ADAC testet seit 20 Jahren in Landsberg

90 Prozent Kopfverletzung, 100 Prozent tot

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Disponenten in der Pannenhilfezentrale im ADAC-Technikzentrum Landsberg.

Landsberg – Seit 20 Jahren gibt es in Landsberg eine Institution, die mit großem Aufwand und rund um die Uhr Dienst am Verbraucher leistet: das Technikzentrum des ADAC. Dort stattet der Automobilclub die Straßenwacht-Fahrzeuge aus. Dort koordiniert er die Pannenhilfe für den Süden Deutschlands. Und dort führt er umfangreiche Tests durch, die immer wieder Schwachstellen an Autos und Zubehör aufdecken. 25 Journalisten von Fernsehen, Hörfunk und Presse erhielten jetzt in der Otto-Lilienthal-Straße die Chance, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Werner Lauff war für den KREISBOTEN dabei; er entschied sich für die Stationen „Pannenhilfezentrale“, „Fahrradhelmtest“ und „Autocrash“.

SNA, SNA, SNA. Als wir auf die Bildschirme der Mitarbeiter in der „Pannenhilfezentrale Süd“ des ADAC in der dritten Etage des Technikzentrums schauen, entdecken wir immer wieder das gleiche Kürzel. Was bedeutet es? Ganz einfach, sagt Andreas Weigel, der Chef der Zentrale: „Springt nicht an“. Das ist oft der Fall, wenn jemand „sechsmal die zwei“ auf dem Mobiltelefon eintippt. Die Mitarbeiter, die den Anruf entgegennehmen, versuchen zunächst, Kategorien zu bilden: Kann man, wie bei SNA, das Problem vor Ort beheben? Oder ist das Fahrzeug abzuschleppen? Bei „vor Ort“ kommt in drei Viertel der Fälle eines der gelben Straßenwachtfahrzeuge; ein Viertel wird an „Mobilitätspartner“ aus der Region abgegeben. Sieht es schlechter aus, rückt ein Abschlepper der Partnerunternehmen an. 2.200 Einsätze wickelt die Zentrale, eine von fünf in Deutschland, auf diese Weise pro Tag ab. Sie ist 24 Stunden am Tag besetzt.

Der ADAC testet seit 20 Jahren in Landsberg

Auf einer Leinwand sehen die Disponenten, wo sich die Straßenwacht-Fahrzeuge zurzeit befinden. Eine rote Nummer bedeutet: Der Fahrer bekommt gerade Informationen zu einer Panne per Datenfunk. Gelb: Er ist auf dem Weg zum Pannenfahrzeug. Blau: Er ist vor Ort und kümmert sich. Grün und schwarz: Er ist fertig und wartet auf den nächsten Einsatz. „P“ heißt: Er macht Pause. Die Faust­regel lautet: Ein Straßenwachtfahrer wickelt einen Auftrag pro Stunde ab. Der heutige Tag sei allerdings eher „schwachlastig“, sagt Weigel, „viel grün und schwarz“; die Fahrer könnten sich ein wenig vom Januar erholen, als es im Süden bis zu 7.000 Einsätze pro Tag gab. „Der Winter war pannenmäßig kurz und heftig“.

Stuttgart holt auf

43 Minuten warten Autofahrer im Durchschnitt, bis die Pannenhilfe kommt. Der Anspruch sei, in einer Stunde vor Ort zu sein; in 75 Prozent der Fälle gelinge das auch. Wenn es mal länger dauere, komme es vor allem darauf an, die Wartenden zu informieren. Differenzieren Sie zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern? „Ja, das tun wir“, sagt Weigel. Wenn der ADAC die Panne selbst behebe, mache sich das möglicherweise nur bei der Wartezeit bemerkbar, denn man könne ja noch am Pannenort Mitglied werden. Problematischer ist es, wenn die Disponenten ein Partnerunternehmen entsenden oder – wegen des Abschleppens – entsenden müssen; dann muss das Nichtmitglied die Rechnung zahlen. Apropos zahlen: Freut sich ein „gelber Engel“ nach der Hilfeleistung nicht nur über Dank und Lob, sondern auch über ein Trinkgeld? Die Fahrer seien gebeten, Trinkgelder erst einmal abzulehnen, erfahren wir, gleichwohl: „Natürlich freuen sie sich“.

Die meisten Pannen gebe es nach wie vor in München, sagt Weigel, aber „Stuttgart holt stark auf“. Manchmal gebe es dort mehr Auftragsvolumen als in ganz Südbayern, berichtet er. Ausgerechnet dort: Im Raum Stuttgart ist es schwer, Straßenwachtfahrer zu finden; die meisten „Automechaniker mit Kommunikationstalent“ arbeiten bei Daimler oder einem Zulieferer. Insofern ist der ADAC auch ein Trendscout, für boomende Regionen ebenso wie für Urlaubsziele: „Wir merken, dass immer mehr Deutsche ihren Urlaub in Deutschland verbringen.“

Am Schluss, im Ausbildungsraum, werden wir übrigens live und ungeplant Zeuge einer Pannenhilfe. Dort sind zwei Originalmotoren aufgebaut, an denen angehende Straßenwachtfahrer studieren können, was normalerweise unter der Motorhaube geschieht. Die Journalisten bitten Dieter Krenz und Ingo Rabe, die die technischen Schulungen verantworten, einen der Motoren zu starten. Der war allerdings offenbar eine Zeit nicht in Betrieb und gibt nur merkwürdige Geräusche von sich. Die Diagnose ist schnell gestellt: SNA. Glücklicherweise ist gerade ein Straßenwachtfahrer in der Nähe; das Problem ist schnell gelöst. Ein Kollege sagt: Wie schön, dass der ADAC auch mal eine Panne hat.

