Abschied von der Königsorgel

Angestrengt nach einem gewaltigen Orgelkonzert, aber dankbar und glücklich über den hohen Zuspruch des Publikums: Hans Jürgen Huber (links) und Franz Günthner nach ihrem vorläufig letzten Auftritt im Marienmünster. Foto: Bentele

Die Königsorgel im Marienmünster hat jubiliert: Zu Silvester jauchzte das Instrument kraftvoll beim festlichen Jahresausklang, um sich dann am Neujahrsnachmittag ein letztes Mal vor seinem großen Meister zu verneigen: 13 Jahre war Franz Günthner Kirchenmusiker in Dießen – zum Jahreswechsel verabschiedete er sich vom Ammersee und die Verehrer und Freunde seiner Kunst bedankten sich bei beiden Konzerten mit frenetischem Applaus, den sie im Stehen zur Orgelempore hinauf schickten. Wie in jedem Jahr entführte Günthner zusammen mit dem wohl besten Solotrompeter Deutschlands, Hans Jürgen Huber, in barock-romantische, aber auch moderne Klangwelten.

„Ich sehe einen neuen Himmel offen“, hat der Festredner 1739 gejubelt, als die von Johann Michael Fischer (1692-1766) als „Barockjuwel im Pfaffenwinkel“ gebaute Klosterkirche, das heutige Marien­- münster, eröffnete. So ähnlich dürften auch mehrere hundert Freunde der Dießener Kirchenmusik zum Jahreswechsel empfunden haben, als Franz Günthner mit „seiner“ Königsorgel vorläufig zum letzten Mal eins wurde. Es erklangen Musiken, die mit ihrer Intensität und dank der künstlerischen Kraft der zwei Interpreten einmal mehr die Herzen der Zuhörer eroberten. Das Konzertprogramm hat Franz Günthner zusammen mit seinem langjährigen musikalischen Wegbegleiter Hans Jürgen Huber fast ausschließlich aus dem Barock gewählt. Vor allem die Stücke für Trompete nährten sich von den sinnesfrohen barocken Klangwelten. „Die Trompetenstücke sind das Rückgrat bei unserem Konzert“, sagt Günthner, „die Orgel unterstreicht und begleitet, bekommt aber im dramatischen Aufbau des Programms mit Solostücken ihr eigenes Recht.“ Zwischen barocken Jubel setzte Günthner „Variationen über bekannte Weihnachtschoräle“. Mit den zeitgeistigen Orgelklängen erlebten die Freunde der Dießener Kirchenmusik eine unwiederbringliche Klangarchitektur, die schon in frühen Jahren von Günthner gepflegt und bevorzugt wurde: die Improvisation. Sie vermittelt die Illusion einer Komposition, die gar nicht vorhanden ist. Günthner orientierte sich stark an den großen weihnachtlichen Chorälen, die immer wieder zu erkennen waren, und manchmal war man sogar geneigt, ein paar Worte mitzusingen. Anfangs schien er noch viele Choräle aufzunehmen, im Verlauf des Spiels schmückte er sie immer lebhafter und abwechslungsreicher aus. Zum Abschied erfreute sich das Publikum an der beliebten Kantate „Jesus bleibet meine Freude“ von Johann Sebastian Bach (1685-1750). Ein Chorwerk für den positiven und guten Ausblick auf ein neues Jahr und nach vorne. Es war ein großer Abschied auf beiden Seiten. Langsam verließen die Besucher das weihnachtlich ge­- schmückte Marienmünster, und als droben auf der wunderbaren Orgelempore die Lichter ausgingen, hatte man den Eindruck, als würde die Königsorgel Trauer tragen… Franz Günthner, der mit den Dießener Münsterkonzerten die Welt der Kirchenmusik in neue Dimensionen führte und weit im Lande bekannt machte, der mit Jugendlichen Musicals aufführte, mit den Münster-Mäusen und den Münster- Chören im barocken Marienmünster zu Dießen 13 Jahre lang Musik und Gesang mit seiner feinen Handschrift erklingen ließ, hat eine neue musikalische Heimat gesucht und ge­- funden. Veränderung, sagt er am Ende, sei auch wichtig. Wie bekannt, ist Günthner schon seit November als Regionalkantor für den Bereich Allgäu, Bodensee und Oberschwaben in St. Martin in Leutkirch und als Diözesanbeauftragter für den Bereich Liturgisches Orgelspiel und Orgelimprovisation tätig. Außerdem hat er für 2012 Einladungen angenommen, in Frankreich, Italien und Polen Orgelkonzerte zu geben. „Vielleicht“, sagt Günthner beim Abschied, „darf ich ja auch wieder einmal die Königsorgel spielen. Werde ich eingeladen, dann bin ich da!“

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