"Zwang erzeugt nur Gegenwehr"

Was sagen Ärzte im Landkreis zur Masern-Impfpflicht?

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Kommt die Masernimpfpflicht? Und wenn ja, wie soll sie umgesetzt werden? Nicht nur Impfkritiker stehen solch einer Pflicht skeptisch gegenüber.

Landkreis – Impfpflicht. Ein Wort wie ein rotes Tuch. Gesundheitsminister Jens Spahn will sie für Masern. Und der Präsident der Bundes­ärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, schlägt vor, Ärzte, die von Impfungen abraten, ins Labor zu versetzen: „Ein Arzt hat nicht das Recht, Unsinn zu vertreten.“ Prokla­mieren Impfgegner schon länger ihre Argumente gegen das Impfen im Allgemeinen, steht eine Masern-Impfpflicht auch bei Ärzten, die dem Impfen positiv gegenüberstehen – und das sind die meisten –, in der Kritik. „Ich halte davon gar nichts“, sagt ein Kinderarzt aus dem Landkreis. „Das ist der falsche Weg.“

Aber das sei ausdrücklich seine ganz persönliche Meinung, er spreche hier nicht für seine Kollegen. Statt einer Pflicht hält er Aufklärung für essentiell wichtig: „„Man muss die Vorteile von Impfungen betonen, die Folgen etwaiger Erkrankungen aufzeigen und über mögliche Komplikationen von Impfungen aufklären.“ Er selbst habe die Erfahrung gemacht, dass viele impfkritische Eltern ihre Meinung nach mehreren Gesprächen änderten.

Eine Impfpflicht sieht er aber vor allem wegen formaler Aspekte als falsch an. Zuallererst müsste von der Pharmaindustrie ein isolierter Impfstoff für Masern in Deutschland zuge­lassen werden. Bisher gibt es die Impfung nur in Kombination (siehe Infokasten STIKO). Allerdings würden Impfkritiker dann wahrscheinlich bei einer isolierten Masern-Impfpflicht eben nur gegen Masern impfen lassen. „Aber was ist dann mit Mumps und Röteln?“

Ein juristisches Problem sieht der Kinderarzt darin, dass Impfen den Bestand der Körperver­letzung erfüllt. Eine generell vorgeschriebene Impfpflicht verletzt das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit und ist nur in Ausnahmefällen möglich. „Ob das so einfach juristisch gelöst werden kann? Das bleibt fraglich.“

Dass der Arzt namentlich nicht genannt werden möchte, zeigt das Problem in der Debatte: Sie ist äußerst emotional. Impfkritische Eltern vertreten ihre Position oft wegen persönlicher negativer Erfahrungen. „Als junge Mutter habe ich natürlich auf den Kinderarzt gehört und mein Kind gemäß Empfehlung der ständigen Impfkommission impfen lassen“, erzählt die Landsbergerin Sonia Stapf. Nach der dritten Sechsfachimpfung habe ihr Kind kaum einen Tag später hohes Fieber bekommen, „sie konnte nicht mehr richtig laufen und zog ihr linkes Bein nach“. Stapf ging zu einer Heilpraktikerin, die die Impfungen ausleitete (zum Beispiel mittels Einnahme von Silicium, eine nur von Heilpraktikern praktizierte Maßnahme). Es habe mehrere Monate gedauert, dann „entwickelte sich das Mädchen normal weiter“. Danach sei für sie klar gewesen, ihr zweites Kind nicht impfen zu lassen. „Für mich ist das Impfen eine Entscheidung, die ausschließlich die Eltern zum Wohle des Kindes zu treffen haben. Kein Staat hat hier etwas mitzureden“, findet sie. Stapf sagt selbst, dass das Thema für sie aufgrund dieses Erlebnisses „hochemotional“ ist.

