Nach Schüssen auf Nachbarhaus:

Knast für "All Inclusive"

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Aufgrund mehrerer Straftaten verlängert sich die Jugendhaft für einen 19-Jährigen. Das entschied Richter Alexander Kessler am Landsberger Amtsgericht.

Landsberg – „In welchem Film bin ich denn hier gelandet“, fragte Richter Alexander Kessler zwischenzeitlich während der Hauptverhandlung gegen einen 19-Jährigen. Der mehrfach Vorbestrafte, der derzeit bereits eine Jugendhaftstrafe verbüßt, war in mehreren Punkten angeklagt worden, die sich teilweise noch vor Antritt seiner Haft angehäuft hatten. Nun verlängert sich seine Zeit hinter Gittern auf zweieinhalb Jahre, nachdem er mit Freunden auf sein Nachbarhaus geschossen hatte.

„In Ihrem Lebenslauf ist sicher vieles schief gelaufen“, pflichtete Richter Kessler dem Angeklagten bei. Dieser verbrachte Teile seiner Kindheit in einer Pflegefamilie, war über viele Jahre Opfer von sexuellem Missbrauch und verlor zuletzt mit seiner Ex-Freundin das ungeborene, gemeinsame Kind.

Spätestens als 15-Jähriger war der Landsberger auf die schiefe Bahn geraten: Nach mehreren Vorfällen mit Marihuana und Diebstählen kam er noch mit Jugendarrest davon. Die Einquartierung in ein Bildungswerk in der Nähe von Günzburg sollte schließlich eine Besserung herbeiführen, bewirkte jedoch das Gegenteil: Gemeinsam mit zwei Freunden klaute der junge Mann seiner Erzieherin, die er nicht mochte, eines Abends betrunken die Autokennzeichen. Vom Amtsgericht in Günzburg wurde er deshalb zu zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. „Als überflüssig wie einen Kropf“ bezeichnete Kessler diese erneute Straftat, zumal der 19-Jährige nur wenige Monate später erneut auffiel: Bei einem Ausflug ließ er aus einer Camping-Gaststätte zwei Flaschen Schnaps und Gewehrpatronen mitgehen, wodurch er seine Bewährung in den Sand setzte und der Justiz keine andere Wahl mehr ließ: Ein Jahr und acht Monate Jugendhaft brummte ihm der Günzburger Richter auf, wenngleich damals noch weitere Verfahren offen waren.

Obwohl der junge Mann Revision einlegte in der Hoffnung, noch eine weitere Bewährung herausschlagen zu können, widmete er sich trotz angeordneter Haft und offener Verfahren dem Drogengeschäft. Zwar kaufte und verkaufte er in drei Fällen nur geringe Mengen Marihuana – ans Tageslicht kam der Handel dennoch und „setzte dem Ganzen die Krone auf“, wie Richter Kessler befand, der den Drogenvorfall schlichtweg als „Frechheit“ bezeichnete.

Viel gewichtiger in der Hauptverhandlung war jedoch eines der besagten offenen Verfahren, das aus dem Februar 2016 datierte. Damals hatte der Landsberger aus seiner Erdgeschosswohnung mit einer Druckgaspistole auf ein gegenüberliegendes Mehrfamilienhaus geschossen. Die Waffe hätte er ein paar Wochen zuvor „aus Neugier gekauft“ und habe im Februar mit seinen beiden Kumpels nur auf die Dachrinne des Nachbarhauses schießen wollen. Jedoch trafen die jungen Erwachsenen, alle zwischen 18 und 21, die Fensterscheiben zweier Wohnungen.

Bei der nächsten Schussübung eine Woche später ging das Projektil sogar durch ein gekipptes Fenster ins Schlafzimmer der Familie – Schadenssumme insgesamt: 1.200 Euro. Mit einem „Kann gut sein, ich habe keine Erinnerungen mehr“ gestand der 19-Jährige Lechstädter den Vorfall.

Der Diebstahl bei einem Lebensmitteldiscounter, der ebenfalls zur Verhandlung gestanden hatte, wurde angesichts der anderen Strafen fallen gelassen. Kessler dazu: „Das macht das Kraut auch nicht mehr fett.“

Seine Haft hat der 19-Jährige im Dezember angetreten und arbeitet in der JVA seither als Koch. Eine Ausbildung im Gefängnis käme aber nicht infrage, dafür sei die bisher verordnete Haftstrafe von einem Jahr und acht Monaten zu kurz. „Um die Ausbildung durchzubekommen, bräuchte ich etwa drei Jahre Haft“, überlegte der Angeklagte und schob in Richtung Kessler nach: „Jetzt kommen Sie aber bloß nicht auf falsche Gedanken!“

Seine Kochausbildung abschließen können wird der 19-Jährige mit dem nun gefällten Urteil nicht – um eine Haftverlängerung kam Kessler aber ebenfalls nicht herum. Er schloss sich der Meinung von Staatsanwältin Julia Ehlert und Verteidigerin Anita Trautwein an, die zuvor zweieinhalb Jahre Jugendhaft für angemessen gehalten hatten. Der Richter klärte noch auf: „Mit dieser Strafe haben wir all ihre bisherigen Straftaten in einen Sack gepackt und sozusagen ein All Inclusive Gesamtpaket geschnürt.“ Zum Schluss hatte Kessler noch einen Rat für den JVA-Koch: „Machen Sie sich ernsthaft über Ihr Leben Gedanken und fangen Sie nach der Haft an einem neuen Ort an.“

Marco Tobisch

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