Freizeitsportler schaden Wildtieren

"Da ist was los in Wald und Flur"

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Mit viel Eigeninitiative versucht Jäger Rainer Kählig (hier mit seiner Deutsch-Kurzhaar-Jagdhündin Sira beim Anbringen von Schafwolle), nachwachsenden Jungwald vor Verbiss-Schäden zu schützen.

Dietmannsried – Am 16. Januar hat die Schonzeit des Rehwildes begonnen. Doch selbst wenn den Tieren von des Jägers Flinte keine Gefahr droht, kann von „Schonzeit“ keine Rede sein.

Denn immer mehr Freizeitsportler, seien es Schneeschuh-Wanderer, Geocacher, Skilangläufer, Nordic-Walker, Reiter oder Mountainbiker, zieht es in die Wälder und Felder, wo sie auf der Suche nach Erholung und unberührter Natur oftmals die befestigten Wege verlassen. Was des einen Freud´, ist auch hier des anderen Leid. Rainer Kählig, der Stellvertretende Vorsitzende des Kreisjagdverbandes Kempten erläutert gegenüber dem KREISBOTEN, warum dieses unbedachte Freizeitverhalten für viele Wildtiere äußerst problematisch ist. 

Anders als vor einigen Jahrzehnten, als sich höchstens ein paar Jogger oder Spaziergänger in die Wälder verirrten, werden die Wildtiere heutzutage auf eine harte Probe gestellt. Zu allen Jahreszeiten und fast rund um die Uhr werden sie von Erholungssuchenden gestört. Vor allem an Wochenenden ist alles auf den Beinen, „da ist was los in Wald und Flur“, erzählt Rainer Kählig. Was vielen dabei nicht bewusst ist: Wenn die Tiere im Winter aufschrecken und wegrennen, bedeutet das großen Stress und einen erhöhten Energiebedarf, der für das Wild schwer zu decken ist. „Für geschwächte Rehe kann so etwas leicht lebensbedrohlich werden“, erläutert der 56-jährige Dietmannsrieder, der seit über dreißig Jahren Jäger ist und selbst ein Niederwildrevier in der Nähe von Haldenwang gepachtet hat. 

Die Folgen sind Verbiss 

 Das Wild werde zudem immer mehr in die Wälder hineingedrängt oder von Futterstellen verscheucht, was noch zu einem ganz anderen, massiven Problem führen kann: Dem sogenannten Wildverbiss, also dem Abfressen von Knospen und Trieben an jungen Bäumen, der das Wachstum der Bäume verzögert. Dieser Verbiss findet hauptsächlich zwischen Februar und April statt und ist ein großes Ärgernis für Waldbesitzer, das sich bei vielen in einem Ruf nach höheren Abschussquoten äußert und in dem in Bayern gesetzlich verankerten Grundsatz „Wald vor Wild“ seinen Niederschlag findet. „Das Rehwild wird zu Unrecht immer mehr zum Schädling abgestempelt“, bedauert Kählig. „Der eine oder andere Schaden wäre durch rücksichtsvolleres Verhalten des Einzelnen in der Natur zu vermeiden.“ Um den Verbiss einzudämmen und den nachwachsenden Wald im Sinne der Nachhaltigkeit zu schützen, sind er und viele seiner Jagdkollegen rund ums Jahr aktiv: Sei es durch die Anbringung von Schafwolle (Rehe verabscheuen den Geruch und Geschmack) und oder anderer verbisshemmender Mittel auf den vom Rehwild erreichbaren Pflanzentrieben der jungen Bäume – eine mühevolle Arbeit, die die Jäger in Absprache mit den Waldbesitzern und auf eigene Kosten vornehmen –, oder auch das Errichten von Wildschutzzäunen um die Pflanzen zusammen mit den Waldbesitzern. Mit ihnen steht Oberjäger Kählig durchweg in gutem Einvernehmen. Natürlich spielt der Abschuss des Rehwildes für den Verbiss eine große Rolle, denn „wo Verbiss ist im Revier, wird vermehrt gejagt.“ Auch die regelmäßige Fütterung des Wildes bei Schnee und Frost mit artgerechtem siliertem Erhaltungsfutter aus Apfeltrester, Graskobs, Biertreber und etwas Getreide trägt dazu bei, Verbiss-Schäden einzudämmen. Das Rehwild erhält durch das Futter in dieser Notzeit einen Teil des notwendigen Nährstoffbedarfs. Neben alldem setzt Kählig auf freundliche Aufklärungsarbeit vor Ort (er weist unbedachte Querfeldein-Sportler auf die Problematik hin und stößt dabei fast immer auf Verständnis) und agiert dabei ganz im Sinne der im September 2011 in einem Pilotprojekt auf dem Naturpark Nagelfluhkette und in der Gemeinde Burgberg gestarteten Initiative „Respektiere deine Grenzen“. Diese informiert Touristen und Freizeitsportler darüber, wie sich ihr Verhalten auf wildlebende, störungsempfindliche Tiere auswirken kann und wirbt für einen respektvollen Umgang mit Wald und Wild. „Die meisten Störungen passieren aus Unwissenheit“, weiß auch Rainer Kählig. „Da hilft nur Information und die dringliche Bitte, auf den Wegen und Loipen zu bleiben, Hunde anzuleinen, sich von den Fütterungseinrichtungen, vor allem ab dem späten Nachmittag fern zu halten und sportliche Aktivitäten in der Nacht zu vermeiden, um dem Wild die wohlverdiente Ruhe zu gönnen.“ Am 1. Mai beginnt übrigens wieder die Jagdzeit auf Rehwild. Und dann kommen auch wieder, ziemlich sicher, die Sommersportler… Sabine Stodal

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