Kunst in Zeiten der Pandemie

Zwei Mittelfränkinnen als Preisträger des vierten artig Kunstpreises

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Künstlerin Nadine Elda Rosani gewann mit ihrem Werk „Was wir nicht sehen“ den diesjährigen artig Sonderpreis.

Kempten – Seit 2014 wird der artig Kunstpreis alle zwei Jahre in der Galerie Kunstreich vergeben. Doch so wie in diesem Jahr – unter dem Einfluss der Pandemie – wurde die Preisverleihung noch nie zelebriert: mit achtwöchiger Verspätung und nach vielen Gesprächen mit den Behörden durfte die Veranstaltung am vergangenen Freitagabend doch noch stattfinden, wenn auch unter besonderen Bedingungen. Statt einer sonst üblichen Preisvergabe in der Kunstgalerie, wichen die Veranstalter auf den nahe gelegenen St.- Mang-Platz aus. Maximal 100 geladene Gäste durften unter Einhaltung der Abstandsregeln teilnehmen.

„Wir machen Kunst nicht deshalb, weil es unser Beruf ist, sondern, weil es unsere Berufung ist. Und so machen wir weiter, egal, ob wir Hilfe bekommen oder nicht“, sagte Stephan A. Schmidt, Vorsitzender des artig e.V., zu Beginn der vierten Preisverleihung des artig Kunstpreises. Schon im Vorfeld der Veranstaltung zeigte sich der Verein überzeugt davon, dass Kunst trotz Corona endlich wieder passieren und sichtbar werden müsse. Ursprünglich wollte der Vereinsvorsitzende in seiner Ansprache ausführlicher auf Systemrelevanz und Kunst eingehen, darauf, wie Kunstschaffende systemkritisch dachten, arbeiteten und lebten. Doch Schmidt verzichtete darauf und stellte stattdessen die Preisverleihung selbst in den Mittelpunkt. 

Die Jury erreichte rund 700 Werke von 380 verschiedenen Künstlern aus Deutschland und anderen europäischen Ländern. Am Ende blieben 73 Werke übrig, die für den Kunstpreis, den Sonderpreis und den Publikumspreis nominiert wurden. „Innerlich zerrissen mag sie sein, diese Frau, aber nicht geoder zerbrochen. Ähnlich wie der Baumstamm, aus dem sie entstand, und dessen senkrechter Riss durch den Oberkörper weiter wächst, weil das Holz weiterhin arbeitet.“ Mit diesen Worten leitete Schmidt die Verleihung des mit 1500 Euro dotierten Sonderpreises ein und spielte dabei auf das Werk „Was wir nicht sehen“ der mittelfränkischen Holzbildhauerin und gelernten Schreinerin Nadine Elda Rosani an. 

Die 1,70 Meter große, auf einem Sockel stehende Skulptur aus Kirschblütenholz sollte eigentlich auf zwei Beinen stehen, doch das Holz sei an der Stelle, an der der zweite Fuß hätte sein müssen, schon brüchig gewesen, verriet Rosani. „Ich möchte damit aufzeigen, dass viele Verletzungen von innen heraus kommen, die somit für Außenstehende nicht sichtbar sind. Trotzdem soll die Skulptur nicht negativ sein, denn sie blickt nach vorne. Das kann für den Betrachter anfangs etwas verwirrend sein“, erklärte die Künstlerin ihr Werk. 

Auch der mit 2500 Euro dotierte artig Kunstpreis ging mit dem Werk „Traumflieger“ von Bettina Graber-Reckziegel nach Mittelfranken. Die Arbeit habe Tiefgang und vermag spätestens auf den zweiten Blick zu verzaubern. Es sei bald verstanden, habe aber wie bei manchem Wein einen mulmigen Abgang, beschrieb Schmidt das hauptsächlich aus Porzellan bestehende Werk, das ein Bett mit darüber fliegenden Kampfflugzeugen zum einen und weißen Friedenstauben zum anderen zeigt. Mit dem Werk will die Künstlerin auf Zweierlei aufmerksam machen. „Auf der einen Seite hatte die Menschheit schon immer den Traum vom Fliegen, auf der anderen Seite möchte ich einen Kontrast dazu darstellen und die Fragen aufwerfen, wie wir Krieg führen und mit unserer Welt umgehen“, erzählte Graber-Reckziegel. „In uns allen besteht der komplexe Wunsch nach Frieden. Im Traum ist alles möglich und alles erlaubt. Was wäre, wenn sich alle Panzer in Oasen verwandeln würden?“ Die Künstlerin entschied sich dabei bewusst für Porzellan als Material. Dieses sei bei uns positiv besetzt und würde mit Nippes und Sammlerstücken verbunden werden, die im geschützten, heimeligen Zuhause stünden. Dies habe sie verfremden wollen, indem sie das Material mit dem Thema der Kriegsmaschinerie besetze. 

Sowohl Rosani als auch Graber-Reckziegel dürfen ihre Werke im kommenden Jahr in einer kostenfreien Soloausstellung in der Galerie Kunstreich präsentieren. Die 73 für den artig Kunstpreis nominierten Werke sind noch bis Sonntag, 19. Juli, im Kunstreich (Schützenstraße 7) ausgestellt (Öffnungszeiten sind Dienstag von 16 bis 20 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr). Bis dahin können alle Besucher ihre Stimme für den artig Publikumspreis abgeben. Dieser wird bei einer kleinen Finissage am letzten Abend der Ausstellung um 17 Uhr verliehen.

Dominik Baum

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