Abgeschlossen, aber nicht beendet

Auffallend viele Neubürger beteiligten sich in den moderierten Arbeitsgruppen der Bürgerwerkstatt „Zukunft am Lech“. Foto: Kruse

Dass man mit dem Stadtentwicklungsprozess zu kurz gesprungen sei, kann man den Stadtoberen, allen voran Oberbürgermeister Ingo Lehmann (SPD) wahrlich nicht vorwerfen. In den Arbeitsgruppen, die unter fachlicher Leitung mit Bürgerbeteiligung jüngst versuchten, eine Richtung zu erarbeiten, in die man in Landsberg in den nächsten Jahren gehen will, wurde kaum ein wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Bereich ausgelassen.

Ob Einzelhandel oder Verkehr, Jugend oder Senioren, Städtebau, Wirtschaft, Bildung, Kultur, soziale Infrastruktur oder Umwelt – die Palette war breit; für einen Abend, vielleicht sogar zu breit. Die Bürger nahmen die Aufforderung jedenfalls an: Beim Vortrag von Christian Ude (der KREISBOTE berichtete) war der Rathausfestsaal überfüllt, am Tag danach nahmen immer noch mehr als 150 Landsberger an den diversen Workshops teil, darunter auffallend viele Neubürger. Formal ist die Bürgerbeteiligung mit dieser „Bürgerwerkstatt“ abgeschlossen. Die Ergebnisse sollen nun von der Stadtverwaltung mit den Fachbüros ausgewertet werden, danach werden ein Abschlussbericht und ein Umsetzungskon­zept erarbeitet. Über dieses wird letztlich der Stadtrat beschließen, der zum einen politisch verantwortlich bleibt und zudem die aktuelle Kassenlage mit den Wünschen und Vorstellungen der Beteiligten abgleichen wird. Ganz so basisdemokratisch, wie es auf den ersten Blick wirken mag, ist der Prozess nicht. Mit der Auswahl der Fachbüros, die im Vorfeld die Bestandsaufnahmen und Analysen erstellten, wurde zwangsläufig eine Richtung vorgegeben. So gilt der Wiener Professor (em.) Hermann Knoflacher, der sich um das Thema „Verkehr“ kümmerte, als ausgewiesener und prominenter Auto-Kritiker, der schon 1974 mit seinem „Gehzeug“, einem Tragegerüst in Autogröße durch die Wiener Fußgängerzone lief, um die Passanten so auf den eklatanten Platzverbrauch durch einen Pkw hinzuweisen. Phantomschmerzen Knoflacher, begnadeter Redner, der stets einen Schuss Wiener Schmäh zu seinen wissenschaftlichen Ausführungen hin­- zuzufügen weiß, fand eine dankbare Arbeitsgruppe vor. „Die Autofahrer waren bei uns deutlich unterrepräsentiert“, so der 70-Jährige ungewohnt ernst. „Holen Sie die beim nächsten Mal mit dazu. Da draußen sind sie nämlich“, deutete er vom Festsaal in Richtung Hauptplatz. Die Empfehlungen, die seine Arbeitsgruppe zum Schlussvortrag mitbrachte, waren dementsprechend klar: drastische Reduzierung des Autoverkehrs in der Innenstadt, deutlich höhere Parkgebühren oberirdisch. „Das wird nicht leicht, das wird wehtun, aber glauben Sie mir, das sind Phantomschmerzen“, so Knoflacher. „Die Leute meinen, das tut ihnen weh, dabei ist es nur ihr Auto, das Schmerzen hat.“ Das Argument, dass die Gewerbetreibenden in solchen Fällen anführen, kennt er. „Einzelhändler sagen oft, sie müssten mit dem Auto erreichbar sein. Ich sage, sie müssen mit der Brieftasche erreichbar sein. Und auf einem Quadratmeter kann man viel mehr Brieftaschen als Autos unterbringen.“ Bei Apotheker Marc Schmid, der für den Einzelhandel sprach, rannte Knoflacher damit offene Türen ein. „Ich gehöre zu den Optimistischen in Landsberg, sonst hätte ich nicht gerade noch eine zweite Apotheke in der Innenstadt gekauft.