Amtsgericht Landsberg

Aus der Wohnung gemobbt: Bewährungsstrafe für 31-Jährigen

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Eine 39-Jährige ist von ihrem Nachbarn so drangsaliert worden, dass sie mit ihrer Familie aus ihrer Eigentumswohnung ausgezogen ist. Ihr Nachbar wurde jetzt wegen Beleidigung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Landsberg – Vordergründig ging es um Beleidigung, eigentlich jedoch um den traurigen Höhepunkt eines Nachbarschaftsstreits. Und der ist inzwischen nur deswegen beendet, weil eine der Parteien die Flucht ergriffen hat. Oder, um es mit den Worten von Richter Michael Eberle zu sagen: „Das Unrecht hat das Recht aus der Wohnung gemobbt.“

Der Fall, der jüngst vor dem Amtsgericht Landsberg verhandelt wurde, klang zunächst einfach nur skurril. „Wollen Sie mit mir ficken gehen?“, hatte laut Anklageschrift ein 31-Jähriger im Treppenhaus zu seiner Nachbarin gesagt. Er soll die Frage in sehr ähnlichem Wortlaut mehrfach wiederholt haben. Die Angesprochene, die ihr Kleinkind an der Hand hatte, bekam es mit der Angst und rettete sich in ihre Wohnung. „Ich habe mich massiv gekränkt gefühlt“, sagte sie vor Gericht aus.

Der Vorfall im Juli dieses Jahres war laut der 39-Jährigen „der Gipfel einer langen Serie an Belästigungen, Nötigungen und Bedrängen“, die vom Angeklagten, dessen Vater und Bruder ausgegangen seien. Hintergrund war offenbar ein Streit über Stellplätze vor dem Drei-Parteien-Wohnhaus in einer Gemeinde am Ammersee. Dort lebte die Juristin mit ihrer Familie in einer Eigentumswohnung. Der Angeklagte, sein Vater und dessen Lebensgefährtin bewohnen gemeinsam eine Wohnung, die einem weiteren Sohn gehört. Dieser hatte offenbar die dazugehörigen Stellplätze verkauft. Nun mussten die Männer jedes Mal die Parkfläche der 39-Jährigen überqueren, um in den Garten zu gelangen.

In einer gerichtlichen Auseinandersetzung, angestrengt vom Wohnungseigentümer, siegte die 39-Jährige. Die Männer kassierten ein Betretungsverbot für den Stellplatz der Frau. Ein andermal ging es darum, dass der Vater sie auf Facebook und gegenüber ihrem Arbeitgeber verunglimpft hatte. Sie klagte auf Unterlassung und gewann erneut. „Ich bin im Dezember 2017 in die Eigentumswohnung gezogen und seitdem das vierte Mal vor dem Amtsgericht“, so die Geschädigte. Am Tag, bevor die angeklagte Beleidigung stattfand, hatte sie wieder einen Prozess gegen die Nachbarn gewonnen.

Lärmbelästigungen und das Blockieren ihres Autos seien an der Tagesordnung gewesen, ebenso Begegnungen mit den drei Hunden der Männer, berichtete die Frau. Außerdem habe der Angeklagte jeden Morgen versucht, sie im Treppenhaus abzufangen. Sie sei zuletzt nur noch mit eingeschaltetem Handy aus der Wohnung gegangen, um filmen zu können, was immer sie draußen erwartete.

Nach dem Vorfall im Juli reichte es ihr jedoch. Mit Mann und Kind zog sie in einen anderen Ort, die Eigentumswohnung steht seitdem leer. „Ich verschulde mich lieber, als noch einen Tag länger in dieser Umgebung zu bleiben“, sagte die 39-Jährige sichtlich mitgenommen im Zeugenstand.

Der Angeklagte ließ seine Version des Geschehens durch seinen Verteidiger vortragen. Demnach habe er die Nachbarin nicht beleidigen, sondern zum Essen einladen wollen – um die Streitigkeiten endlich aus der Welt zu schaffen. Als „geeignete Location“ habe er ein Münchener Nobelrestaurant namens „Trader Vic‘s“ ausgesucht und diesen Namen im Gespräch mehrfach wiederholt. Das habe die 39-Jährige wohl „missverstanden“.

In seinem Plädoyer sprach der Anwalt später von einer „starken Überempfindlichkeit“ der Frau und einer „Neigung, Situationen überzogen einseitig zu interpretieren“. Für die Anklagevertreterin hingegen gab es an der ganzen Sache nichts misszuverstehen. Die Geschichte mit der Essenseinladung sei unglaubwürdig, es liege eine „derbe Beleidigung“ vor.

Davon war auch Richter Eberle überzeugt. Die Äußerungen seien „unterste Schublade“ gewesen und hätten einzig darauf abgezielt, die 39-Jährige fertigzumachen. „Keinem Menschen wünscht man, in der Nachbarschaft so drangsaliert zu werden.“ Dass die in den Zivilverhandlungen mehrfach unterlegenen Männer die Frau derart gemobbt hätten, sei nichts anderes als „der Triumph der Unverschämtheit über das Recht“. Insofern wollte Eberle es nicht mehr bei einer Geldstrafe belassen. Vier Monate Haft auf Bewährung lautete das Urteil. Außerdem muss der 31-jährige 300 Stunden soziale Dienste leisten und die Kosten des Verfahrens tragen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Ulrike Osman

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