Gericht:

Stasi-Aktion in Mutters Haus

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Ein 56-jähriger Landsberger soll heimlich eine Überwachungskamera im Haus seiner Mutter installiert haben und steht deshalb jetzt vor Gericht.

Landsberg – Mit harten Bandagen wird gekämpft in einem Familienstreit, der nun schon zum zweiten Mal das Amtsgericht Landsberg beschäftigt hat. Angeklagt war ein Sohn, der bei seiner Mutter Hausverbot hat. Dennoch wollte der 56-Jährige offenbar wissen, was in ihren Räumen vor sich ging und soll deshalb heimlich eine Video- und Tonüberwachung installiert haben.

Strafbar ist eine solche Aktion als „Verletzung der Vertraulichkeit des Worts“. Laut Anklage hatte der Landsberger zu einem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt vor Januar 2019 eine Kamera an der Wand hinter dem Telefontisch seiner Mutter angebracht. Offenbar wollte er Telefon­gespräche der inzwischen fast 90-Jährigen mithören. Der Blickwinkel der Kamera war durch ihre Positionierung eingeschränkt auf den Bereich der Haustür.

Die Vorgeschichte reicht weit zurück. Das Verhältnis der Frau zu ihrem Adoptivsohn scheint schon lange nicht mehr das beste gewesen zu sein – jedenfalls erteilte sie nicht ihm, sondern ihrem Bruder und dessen zwei Töchtern eine Vorsorgevollmacht und zudem eine Betreuungsverfügung. Das war bereits im Jahr 2002.

"Gehirn kaputt"

Neun Jahre später erlitt die Frau einen Schlaganfall. „Seitdem ist ihr Gehirn kaputt“, berichtete der 80-jährige Bruder im Zeugenstand. Seitdem kümmert er sich um die Belange seiner Schwester. Sie sitze im Rollstuhl und könne nur noch wenige Worte sprechen, darunter „bitte“, „danke“ und „Sahne“. Bis Oktober 2019 lebte die Frau in ihrem Haus in Landsberg, inzwischen hat der Bruder sie in ein Pflegeheim in seinem Wohnort Darmstadt geholt.

Als die Seniorin nach einem Klinikaufenthalt 2011 nach Landsberg zurückkehrte, sei das Haus „ausgeräubert“ gewesen, behauptete der Bruder vor Gericht. Der Adoptivsohn habe Kunstgegenstände und Wertsachen, darunter Schmuck und eine Uhrensammlung, weggeschafft. Und dann zögerlich und unvollständig zurückgebracht, als er dazu aufgefordert wurde. „Er verkaufte auch ihr Auto, aber das hat sie nicht weiter aufgeregt“, so der Bruder. Er erteilte dem 56-Jährigen Hausverbot auf dem Grundstück der alten Dame.

Dagegen verstieß der Maschinenschlosser und Werkzeugmacher im Januar vergangenen Jahres, weswegen er bereits einmal vor dem Landsberger Amtsgericht stand. Gegen das Urteil legte er Berufung ein, doch das Landgericht Augsburg hielt den Schuldspruch aufrecht. Der nicht vorbestrafte Mann musste eine Geldstrafe in Höhe von 90 Tagessätzen à 50 Euro, also 4.500 Euro, zahlen.

Weitere Anklage

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Überwachung bereits installiert war, als der Mann den Hausfriedensbruch beging, und erhob deshalb separat noch einmal Anklage. Der 56-Jährige soll am fraglichen Tag im Januar 2019 ein Telefongespräch mitgehört haben und daraufhin zum Haus seiner Mutter gefahren sein.

Später durchsuchte die Polizei das Haus und entdeckte die Kamera. Sichergestellt wurde außerdem ein Päckchen blutver­dünnende Tabletten, das in der Küche lag – bedeutsam deshalb, weil die Frau laut ihrem Bruder die Einnahme von Medikamenten „vehement“ verweigert habe.

Der Angeklagte selbst äußerte sich nicht, bestritt aber die Vorwürfe über seinen Verteidiger Felix Dimpfl. Außerdem habe, „bevor etwas installiert wurde – von wem auch immer – ein Einverständnis der Mutter vorgelegen“, so der Anwalt.

Das Video und die Aufzeichnung des Telefongesprächs lagen dem Gericht nicht vor, sollen aber in einem Fortsetzungstermin in Augenschein genommen werden.

Inwieweit die Seniorin überhaupt noch in der Lage war, sinnvolle Telefongespräche zu führen, blieb offen. Verteidiger Dimpfl fragte sich, ob die damals 88-Jährige auch bei jener Gelegenheit „nur über bitte, danke und Lebensmittel“ gesprochen habe.

Der Prozess wird fortgesetzt.
Ulrike Osman

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