"Zwischen Fakt und Fake"

Online-Talk zu medizinischen (Un)Wahrheiten in Corona-Zeiten

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Dr. Dominik Spitzer, Stadtrat, Allgmeinmediziner und Gesundheitsexperte der FDP, ist ein Befürworter des Impfens, aber kein Freund einer allgemeinen Impfpflicht, auch nicht im Fall Corona.

Kempten – In der vergangenen Woche lud die Friedrich-Naumann-Stiftung Interessierte zum Webinar „Medizin zwischen Fakt und Fake – Impfgegner und Homöopathie in Zeiten von Corona“ ein. Maik Schnierer, Referent der Stiftung, begrüßte am Abend den gesundheitspolitischen Sprecher der FDP-Fraktion im Bayerischen Landtag und Kemptener Stadtrat Dr. Dominik Spitzer und Dipl. Ing. Dr. Norbert Aust, einen scharfen Kritiker der Hömöopathie, zum Online-Expertengespräch. Dr. Aust ist Mitbegründer des Informationsnetzwerks Hömöopathie INH. Geleitet wurde die Diskussion von Andrea Kühme, die zudem die Zuschauerfragen weiterreichte.

Dr. Spitzer erläuterte zu Beginn die Beschaffenheit von Impfstoffen und deren erfolgreiche Wirksamkeit im Kampf gegen Polio, Diphtherie oder den Pocken. Daher wünscht sich der Mediziner, dass Gleiches auch bei den Masern erreicht wird. Dr. Spitzer glaubt nicht, dass es zu einer Zwangsimpfung beim Corona-Virus kommen wird, da es zum einen zu wenig Impfstoffe geben und zum anderen ohnehin ein Run auf den Impfstoff einsetzen wird. Spitzer räumt ein, dass es in puncto Impfen Ängste in der Bevölkerung gebe, die sich aber z.T. zu „Verschwörungstheorien“ ausbilden. Beispielhaft wird bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie behauptet, dass Welteliten Impfungen als Mittel zur Unterdrückung einsetzen könnten. Bei der Hömöopathie ist es dem FDP-Gesundheitsexperten wichtig, dass zwischen Hömöopathie und Naturheilkunde unterschieden wird. Aus der Sicht von Spitzer konnte die Hömöopathie im Gegensatz zur evidenzbasierten Medizin ihre Heilwirkung niemals unter Beweis stellen. „Alles was wir hier haben, sind Placebo-Effekte“, so Dr. Spitzer. Deshalb verwehrt sich dieser auch dagegen, dass hömöopathische Präparate Medikamenten gleichgestellt werden und somit durch die Solidargemeinschaft mit finanziert werden. Auch Dr. Norbert Aust schloss sich den Ansichten seines Gesprächspartners an. Die Hömöopathie sei deshalb in Deutschland so erfolgreich, „weil sie hervorragendes Marketing betreibe und keine wissenschaftlichen Beweise erbringen muss. Nachdem diese den Weg in das Arzneimittelgesetz gefunden haben, werden z.T. sogar ihre Kosten durch Krankenkassen übernommen.“ 

Viele Wahrheiten

Ein Nachteil der Schulmedizin sei der chronische Zeitmangel bei der Behandlung der Patienten, räumt Allgemeinmediziner Dr. Spitzer ein: „An manchen Tagen kann ich mich jedem Patienten nur fünf Minuten zuwenden. Ich kann verstehen, dass sich da mancher vernachlässigt und schlecht beraten fühlt.“ Spitzer gibt zu, dass ein Hömöopath, der mehr Zeit pro Patient aufwenden kann, hier im Vorteil ist: „In der Hektik des Praxisalltags geht leider zu oft der ganzheitliche Ansatz unter und es wird symptombezogen behandelt.“ Dr. Norbert Aust teilt die kritische Haltung des FDP-Gesundheitsexperten zur Hömöopathie, was er am Beispiel der Unwirksamkeit des „Wassergedächtnisses“ erläutert. Im Anschluss an diese Ausführungen wurden Fragen aus dem Zuschauerchat an die Experten gerichtet. Die Frage, ob Fake News in Corona-Zeiten unter Strafe gestellt werden sollen, beantwortet Spitzer mit einem „Nein“. Allerdings finden seiner Ansicht nach die Argumente der Impfgegner zu viel Gehör. Hier wünscht sich der Mediziner mehr Augenmerk auf die Erfolge des Impfens, das Krankheiten wie Polio, Pocken, Diphterie und Tetanus ausgerottet hat. Spitzer betrachtet die vielen Informationsangebote im Internet als kritisch und empfiehlt beim Thema Impfen, sich auf die aus seiner Sicht seriösen Anbieter wie die Ständige Impfkommission, das RKI oder den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu verlassen. Zudem sagen beide Diskutanten, dass der Umgang mit der Corona-Pandemie auch für die Wissenschaft Neuland ist und es daher laufend zu Korrekturen, wie beim Einsatz von Masken, kommen kann. „Wir alle nehmen teil an „Wissenschaft live! Da gibt es Versuch und Irrtum“, sagt Dr. Norbert Aust. Grundsätzlich plädieren beide Redner dafür, die Diziplin im Umgang mit dem Virus zu bewahren. Der restriktive Umgang mit Corona sei erfolgreich gewesen, habe die Anzahl der COVID-19 Erkrankten gering gehalten und das Gesundheitsssystem vor dem Kollaps bewahrt: „Diese Erkenntnis verschwindet im Meer von Meinungen und „gefühlten Wahrheiten“ des Internets“, so Spitzer und Aust, die sich mehr Medienkompetenz bei Internetnutzern wünschen. „Wir müssen die Komptenz der Internet-User in Richtung wissenschaftsbasiertes Denken schulen“, so Dr. Aust. Am Ende wird die Frage gestellt, welchen Weg die beiden Experten bei der Pandemie-Bekämpfung vorschlagen. Bei Großveranstaltungen sieht Spitzer keine andere Möglichkeit, als den Zugang zu beschränken. Spitzer und Aust betonen, dass der Einzelne begreifen muss, dass es nicht nur um die eigene, sondern immer auch um die Gesundheit des anderen gehe. So sprechen sich beide weiterhin für das Tragen von Nasen-Mund-Schutz und der Einhaltung des Mindestabstand aus. Denen, die durch diese Maßnahmen der wirtschaftliche Ruin droht, soll finanziell geholfen werden.

Kommentar

Dr. Spitzer und Dr. Aust fordern zu Recht mehr Medienkompetenz ein, wenn es darum geht, im Netz Fake News besser zu erkennen. Wahr ist aber auch, dass es auch dort respektable Stimmen von Experten gibt, denen es lohnt zuzuhören. Unlängst war Prof. Dr. rer. nat. habil Peter Pflaumer beim Podcast „indubio“ zu Gast. Professor Dr. Pflaumer war 25 Jahre lang der Leiter des Arbeitsbereichs Wirtschaftsmathematik und Betriebsstatistik an der Hochschule Kempten und kommt, basiernd auf den Daten des Statistischen Bundesamtes, zu der Erkenntnis: Es gibt keine coronabedingte Übersterblichkeit in Deutschland. Beim Internet ist es wie beim Fernsehen – es macht die Klugen klüger und die Dummen dümmer. 

Jörg Spielberg

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