Nutzen nicht beweisbar

„Testen und crashen mit Leidenschaft“ hat der Automobilclub seine Pressemitteilung zum 20-jährigen Bestehen des Technikzentrums überschrieben und dabei geht es um weit mehr als die 900 Fahrzeug-Crashtests. Der ADAC hat in dieser Zeit in Landsberg auch 40.000 Reifen getestet, 4.100 Kindersitze geprüft und Hunderte von Unfällen analysiert.

Ganz frisch ist der neueste Fahrradhelmtest, den der ADAC gemeinsam mit der Stiftung Warentest durchgeführt hat. Sieger mit der Schulnote 1,7 ist der „Activ 2“ von Casco für 80 Euro. Der kostspieligste Helm für 140 Euro bekommt gerade mal eine zwei bis drei. Die Innovation im Prüffeld, der zusammenklappbare „Overade Plixi“, belegt mit der Note „ausreichend“ den letzten Platz.

Qualität muss nicht teuer sein, wissen Christian Buric und Markus Niesel, die den Test geleitet haben. Niesel führt den Journalisten drei Versuche vor: Beim ersten wird ein Aufprall auf eine Bordsteinkante simuliert, beim zweiten geht es darum, ob der Helm auf dem Kopf verrutscht und beim dritten werden die Riemen auf Festigkeit geprüft. Die Tests fanden aber nicht nur im Labor statt: Sieben Probanden sind auf der Insel Mallorca viele Kilometer mit den Helmen gefahren.

Absoluten Schutz biete kein Fahrradhelm, sagen beide, aber mit Helm zu fahren sei deutlich sicherer als ohne. Die getesteten Exemplare hätten stark unterschiedliche Schutzwirkung. Bei einem liege die Wahrscheinlichkeit einer schweren Kopfverletzung nach einem Aufprall bei nur 10 Prozent, bei einem anderen Helm hingegen bei 90 Prozent. Radler sollten Helme nicht wegen ihres Designs auswählen, sondern nach dem effektiven Unfallschutz fragen.

Interessant sei dabei, dass manche technologische Neuerung keine Wirksamkeit entfalte. So verhalte es sich beispielsweise bei der MIPS-Folie, die Rotationen beim Aufprall verhindern soll. Für dieses Feature habe der ADAC zusammen mit dem Institut für Rechtsmedizin der Universität München extra ein neues Prüfverfahren entwickelt. Aus Sicht des Clubs sei aber „nicht beweisbar, dass MIPS großartig was hilft“.

Lieber einen Neuwagen

Dass der Crash eines VW Golf der zweiten Generation von Anfang der 90er Jahre der spektakulärste Programmpunkt beim Medientag im ADAC-Technikzentrum Landsberg sein würde, war von vorneherein klar – keiner der Journalisten will den Aufprall verpassen, der einen Zusammenstoß zweier PKW auf einer Landstraße simuliert. n-tv überträgt den Crash sogar live im Fernsehen; auch der BR schneidet in Zeitlupe mit. Obwohl bei dem Test durch die Wahl der Aufprallgeschwindigkeit unterstellt wird, dass beide Fahrzeuge nur mit jeweils 50 km/h aufeinandertreffen, wird das Auto in Millisekunden in einen Haufen Schrott verwandelt. „Der Fahrer ist zu 100 Prozent tot, die Beifahrerin ringt mit dem Leben und die beiden Kinder auf dem Rücksitz sind wahrscheinlich gleich Vollwaisen“, merkt ein Techniker trocken an.

Der Retro-Test demonstriert, welche Fortschritte die Sicherheitsausstattung der Autos seit den 90er Jahren gemacht hat –und das ist maßgeblich auf die Crashtests des ADAC zurückzuführen. Airbags, Gurtstraffer, Knautschzonen, Sicherheitsfahrgastzellen und viele andere Neuerungen reduzieren heute das Risiko. Dr. Reinhard Kolke, Test- und Technikleiter des ADAC, rät daher dringend dazu, Autos ohne diese Ausstattung nicht mehr zu fahren. Dabei wendet er sich insbesondere an Fahranfänger: „So verlockend es ist, alte Autos billig zu kaufen; leihen Sie sich lieber den Neuwagen des Vaters aus!“

Der zweite Aspekt: Tempo 50 auf Landstraßen ist wohl nur noch eine Fiktion. Bei höherem Tempo sieht auch ein heutiges Auto nach einem Frontal-Crash nicht wesentlich anders aus als der Retro-Golf in der Testhalle. Feuerwehrleute wissen darüber gut Bescheid; sie müssen immer wieder Fahrer und Beifahrer aus völlig demolierten Autos herausschneiden. Auch dazu trägt der ADAC bei. Gecrashte PKWs wandern am Ende aller Prüfungen und Begutachtungen in drei Feuerwehrschulen.

Das ADAC-Technikzentrum Landsberg leistet, da sind sich alle Journalisten am Ende des höchst interessanten Tages einig, vielfältige und wichtige Beiträge zu den Themen Verkehr und Mobilität. Nach dem Besuch betrachtet man das unscheinbare Gebäude an der Otto-Lilienthal-Straße mit einem Insider-Blick. Auf dem Hof wird sicher gerade ein neues Pannenhilfefahrzeug in Dienst gestellt, in der Halle rast wahrscheinlich soeben ein Auto gegen die Wand und im dritten Stock, in der Pannenhilfezentrale, ist vermutlich wieder eine Menge los. Ja, wir wissen Bescheid.

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