Fahrerflucht und Berufsbezeichnungen missbraucht

Fahrerflucht: Unterzucker schützt vor Strafe nicht!

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Dass Unterzucker nicht vor Strafe schützt, hat ein 69-jähriger Ex-Rechtsanwalt aus Landsberg jetzt vor dem Amtsgericht erfahren müssen.

Landsberg – Seine Zuckerkrankheit hat ein 69-jähriger Angeklagter aus Landsberg vor dem Amtsgericht als Erklärung für eine Unfallflucht ins Feld. Doch damit kam er nicht durch. Selbiges galt auch für den Vorwurf, Berufsbezeichnungen missbraucht zu haben.

An einem Abend im Februar dieses Jahres war der Lechstädter mit seinem Mercedes einem 36-Jährigen aufgefahren. Der Unfall ereignete sich an der Einmündung der Carl-Friedrich-Benz- in die Augsburger Straße. Beide Pkw wollten nach rechts in Richtung Landsberger Innenstadt abbiegen, was aufgrund des Grünen Pfeils auch möglich gewesen wäre. Doch weil auf der Augsburger Straße von links ein Auto kam, musste der 36-Jährige bremsen – und der hinter ihm fahrende 69-Jährige brummte gegen seine Stoßstange. Es entstand ein Sachschaden von 3.500 Euro.

Was danach geschah, davon gaben der Angeklagte und der Geschädigte vor Gericht sehr unterschiedliche Versionen zum Besten. „Er ließ die Scheibe herunter und fing gleich an, mich zu beschimpfen“, sagte der 36-jährige Schreiner aus. Unter anderem habe ihn der Angeklagte als „schlechtesten Autofahrer in Landsberg“ betitelt. Dann habe der 69-Jährige den Rückwärtsgang eingelegt und sei links an dem beschädig­ten Auto vorbei einfach davongefahren. „Ich habe sofort die Polizei angerufen“, so der Geschädigte.

Der 69-Jährige dagegen erklärte, er sei ausgestiegen, habe seinen Namen angegeben und einige Minuten mit dem anderen Fahrer diskutiert. „Dann merkte ich, dass mein Zucker in den Keller geht.“ Nach eigenen Angaben leidet der Landsberger unter einer nicht einstellbaren Diabetes. „Ich kann jede Sekunde ins Koma fallen und sterben.“ Er habe auf dem schnellsten Weg Glukose zu sich nehmen müssen und sei deshalb nach Hause gefahren. Anschließend meldete er sich bei der Polizei und fuhr zur Unfallstelle zurück, wo ihn der Geschädigte und ein Streifenwagen erwarteten.

Aus Sicht des ermittelnden Beamten war an der Unfallflucht dennoch nicht zu rütteln – der Angeklagte sei nun mal zunächst ohne Angabe seiner Personalien weggefahren. Die Erklärung mit dem Unterzucker ließ der 26-jährige Polizist nicht gelten. Gleich neben der Unfall­stelle gibt es eine Tankstelle und einen Supermarkt, wo der 69-Jährige etwas zu essen bekommen hätte.

Weitere Verfahren

Für Staatsanwalt Daniel Kulawig stellte sich die Frage, ob bei dieser Sachlage nicht sogar ein Verfahren wegen Gefährdung des Straßenverkehrs angezeigt sei. Auch Richter Michael Eberle redete dem 69-Jährigen ins Gewissen. In seinem unterzuckerten Zustand noch „quer durch Landsberg“ zu fahren, sei „die absolut falsche Entscheidung“ gewesen. Er entzog dem Ange­klagten für acht Monate den Führerschein. „Ich kann es mit meinem Gewissen nicht verein­baren, Sie auf die Straße zu lassen.“ Unter welchen Bedingungen der Mann seinen Führerschein zurückerhält, wird das Landratsamt zu entscheiden haben.

Auch wegen eines zweiten Tatvorwurfs wurde der 69-jährige Rechtsanwalt schuldig gesprochen. Er hatte in mehreren E-Mails an einen gegnerischen Anwalt in seiner Signatur die Titel „Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und vereidigter Buchprüfer“ geführt. Wirtschaftsprüfer war er aber nie. Seine Zulassungen als Steuerberater und Buchprüfer hatte er zurückgegeben, weil er seit Jahren nicht mehr in diesen Berufen tätig ist.

Daraus ergab sich der Tatvor­wurf des Missbrauchs von Berufsbezeichnungen, zumal der Angeklagte auch noch ein entsprechendes Schild an seinem Wohnhaus hatte. Dieses wurde inzwischen eingezogen. Die E-Mails mit der missbräuchlichen Signatur erklärte der Mann damit, dass einer seiner drei Laptops „die Titel noch drauf hatte“.

Titel als Trumpf?

Richter Eberle war allerdings davon überzeugt, dass der Angeklagte die Titel „als Trümpfe ins Feld geführt hatte, um sein Gegenüber zu beeindrucken“.

Der Rechtsanwalt, der sich vor Gericht selbst verteidigte und Freispruch forderte, wurde zu einer Geldstrafe von 10.800 Euro (120 Tagessätze à 90 Euro) verurteilt. Außerdem muss er die Kosten des Verfahrens tragen.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Ulrike Osman

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