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Buchautorin und Journalistin schildern Haftbedingungen in Belarus

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Von: Jörg Spielberg

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Mit elf anderen Insassinnen musste sich Ljubow Kaspjarowitsch eine zwölf Quadratmeter große Zelle 15 Tage lang teilen – kaum Platz, kaum Luft, permanent Licht und eine Toilette.
Mit elf anderen Insassinnen musste sich Ljubow Kaspjarowitsch eine zwölf Quadratmeter große Zelle 15 Tage lang teilen – kaum Platz, kaum Luft, permanent Licht und eine Toilette. © Grafik: Spielberg

Kempten – Seit der Corona-Pandemie bieten die Volkshochschulen bundesweit kostenfreie Online-Veranstaltungen an. Nun streamte die vhs Kempten ein Gespräch zwischen der Autorin, Journalistin und Auslandskorrespondentin der „Zeit“ Alice Bota und der belarussischen Journalistin Ljubow Kaspjarowitsch. 

Kaspjarowitsch wurde im Mai 2021 im Umfeld der Proteste gegen den belarussischen Machthaber Lukaschenko verhaftet und zu 15 Tagen Haft verurteilt. Im Gespräch mit Alice Bota schildert die junge Frau, was ihr in einem Minsker Gefängnis widerfuhr.

Bleierne Zeit

Die Auslandskorrespondentin der „Zeit“ Alice Bota ist aktuell ein gefragter Gast bei Talkshows. In ihrem Buch „Die Frauen von Belarus“ erzählt siedie Geschichte von drei mutigen Frauen, die sich gegen die brutale Herrschaft des belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko stellten. Bota versucht zu erklären, warum der Westen die Situation in Belarus, Russland und der Ukraine häufig falsch einschätze und zu wenig Unterstützung leiste. Zu den Schilderungen ihrer belarussischen Kollegin Kaspjarowitsch präsentiert Bota eindringliche Fotos von den Massenprotesten aus den Jahren 2020/22, die außergewöhnlich viele Frauen beim Widerstand gegen die Staatsgewalt zeigen. Der Protest gegen den Putin-Vasallen Lukaschenko, der laut ­OSZE-Bericht Wahlbetrug begangen hat, war vor allem ein weiblicher. Trotzdem ließ der belarussische Staatsapparat keine Gnade walten und brachte auch Frauen in das gefürchtete Minsker Okrestino-Gefängnis. Hiervon berichtet Kaspjarowitsch in eindringlicher Weise.

Die junge Journalistin hatte sich bereits 2020 an den Protesten gegen Lukaschenko beteiligt, vor und nach seiner „Wiederwahl“ zum Staatspräsidenten im August 2020. Die EU erkennt Lukaschenko nicht als legitimen Präsidenten an. Gründe, Protestierende festzunehmen, seien rein willkürlicher Art gewesen. „Manchmal reichte es aus, Socken in der falschen Farbe oder einen rot-weißen Regenschirm zu tragen“, erzählt Kaspjarowitsch. Ferner berichtet die Aktivistin, dass es keinen Zugang zum Internet gab, die Medien komplett gleichgeschaltet waren. Bei ihren Protestzügen trugen die Aktivistinnen für den Fall einer Festnahme doppelt Unterwäsche, Zahnbürste und Zahnpasta mit sich. Ein kleiner Hoffnungsschimmer war zu dieser Zeit der Messenger-Dienst Telegram, der, wie es Bota erläutert, in Belarus und der Ukraine die einzige Nachrichtenbörse für die Opposition darstellt.

Menschenunwürdige Haft

Im Jahr 2021 war es so weit. Kaspjarowitsch hatte einen regierungskritischen Artikel verfasst und wurde zu Gericht bestellt. Sie erschien mit elf anderen Beschuldigten vor Gericht, wurde aber nicht eingelassen, sondern für zwölf Stunden grundlos in Polizeigewahrsam genommen. Den Beschuldigten wurde kein Anwalt zur Seite gestellt. Anschließend landeten die jungen Frauen für 15 Tage im Gefängnis. Eine Zelle, zwölf Quadratmeter groß, mit Tisch, Stuhl, doppelstöckigem Bett –ohne Matratze – und mit einer Toilette wurde für die zwölf Insassinnen für 15 Tage ein Ort des Martyriums.

Ungebrochen

In dieser Zeit durften die jungen Frauen die winzige Zelle nicht verlassen, das helle Licht brannte ununterbrochen und jede Nacht wurden die Frauen willkürlich geweckt und gezwungen, aufzustehen, ihren Namen und den Grund ihre Festnahme laut vorzutragen. Bei den Inhaftierten wurde absichtlich eine ältere, von Läusen befallene Frau eingesperrt. „Eine Methode, die sehr häufig in russischen Gefängnissen angewendet wird, um einen Keil zwischen die Inhaftierten zu treiben“, erklärt Bota.

Kaspjarowitsch lebt nun im Ausland. Wenn sie von ihren Erlebnissen im Gefängnis erzählt, betont sie, dass die Repressalien des Lukaschenko-Regimes sie und die jungen Frauen nicht haben brechen können. „In dieser schweren Zeit wurde alles geteilt und wir haben uns gegenseitig Mut zugesprochen. Ich hatte viele Schwestern“, sagt sie. Es zerbricht ihr allerdings das Herz, wenn sie sieht, dass Putin ihr Volk zwingt, mit in den Krieg gegen die Ukraine zu ziehen. „Als Weißrussin kann ich sagen, es sind nur wenige, die sich auf die Seite Putins stellen und von denen tun es die meisten aus Angst.“

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