Im Januar schließt die zweitälteste noch bestehende Buchhandlung Deutschlands

424 Jahre Köselsche Buchhandlung

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Am 14. Januar 2017 geht das Licht in der zweitältesten noch bestehenden Buchhandlung Deutschlands endgültig aus.

Kempten – „Die Köselsche Buchhandlung Kempten hat ihren Namen von Josef Kösel; ebenso der Kösel-Verlag in München und die Graphischen Werkstätten in Kempten. Josef Kösel hatte die 1802 säkularisierte fürstäbtliche Hofbuchdruckerei 1805 erworben; er war ihr letzter „Faktor“ gewesen und wurde nun ihr Inhaber. Gegründet worden war diese Druckerei als ‚Typographia Ducalis Cambodunensis’ 1593 durch Fürstabt Johann Erhard Blarer von Wartensee. Dokumente hierüber sind leider nicht erhalten, wohl eine Folge des Dreißigjährigen Krieges, der 1632 zur völligen Zerstörung und Plünderung der Fürstabtei führte. Nach dem Archiv des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ist die Köselsche Buchhandlung damit die zweitälteste noch bestehende Buchhandlung in Deutschland.“

So steht es im Vorwort des 1993 zum 400-jährigen Bestehen der Köselschen Buchhandlung erschienen Buches „Renaissancehof und Benediktinerkloster“ von Gerhard Immler. Das Vorwort stammt von Leopold Tröger, der von 1976 bis 1999 Inhaber der Buchhandlung war und sie zum 1. Januar 2000 an die heutige Inhaberin Kerstin Stowasser veräußerte.

Manch einer mag darüber stolpern, dass verbunden mit dem Jahr 1593 die Rede lediglich von der Druckerei „Typographia Ducalis Cambodunensis“ ist. Dazu muss man wissen, dass es seinerzeit keine Buchhandlungen im heutigen Sinn gegeben hat, sondern Bücher aus der Druckerei heraus verkauft wurden. Erst 1750 wird laut Jubiläumschronik eine zur Stiftsdruckerei gehörende Sortimentsbuchhandlung in Kempten gegründet, die spätestens seit 1767 nach den Briefbüchern auch nachzuweisen ist. Die Geschichte von Druckerei und Buchhandlung sind jedenfalls untrennbar miteinander verbunden.

Über 400 Jahre Geschichte

Über zwei Jahrhunderte hinweg waren die „Hochfürstliche Hofbuchdruckerei“ und die Papiermühle Hegge Bestandteil des Fürststifts Kempten. 1661 wird Rudolf Dreher erster Faktor in der nach totaler Zerstörung anno 1632 nun neu errichteten Druckerei und ist als technischer Leiter sowie Hofbeamter gegenüber dem Fürstabt – inzwischen Roman Giel von Gielsberg (1639 – 1673) – rechnungspflichtig. Neben liturgischen und Werken anderen religiösen Inhalts werden auch wissenschaftliche, vor allem unterschiedlicher theologischer Disziplinen, gedruckt sowie Formulare für die Kanzleibereiche und ähnliches.

Säkularisation und danach

1794 tritt der Faktor Joseph Kösel (1759 – 1825) die Stelle des Druckereileiters an, die er über die Säkularisation (1802/1803) hinaus behält. Die letzte nachweisliche Firmierung als „Hochfürstliche Hofbuchhandlung“ datiert vom 22. November 1802. Sie geht zusammen mit der Fürstäbtlichen Buchdruckerei und der Papiermühle Hegge bereits am 1. Dezember desselben Jahres, im Zuge der Säkularisation, in den Besitz der Churbayerischen Regierung über. Bereits wenige Jahre später, am 2. Mai 1805, ergreift Joseph Kösel die Chance und erwirbt die inzwischen mit neun Druckpressen ausgestattete Druckerei sowie Verlag und Buchhandlung in einer Versteigerung. 1811 verlegt er die Druckerei aus dem ehemaligen Kloster – der Residenz – in das schon früher von ihm erworbene sogenannte Sager‘sche Anwesen am heutigen Mühlweg/Joseph-Kösel-Weg in der Stiftsstadt. Die klösterlichen Wurzeln des Unternehmens sind auch im ersten bekannten Verlagsverzeichnis aus dem Jahr 1821 nicht zu übersehen: ein gutes Drittel des Verlagsprogramms bestreiten liturgische Werke in lateinischer Sprache, etwa die Hälfte aller Titel sind Predigten, Gebet-, Andachts- und Gesangbücher in deutscher Sprache, darüberhinaus aber unter anderem auch Geschichtswerke, Fachbücher oder gar Lebensberater wie „Die Kunst sich selbst zu kennen“ von J. J. Holzmiller.

