Pharaonin oder Heimchen am Herd?

1200 Jahre Finning: Autorin Helma Sick hält Vortrag über die Rolle der Frau 

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Finanzexpertin und Buchautorin Helma Sick (links, mit Angelika Gall, Vorsitzende des Katholischen Frauenbundes Finning) plädierte in Finning für die Eigenständigkeit der Frau.

Finning – 1200 Jahre Finning – wie hat sich in zwölf Jahrhunderten das Bild der Frau verändert? Dieser Frage ging der Katholische Frauenbund nach und lud die bekannte Kolumnistin und Finanzexpertin Helma Sick ein. Etwas über 100 Gäste fanden sich ein. Die Referentin ging nicht nur 1200 Jahre zurück, sondern bis ins alte Ägypten, wo Frauen mehr Macht und Einfluss hatten als heute. Der Besitz lag in ihren Händen, der Mann schuldete ihnen Gehorsam, die Thronfolge war weiblich, Frauen konnten Pharaonin werden und stiegen in hohe Verwaltungspositionen auf. So wurde es danach nie wieder.

„Im alten Griechenland, der Wiege der Demokratie, hatten Frauen keinerlei Rechte, sie standen auf der Stufe eines Kindes oder eines Sklaven, Aristoteles war ein Frauenhasser“, sagte Helma Sick. Eines seiner Argumente: Frauen hätten weniger Zähne. Bei den alten Römern sei es nicht viel besser gewesen. „Aber Frauen haben dort gegen Unterdrückung gekämpft, die erste Frauenprotestbewegung gab es 215 v. Chr.“, so Sick. Bei den Kelten kamen Frauen zu eigenem Besitz und konnten sich scheiden lassen. Das Christentum aber habe die Türen radikal verriegelt. Vom Mittelalter bis zur Neuzeit standen Frauen auf der Stufe von Sklaven, Vieh und Sachen. Der Mann hatte die Vormundschaft. Unterbrochen worden sei dies in einer Phase zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert. Frauen wurden Friseurin oder Baderin, große Teile des Gewerbes in den Städten lagen in ihren Händen. Das war so, weil es aufgrund der Kreuzzüge und der Post einen Männermangel gab und Frauen gebraucht wurden. Das kippte aber schnell wieder. Denn Frauen, die (spirituelles) Wissen und Besitz hatten, wurden zu Hexen erklärt, kamen auf den Scheiterhaufen und ihr Besitz fiel an die Behörden.

1771 war auf einem Schild an der Wiener Aktienbörse zu lesen: „Zutritt nur für Männer. Nicht für Bankrotteure, Schwachsinnige, Hunde, Straffällige und – Frauen“. „Frauen haben aber zu allen Zeiten Geldgeschäfte gemacht und sind erfolgreich gewesen“, sagte Sick, deren großes Thema die finanzielle Absicherung von Frauen ist. Als Beispiele nannte sie Gracia Nasi (1510–1569), geboren in Konstantinopel, die eine Bank führte und Finanzberaterin eines Sultans war.

Ebenso Karoline Kaulla (1739–1809): Die Mutter von fünf Kindern gründete das Bankhaus Kaulla in Stuttgart und war während der napoleonischen Kriege Heereslieferantin. Victoria Woodhull-Vanderbilt (1838–1927) galt als hellseherische Finanzberaterin und Frauenrechtlerin, gründete Schulen für Frauen und war 1872 sogar US-Präsidentschaftskandidatin (was den Männern nicht passte, weshalb sie am Wahltag inhaftiert wurde).

Im 19. Jahrhundert änderten sich mit der Industrialisierung die Rollen in den Familien: Hatten Frauen und Männer sich bis dahin in Landwirtschaft und Handwerk die Arbeit geteilt, war nun der Mann oft zur Arbeit außer Haus, die Frau blieb daheim, versorgte die Familie und wurde wirtschaftlich immer abhängiger. Einen Lichtblick habe es ab 1879 gegeben, als August Bebel, Mitbegründer der Sozialdemokratie, als erster Mann in Deutschland für die Unabhängigkeit der Frau eintrat. Auch Pauline Staegemann (1838–1909) – Urgroßmutter der späteren Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts Jutta Limbach – sei vehement für die Rechte der Frauen eingetreten.

