längere Erhitzen über 70 Grad, etwa beim Braten, Backen oder Einkochen vernichtet die Erreger. 

Der Mensch als „Fehlzwischenwirt“ 

Neben Nagetieren kann auch der Mensch als sogenannter „Fehlzwischenwirt“ des Kleinen Fuchsbandwurms dienen. „Fehl-” deswegen, weil das Finnengewebe beim Menschen fast nie Bandwurmkopfanlagen ausbildet und weil die Finnen aus dem Menschen in der Regel nicht in den Körper von Füchsen gelangen. Der Fortpflanzungszyklus endet also im Menschen. Die Infektion selbst verläuft indes ähnlich wie bei der Maus. 

Theoretische Infektionswege 

Die genauen Übertragungswege von Fuchsbandwurmeiern auf den Menschen sind noch nicht im Detail bekannt. Grundsätzlich muss eine Aufnahme der Eier durch den Mund erfolgen. Als mögliche Infektionsquelle kommt beispielsweise der Verzehr von Lebensmitteln in Frage, die mit Bandwurmeiern verunreinigt sind. Da Füchse heutzutage nicht mehr ausschließlich im Wald leben, sondern häufig kaum noch Scheu haben durch Dörfer und Städte zu streichen, hinterlassen sie ihren Kot dort auf Wiesen, in Gärten, auf Erdbeerfeldern und Grünanlagen und machen diese zu potenziellen Risikogebieten. Daneben können die Eier grundsätzlich auch durch das Anhaften am Fell anderer Tiere weiterverbreitet werden und sich so an den (berühmt-berüchtigten) Waldfrüchten oder Beeren befinden, aber ebenso im Gras, an Fallobst, Freilandgemüse und Kräutern. 

Gefahrenquelle Bello und Miezi 

Verschiedenen Quellen zufolge geht die größte Gefahr jedoch von Haustieren aus, an deren Fell Eier haften könnten. Sollte Bello beim Spaziergang an einem toten Fuchs geschnuppert oder das apportierte Stöckchen zuvor an einer infizierten Stelle gelegen haben, besteht theoretisch die Möglichkeit einer Übertragung. Auch passionierte Mäusejäger unter den Katzen und Hunden sind gleichermaßen gefährdet wie gefährlich. Wenn sie infizierte Mäuse fressen, dienen sie dem Bandwurm als Zwischenwirte. Bei engem Kontakt zu unzureichend entwurmten Haustieren könnten die Eier theoretisch über Hände und andere Hautstellen in den Mund und den Darm des Menschen gelangen. 

Krankheitsverlauf 

Beim Menschen ist eine Ansteckung mit dem Fuchsbandwurm äußerst selten, dann aber lebensgefährlich. Die Erkrankung verläuft zunächst schmerz- und beschwerdefrei. Der Erreger befällt unbemerkt die Leber (seltener die Lunge oder das Gehirn), in der sich die Larven des Bandwurms entwickeln. Diese wachsen sehr langsam und zerstören das Organ tumorartig. Zwischen Ansteckung und den ersten Symptomen wie Oberbauchschmerzen, erhöhten Leberwerten oder Gelbsucht können bis zu 20 Jahre vergehen. Daher lässt sich der Ansteckungsweg kaum noch feststellen. Die Diagnose der Echinokokkose erfolgt per Ultraschall, CT oder MRT. Anhand von Blutuntersuchungen können Antikörper gegen Bandwurmfinnen schon nach vier bis sechs Wochen festgestellt werden. 

Therapiemöglichkeiten 

Bis vor wenigen Jahrzehnten verlief die Echinokokkose fast immer tödlich. Selbst heute noch lassen sich trotz Therapie massive Organschäden oft nicht verhindern. Je nach Zeitpunkt der Diagnose können die vom Finnengewebe befallenen Teile der Organe operativ entfernt werden. Die Patienten müssen jedoch ein Leben lang starke Medikamente einnehmen, die das Tumorwachstum hemmen, den Erreger aber nicht ganz abtöten können. „Für die Patienten ist es eine hohe psychische Belastung, dauerhaft mit einem großen Parasiten im Körper leben zu müssen", so das Robert Koch Institut in einem Bulletin. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist übrigens nicht möglich. 

Wie groß ist die Gefahr wirklich? 