Bewegte Zeiten

Unruhige Jahre mit mehreren raschen Wechseln folgen dem Tod Joseph Kösels im Jahr 1825, nach dem zunächst dessen Witwe Veronika für drei Jahre die Geschäfte in die Hand nimmt und Johann Huber (1806 – 1864) mit der Betriebsleitung betraut. Als der Kemptener Kaufmann Nikolaus Bail die Druckerei erwirbt, wird Huber dort Prokurist und führt Druckerei und Buchhandlung auch nach dem Tod Bails 1833 und der Geschäftsübernahme durch dessen Witwe Nanette weiter. 1838 schließlich schlägt die Gunst der Stunde für Johann Huber: Am 23. März erwirbt er den gesamten Köselschen Betrieb und begründet damit eine über 100 Jahre währende, als Alleininhaber die Firmenentwicklung prägende Dynastie, mit mutigen und geschäftstüchtigen Familienmitgliedern: Ludwig Huber (1848 – 1900), Cornelie Huber (1850 - 1926), ihre Söhne Dr. Paul Huber (1875 – 1911) und Hermann Huber (1883 – 1927) sowie dessen Witwe Ottilie Huber (1884 – 1972) und in der Nachkriegszeit deren Sohn Paul Huber (1917 – 2010), der Verlag und Druckerei nach dem Zusammenbruch gemeinsam mit dem Verlagsleiter Dr. Heinrich Wild (1909 – 1975) wieder aufbaut. Mit seinem Eintritt in den Ruhestand 1982 werden die den Graphischen Werkstätten verkauft.

Die Buchhandlung(en)

Nicht nur Verlag und Druckerei wachsen beständig. Auch die Buchhandlung entwickelt sich im Lauf der Jahre zu einem regelrechten Ladennetz. 1905 wird in Augsburg die B. Schmidsche Buchhandlung erworben und mit dem Verlag verbunden; nach Lindau, Kaufbeuren und Koblenz (1916) wird 1919 auch noch in Köln eine Buchhandelsniederlassung gegründet: die Köselsche Buchhandlung. Weiter auf Wachstumskurs fusioniert der Kösel-Verlag in der Sparte Buchhandel am 1. Oktober 1920 mit der Verlagsbuchhandlung Friedrich Pustet, Regensburg, die Niederlassungen in Köln, Leipzig, Rom und Wien hat, sowie mit der J. J. Lentnerschen Buchhandlung, München. 1942 zerstören Brandbomben die Köselsche Buchhandlung in Köln komplett, die Zweigniederlassungen in Augsburg und Leipzig werden aufgelöst. 1946 wird die Buchhandlung in Köln unter schwierigen Bedingungen wieder aufgebaut, 1963 zieht sie in das neu erbaute Roncalli-Haus, wo sie noch heute zu finden ist. Zum Verlag gehört sie seit Verkauf des Verlages in München im Jahr 2001 allerdings nicht mehr.

Ende der Ära in Kempten

Die Ära der Köselschen Buchhandlung in Kempten geht am 14. Januar 2017 dagegen endgültig zu Ende. Es sind gesundheitliche Gründe, die Kerstin Stowasser zwingen, die zweitälteste Buchhandlung Deutschlands aufzugeben. Eine Nachfolge hat sie dafür nicht finden können.

Christine Tröger

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