In der Weimarer Republik (1919–1933) erhielten Frauen endlich das Wahlrecht. „Aber im Nationalsozialismus kam es zu einem totalen Rückschlag“, so Helma Sick. Das Bild der Frau als Mutter und „Heimchen am Herd“ sei zementiert worden und wirke zum Teil bis heute nach. Das Bestimmungsrecht des Mannes hatte in Deutschland noch lange Bestand. Bis 1958 konnte ein Mann den Anstellungsvertrag seiner Frau ohne deren Zustimmung kündigen. Bis 1962 durften Frauen kein eigenes Bankkonto haben und bis 1977 konnten sie nur mit Zustimmung der Männer arbeiten. 1978 startete die Bundesregierung eine Initiative, mehr Frauen in technischen Berufen auszubilden. Dies lehnte der damalige Betriebsarzt der Münchner Stadtwerke, Dr. Karl-Heinz Juritza, in einer Stellungnahme ab: Denn das weibliche Geschlecht habe unter anderem zu kurze Daumen und zu lange Zeigefinger und eigne sich nicht für technische Berufe. „Daraufhin brachte der Münchner Stadtrat mit Stimmenmehrheit der CSU den Modellversuch zu Fall“, so Helma Sick.

Bis heute seien nicht alle Frauen selbstbestimmter als früher. „Rechtpopulistische Tendenzen lassen wieder einen Rückfall befürchten und das Wenige, was Frauen erkämpft haben, ist in Gefahr“, sagte Sick. Gerade Geld und Handel seien immer noch eine Männerdomäne. „Wer zahlt, schafft an. Ein Mann ist aber keine Altersvorsorge“, sagte Sick. Wenn Frauen sich nicht auch in der Ehe auf eigene Beine stellten und es zur Trennung komme, gebe es spätestens im Alter ein böses Erwachen. Frauen sollten sich absichern und mit ihrem Partner frühzeitig die finanziellen Dinge regeln. Krippe, Kindergarten und Hort sollten in die Erziehung der Kinder einbezogen sein. „Den Kindern tut das gut und Frauen können beruflich dranbleiben.“ Das gefiel einigen Zuhörerinnen gar nicht: Erziehungszeit für die Kinder sei wichtig, der Staat solle das mehr anerkennen und dafür bezahlen, wenn möglich sogar bis zur Einschulung. Das ließ Sick nicht ganz gelten: Zwar sei Erziehungsarbeit wichtig, aber eine lange berufliche Abwesenheit verwehre Frauen den Anschluss im Beruf. Männer und Frauen könnten sich die Erziehungsarbeit teilen („ein Jahr sie, ein Jahr er“). Sick berichtete von einer Ärztin, die zehn Jahre Kinder erzogen hatte: „Sie hat keinen Anschluss mehr gefunden, ihre Ausbildung hat die Gemeinschaft aber 200.000 Euro gekostet.“

Gerade bei gut ausgebildeten Frauen in Städten sei in letzter Zeit eine Tendenz zum freiwilligen Rückzug aus dem Beruf feststellbar. Und im deutschen Fernsehen werde ein Rollenbild von vorgestern vermittelt – „Aschenputtel lernt reichen Mann kennen und wird glücklich. Frauen sind meist passiv, schön und aus dem Niedriglohnbereich, wenn sie auf ihren Traumprinzen treffen, der für den sozialen Aufstieg sorgt“, so Sick.

Eine Zuhörerin beklagte, dass das Erbrecht in der Landwirtschaft die Söhne bevorzuge. Dem jedoch widersprach Helma Sick : „Das ist nicht der Gesetzgeber, es sind die Eltern, die Söhne immer noch den Töchtern vorziehen.“ 

Sibylle Reiter

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