Stellt sich nach all den besorgniserregenden Fakten die Frage: Wie groß ist die Gefahr denn nun wirklich? Tatsache ist, dass der Fuchsbandwurm in allen mitteleuropäischen Ländern vorkommt, vor allem in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich und Norditalien. In Deutschland sind besonders Bayern und Baden-Württemberg betroffen. Die vom Kleinen Fuchsbandwurm ausgelöste Alveoläre Echinokokkose zählt europaweit zu den gefährlichsten Wurmerkrankungen beim Menschen – aber, und das sei an dieser Stelle deutlich gesagt, auch zu den seltensten. Seit 2001 gibt es eine Meldepflicht: Laut Informationen des Robert Koch Instituts traten zwischen 2001 und 2008 bundesweit 149 neue Krankheitsfälle auf. Das sind im Schnitt 18,6 Fälle pro Jahr. Im Jahr 2013 wurden in ganz Bayern elf Fälle von Echinokokkose bekannt. Davon vier in Oberbayern, zwei in Unterfranken und fünf in Schwaben. Das Risiko einer Ansteckung ist also extrem gering. „Seit Mitte 2000 hatten wir hier im Oberallgäu keinen einzigen bekannten Fall von Echinokokkose“, bestätigt der Leiter des Gesundheitsamtes Oberallgäu, Dr. Alfred Glocker. „Wie bei allen Krankheiten spielen auch hier die Abwehrkräfte eine wichtige Rolle“, betont er. „Denn wenn das Immunsystem intakt ist, muss es auch nach Kontakt zum Erreger nicht zwingend zu keiner Infektion kommen.“ 

Auch in den Reihen der potenziell durch den hautnahen Kontakt zu Füchsen stärker gefährdeten Jägerschaft sieht man bislang keine Gefahr im Verzug. Wolfgang Runge, der 2. Vorsitzende und Pressereferent des Kreisjagdverbandes Oberallgäu erläutert den Stand der Dinge im Landkreis: „Der Kreisjagdverband führt jedes Jahr im Februar eine sogenannte `Fuchswoche´ durch, in der regelmäßig circa 80 Füchse erlegt und stichprobenartig auf Tollwut, Räude und Fuchsbandwurm untersucht werden. Tollwut und Fuchsbandwurm konnte bisher bei keinem untersuchten Fuchs nachgewiesen werden.“ In den letzten 20 Jahren habe sich im gesamten Verantwortungsbereich des Kreisjagdverbandes kein einziger Jäger mit dem Fuchsbandwurm angesteckt. „Eine Infektion von Dritten wie zum Beispiel Spaziergängern, Waldbesuchern oder Anwohnern ist äußerst unwahrscheinlich“, sagt er. „Sie kann durch die Einhaltung einfachster Vorsichtsmaßnahmen zuverlässig verhindert werden.“ 

Ein paar einfache Schutzmaßnahmen 

Es gibt einige leicht umsetzbare Tipps zur Vorbeugung. 

Gründlich Händewaschen: 

…nach Arbeiten in Garten, Feld oder Wald. Verschmutzte Schuhe oder Kleidung nicht ins Haus bringen. …nach dem Spielen draußen 

…nach dem Kontakt mit (Haus-)Tieren 

Bodennah wachsende Früchte, Beeren, Pilze oder Fallobst, das von Streuobstwiesen aufgelesen wurde, nicht direkt naschen, sondern zuerst gründlich waschen. Das gilt auch für Obst und Gemüse, das aus Freilandkulturen, Gärten oder Plantagen stammt (zum Beispiel Erdbeeren). 

Haustiere wie Hunde oder Katzen regelmäßig entwurmen lassen. Da Wurmeier auch über Fell und Pfoten verschleppt werden können, den Kontakt mit den Tieren in hygienischem Rahmen halten – diese also nicht ins Bett oder auch sich nicht im Gesicht ablecken lassen. 

Am sichersten ist es, Lebensmittel mehrere Minuten auf eine Kerntemperatur von mindestens 70 Grad Celsius zu erhitzen, etwa beim Braten, Backen oder Einkochen. Tiefgefrieren, Desinfektion oder das Einlegen von Früchten in Alkohol gewährt keinen Schutz. Der Erreger wird erst bei einer Temperatur von minus 80 Grad Celsius über mehrere Tage unschädlich. 

Füchse, die in Gärten vordringen, nicht anfassen, nicht füttern und ihnen auch keinen Zugang zu Futter und Abfällen ermöglichen. Fuchskot mit einer Schaufel entfernen, Stelle mit kochendem Wasser übergießen. Vorsicht bei Mäusen, den vorrangigen Zwischenwirten. Bei landwirtschaftlichen Tätigkeiten, bei denen viel Staub aufgewirbelt wird (zum Beispiel Mähen oder Heuen), möglichst einen Atemschutz tragen. Gesundheitsamtsleiter Dr. Alfred Glocker betont: „Hygienemaßnahmen, wie gründliches Händewaschen oder das Waschen von Gemüse und Obst, sollten selbstverständ- lich sein. Sie sind schließlich nicht nur ein Schutz vor dem Fuchsbandwurm, sondern auch vor anderen Infektionskrankheiten, wie EHEC oder Salmonellen.“ Sabine Stodal

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