“. Ob nun E-Bikes, Rikschas, Bestell- und Lieferservice, Cappuccino-Gutscheine – Schmid kann sich viel für eine verkehrsberuhigte Altstadt vorstellen, sogar eine Rollator-Vermietung. Mehr Satellitenbüros Die Entwicklungsvorschläge, die aus den anderen Arbeitsgruppen kamen, waren zahlreich und zum großen Teil nicht überraschend: Die Wirtschaft will die Fachkräfte in der Stadt halten, obwohl in München deutlich höhere Gehälter bezahlt werden. Eine Möglichkeit: Die Einrichtung von „Satellitenbüros“ großer Konzerne in Landsberg. Das Stadtbus-Konzept wurde übergreifend gelobt, eine kürzere Taktung, erweiterte Fahrzeiten und eine bessere Anbindung an die Stadtteile wurden aber genauso gewünscht wie eine bessere Einkaufsmöglichkeiten sowohl in der Altstadt als auch in den neuen Wohngebieten. Ein heißes Thema war zudem in mehreren Gruppen eine Südumgehung der Altstadt. Auch die Untertunnelung der Katharinenstraße in Richtung Münchener Straße wurde wieder ins Spiel gebracht. In der Umweltgruppe fand man sich gleich bei einem klassischen Zielkonflikt wieder: Die Umgehung sei unter Verkehrsgesichtspunkten gut, beim Flächenverbrauch allerdings nicht. Die Handschrift der beteiligten Fachbüros fand sich wiederum in der mehrfachen Aufforderung wieder, die Eingangsstraßen zur Altstadt attraktiver zu gestalten. Etwas durchatmen OB Ingo Lehmann, der an mehreren Workshops persönlich teilgenommen hatte, weigerte sich dann auch mit einem Augenzwinkern, zum Abschluss eine „Zusammenfassung“ der Bürgerwerkstatt zu liefern. „Das ist bei einem Blick auf die Uhr und angesichts der Fülle der Themen überhaupt nicht möglich“, so das Stadtoberhaupt, das die Landsberger um etwas Geduld bat. „Lassen Sie uns bitte etwas durchatmen. Wir haben gerade unter großem Druck die Konversion der Kasernenflächen in sehr kurzer Zeit hinter uns. Wir werden das jetzt auswerten und dann den nächsten Schritt in Angriff nehmen, aber dazu benötigen wir etwas Zeit.“ Die Ergebnisse der Bürgerwerkstatt sollen online publiziert werden, aber auch in der Verwaltung für diejenigen zur Ansicht ausliegen, die kein Internet haben. Die Bürger selbst haben offenbar großes Interesse an der Stadtentwicklung. Obwohl sie nach dem offiziellen Fahrplan nicht mehr entscheidungsgebend beteiligt sind, kam aus allen Arbeitsgruppen der ausdrückliche Wunsch an die Stadt, die Bürgerbeteiligung weiterzuführen, einige Gruppen vereinbarten schon spontan Termine für neue Arbeitssitzungen. "Wir werden alle Themen intensiv weiterdiskutieren!" OB Ingo Lehmann zeigt sich mit den zwei intensiven Tagen rund um das Integrierte Stadtentwicklungskonzept (ISEK) zufrieden. Im Gespräch mit dem KREISBOTEN klärt über den weiteren Prozess auf. Herr Lehmann, wie fällt Ihr Fazit der Veranstaltungen aus? Lehmann: „Es waren spannende Diskussionen, breit angelegt. Neben einer Fülle von Details gab es zumindest in den Arbeitsgruppen, in denen ich es beurteilen kann, weil ich dabei war, teilweise auch Richtungsdiskussionen. Ich bin sehr zufrieden.“ Offiziell ist damit die Beteiligung der Bürger beendet; von den Teilnehmern kam aber der dringliche Wunsch, weiter mitzuwirken. Nehmen Sie das auf? Lehmann: „Wir werden all diese Themen intensiv weiterdiskutieren, natürlich auch mit den Bürgern. Je nach Themenbereich wird das in unterschiedlicher Form sein. Bei der Kultur, wo es bereits einen Runden Tisch gibt, ist das anders als etwa bei der Jugend, wo jetzt aber bereits ein neues Treffen zwischen verschiedenen Beteiligten vereinbart wurde. Zum Verkehr wird es ohnehin weitere Workshops mit Professor Knoflacher geben, das stand schon fest.“ Die Beteiligung der Neubürger war an beiden Tagen sehr hoch. Freuen Sie sich, dass die so engagiert sind oder erwarten Sie eher mehr von den Alteingesessenen? Lehmann: „Ein bisschen von beidem wahrscheinlich. Wobei man nicht vergessen darf, dass diejenigen, die schon länger in Landsberg leben, auch andere Kanäle haben, um ihre Interessen zu formulieren. Die sind in Parteien oder an Stammtischen, treffen mal hier einen Stadtrat oder da den OB beim Kaffee. Auch die, die schon lange hier leben, melden ihre Anliegen sicher auf die eine oder andere Weise an.“

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