Wenn ein Kuhfladen entscheidet

Das "Kuhfladenbingo" von Hergiswil ist ein bislang einzigartiger Brauch aus dem Alpenländischen Raum

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Glücksfee-Kuh Lisa kürt den Gewinner in weniger als einer Minute.

Allgäu/Schweiz – In der Gemeinde Hergiswil am Napf jedoch gibt es einen neuen Brauch, der bislang einzigartig ist, und den Allgäuern aufgrund der kulturellen Gemeinsamkeiten  vorgestellt werden sollte: Das Kuhfladenbingo auf der Hergiswiler Chilbi findet immer am zweiten Sonntag im Oktober statt.

Im Allgäu boomt der Tourismus – und das nicht nur wegen der Gäste aus der EU. Auch in diesem Jahr waren die Schweizer wieder merklich gut vertreten. Für den Schweizer ist das Allgäu vermutlich so attraktiv, weil es dort ein bisschen so ist wie bei sich zu Hause, nur günstiger. Man teilt sich nicht nur den alemannischen Sprachraum und die Viehwirtschaft auf der Alpe sondern auch das Jodeln, und sympathisiert gemeinsam mit dem Alphornblasen. In der Gemeinde Hergiswil am Napf jedoch gibt es einen neuen Brauch, der  auch in der Schweiz  bislang absolut einzigartig ist.

Erfunden hat es vor über 20 Jahren der Lötscher Hans, wussten die Älteren im örtlichen Jodlerklub „Enzian“ zu berichten. Im Festzelt der Guggenmusik „Änzischränzer“ war das jüngere Klubmitglied Stefan M. anzutreffen, der über die Grundlagen aufklärte. 20 auf 20 Meter sei das Spielfeld, natürlich eine Kuhweide, eingeteilt in einzelne Quadratmeterstücke. Für vier Franken könne man auf einen Quadratmeter setzen. Dieser sei dann sozusagen für das Spiel gepachtet. Insgesamt ergebe das 400 durchnummerierte Quadrate, von denen man auch mehrere reservieren könne. Der Hauptgewinn, so Stefan M., sei traditionell eine halbe Sau. 

Wer den Gewinn macht – es ist zu erahnen – entscheidet die Kuh. Das indem sie ihren ersten Fladen in eines der Quadrate setzt. 

Wie jede andere Weide

 Der Andrang in der knapp 2000-Seelen-Gemeinde war rege. Nach drei bis vier Stunden war jedes Quadrat vergeben. 

Wer sich jedoch ein bunt kariertes Spielfeld vorstellt, bei dem Nummern auf Grashalme gesprüht sind, der irrt sich. Die Kuhweide ähnelte optisch jeder anderen Weide im Napfgebiet, nur dass sie von Bruno Unternährer und den Mitgliedern des Jodlerklubs wesentlich genauer vermessen wurde. Wo sich welche Zahl befindet, wurde in den Unterlagen des Klubs dokumentiert und eingezeichnet. 

Nach der Vergabe des letzten Quadratmeters wurde die Kuh auf die Weide gelassen, genauer gesagt zwei Kühe, denn die verdauungsbedingten Unwägbarkeiten bei Tieren mit mehreren Mägen sind enorm. Es sei, so Unternährer, schon vorgekommen, dass man über zwei Stunden auf den ersten „Schiss” habe warten müssen. Bei den Kühen handelte es sich dieses Jahr um Valetta und Lisa, zwei Tiere des Gemeindepräsidenten Urs Kiener höchstpersönlich. 

Es soll keiner beschissen werden

Schweizer Präzision: Akribisch wird von den Mitgliedern des Jodlerklubs „Enzian” die genaue Position des Kuhfladens ermittelt.

Vielleicht ging es deswegen im Folgenden recht schnell. Bereits in der ersten Spielminute landete Lisa den ersten Treffer, und der Hauptgewinner stand fest. Da kam Leben in die Männer des Jodlerklubs. In ihren roten Schwingerhemden eilten sie über die Wiese, schlugen einen Pfahl ein und zückten das Maßband, genau lotrecht zu den unter Strom stehenden Weidezäunen. Das Verblüffende dabei: Notiert wurde kein Gewinner, sondern nur die Koordinaten des Treffers. Den Hauptgewinner erfuhr man an diesem Tag nicht. Der Gewinner oder die Gewinnerin wird in den nächsten Tagen anhand der Koordinaten genau ermittelt. So ein Kuhschiss ist naturbedingt eine eher ungenaue Marke. Deswegen geht es zuerst um die Spurensicherung, und dann um die exakte Auswertung. Schließlich soll ja keiner beschissen werden. 

Und noch eine Besonderheit gibt es bei dem Spiel, damit es zu keiner Verwechslung der Spuren kommt: Die Kuh kürt immer nur den ersten Gewinner. Die anderen werden in den nächsten Tagen ausgelost, persönlich kontaktiert und in der nächsten Ausgabe des Lokalblatts „Hergiswiler Läbe” bekannt gegeben werden. Als Preise winken unter anderem luxuriöse Geschenkkörbe und Einkaufsgutscheine regionaler Anbieter.

fg

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