Kundgebungen in Kempten

Gaza spaltet die Menschen

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Rund 150 Menschen sagten Antisemitismus und Antizionismus den Kampf an.

Kempten – „Freiheit für Palästina“ versus „Kempten sagt „Nein!“ zu Antisemitismus und Antizionismus“ hieß es am Samstag in Kemptens Innenstadt, als zwei friedliche Demos nacheinander über die Fischerstraße zum Forum Allgäu zogen.

Vergangener Samstag: Am frühen Nachmittag setzt sich ein privat von Romina Gütter initiierter Demonstrationszug mit knapp 50 Teilnehmern in Bewegung. Der Weg führt vom Schwegelin-Brunnen durch die Fußgängerzone bis zum Forum Allgäu. „Freiheit für Palästina“ ertönt immer wieder, fast wie ein Schlachtruf. Auf den mitgetragenen Schildern und Transparenten sind Sprüche zu lesen wie „Nicht mit Unseren Waffen“ oder „Israel-Kritik ist nicht Antisemitismus. Früher Opfer, jetzt Täter!“, dazwischen bunte „Pace“-Fahnen und auch ein Plakat der Partei „Die Linke“, die unter anderem durch Mitorganisator Stefan Albanesi in vorderster Reihe vertreten ist.

Ein differenzierteres Plakat sticht am Rand der Gruppe hervor: „Zusammen mit der Friedens-Demonstration heute in Tel Aviv sagen wir: „Mit-Menschlichkeit ist niemals antisemitisch. Existenzrecht für Israel UND Palästina!“ Unter dem Text zeigt eine Bildreihe einen Ausschnitt der Mauer zwischen Gaza und Israel sowie vier Bilder, die das Zusammenschrumpfen des Palästinensergebietes über die Jahrzehnte dokumentieren. Versehen sind die Bilder mit dem Text: „60 Jahre Israel, 60 Jahre Entrechtung der Palästinenser“. Der Träger des Plakates stellt sich als Johann Georg Gauter vom Deutsch-Israelischen Arbeitskreis für Frieden in Deutschland e.V. vor; einer, der sich ganz vorne nicht nur für die Stolpersteine gegen das Vergessen der Nazi-Opfer in Kempten engagiert und sie regelmäßig reinigt, wie er sagt, sondern sich auch vehement für den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern einsetzt.

Er habe viele Familienangehörige und auch Bekannte in Israel – dennoch, für ihn „ist es eine ganz schlimme Wegnahme von Land und Wasser“ was in Gaza passiert. „Die Gebiete sind nicht besetzt, sie sind Israel“, sagt er und beruft sich dabei auf einen Satz, den Andreas Eggert von den Israelfreunden einmal zu ihm gesagt habe. Warum er sich diesem Demonstrationszug angeschlossen hat und nicht dem nachfolgenden der „Allgäuer Israelfreunde“ begründet er damit, dass „auch für viele Menschen in Israel die Besetzung nicht O.K. ist, die verzweifeln, aber nicht wissen, wie sie sich durchsetzen können.“ Bei der Ankunft am Forum Allgäu regnet es bereits in Strömen. Nur wenige Passanten halten inne, um der kurzen Kundgebung der Demonstranten zuzuhören.

Während sich Demo 1 auflöst, setzen sich rund 150 Teilnehmer der zweiten Demo am Residenzplatz mit gleicher Route in Bewegung. Dem Aufruf der „Allgäuer Israelfreunde“ sind auch zahlreiche Sympathisanten aus Augsburg oder München gefolgt. Statt Parolen zu skandieren singen sie israelische Lieder. Sie stellen auf einem großen Banner klar: „Kempten sagt „Nein!“ zu Antisemitismus und Antizionismus“.

Der Regen drängt potentielle Zaungäste an die Häuserwände und die aufgespannten Schirme der Demonstranten erschweren das Lesen der Plakate. Dennoch, „Terrortunnel unter deiner Stadt. Wie würdest du dich fühlen?“ spitzt auf einem Bild des von palästinensischer Seite gegrabenen Tunnelsystems heraus; und auch: „Israel will Frieden“. „Peace will come when the Arabs love their children more than they hate us“ (Frieden wird kommen, wenn die Araber ihre Kinder mehr lieben als sie uns hassen) zi- tiert ein weiteres Plakat die einstige Ministerpräsidentin Israels, Golda Meir, aus dem Jahre 1958.

Auf Flugblättern macht sich das Kemptener „Antirassistische Jugendaktionsbüros im react!OR“ unter anderem stark „Gegen jeden Antisemitismus – Für die Zerschlagung der Hamas – Für Frieden und Emanzipation“. Die Kundgebung am Forum drückt tiefe Enttäuschung – fast Verbitterung – über tagtäglich verbreitete „ Märchen“ durch die Medien von „der einen Million armen, vor sich hin vegetierenden Palästinensern, die in dem „Freiluftgefängnis“ Gaza auf engstem Raum eingesperrt sind und von Israel belagert und angegriffen werden, wobei vor allem kleine Kinder und Frauen sterben.“ Es ist die Enttäuschung darüber, dass die Menschen nur dann auf die Straße gehen würden, wenn man Israel etwas anhängen könne. Niemand in Deutschland habe sich beispielsweise dafür interessiert als die syrische Armee 180.000 Palästinenser vertrieben habe oder die Menschen im palästinensischen Flüchtlingslager Yarmouk ausgehungert hätten.

Mit Zahlen und Fakten sind die drastischen Schilderungen gespickt, die die allgegenwärtige Bedrohung der Israelis beschreiben und die „Schein- heiligkeit“ der Hamas anprangern. Israel kämpfe nicht gegen die Palästinenser oder gegen die Bewohner von Gaza. „Israel kämpft einen legitimen Verteidigungskrieg gegen eine mörderische Terrororganisation“, macht der Sprecher deutlich. Auf einem Flugblatt der „Allgäuer Israelfreunde“ steht: „Ein Antisemit ist man, wenn man Israel oder Juden für etwas kritisiert, das man bei jedem anderen Land und bei jedem anderen Volk kritiklos hinnimmt.“

Christine Tröger

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