Da eine Impfung das Immunsystem anspricht, kann nach der Injektion Fieber auftreten, es kann zu einer Rötung, Schwellung an der Injektionsstelle kommen, auch dass man den Arm oder das Bein wegen Schmerzen schont. Andere Folgen sind bisher aber nicht bewiesen.

Schwerwiegende Folgen gibt es allerdings, wenn Masern ausbrechen. Aus seiner Zeit in der Klinik kann sich der Kinderarzt an einen Fall von subakut sklerosierender Panenzephalitis, der sogenannten Masernencephalistis, erinnern. Sie tritt in 1:1.000 bis 1:3.000 Fällen als Folgeerscheinung einer Masernerkrankung nach mehreren Jahren auf. „Wenn diese Erkrankung ausbricht, sind wir machtlos. Und müssen das Kind palliativmedizinisch betreuen. Das endet immer tödlich.“

Klinikum Landsberg

„Eine erste Impfpflicht gab es schon 1853 in England, der Vaccination Act“, erzählt Kinderarzt Dr. Michael Steidl, Oberarzt in der Kinderklinik am Klinikum Landsberg. Damals mussten alle Kinder in den ersten drei Monaten gegen Pocken geimpft werden. Der 37-Jährige Mediziner befürwortet auch heute solch eine Impfpflicht. Auch viele andere europäische Ländern hätten eine mehr oder weniger strenge Impfpflicht (siehe Infokasten Impfpflicht in Europa).

Um eine Krankheit wie Masern auszurotten, müsse man eine Durchimpfungsrate von 95 Prozent erreichen, urteilen Experten. In Deutschland liegt die Rate niedriger. Das Problem bei der MMR-Impfung (Masern/Mumps/Röteln) sei indessen nicht die erste Impfung, die bereits im Alter von elf Monaten gemacht werden kann, berichtet Steidl. Aber wenn die Kinder nicht mehr zum Kinderarzt gingen, werde die zweite, zur Immunisierung absolut notwendige Impfung nicht durchgeführt. Zudem sieht auch er das Problem, dass bei einer reinen Masern-Impflicht die anderen Krankheiten wie Mumps und Röteln ins Hintertreffen geraten: „Da geht uns dann was durch die Lappen.“

Dabei sei die Gefahr der ausbrechenden Krankheiten gegenüber den Nebenwirkungen der Impfungen weitaus höher, betont Steidl. Neben der Masern­encephalitis könne beispielsweise Keuchhusten zu tiefen Atemaussetzern „bis hin zum Atemstillstand“ führen. Eine Folge von Mumpserkrankungen bei Jungen sei Hodenentzündung und damit eine eventuelle Unfruchtbarkeit. Das Problem sieht Steidl hier unter anderem auch in nicht geimpften Familienangehörigen. Er habe schon oft erlebt, dass beispielsweise die Großeltern, deren Impfstatus nicht aktuell war, das Neugeborene mit Keuchhusten angesteckt hätten.

Steidl spricht sich für die Impfpflicht aus: „Es wäre schön, wenn es ohne ginge. Aber wenn die Impfpflicht kommt, stehe ich voll dahinter.“ Dabei seien Masern nur ein Beispiel. „Es ist extrem wichtig, die anderen Krankheiten dabei nicht zu vergessen“, betont auch der Oberarzt. Allerdings stellt auch er sich die Frage, inwieweit so eine Maßnahme erzwungen werden kann: „Soll ich dann als Arzt mit der Spritze vor dem Schuleingang stehen?“

Dass Impfkritiker in letzter Zeit deutlicher zu hören seien, liegt nach Steidls Sicht auch am Internet: „Wenn Sie da ‚Impfpflicht‘ eingeben, landen Sie schnell in impfkritischen Foren. Und da lesen Sie nur von Extremfällen.“ Positive Aspekte des Impfens suche man dort hingegen vergeblich. Ein Auslöser der Skepsis gegen das Impfen sei indessen die sogenannte Wake­field-Studie von 1998 gewesen. Sie wurde im renommierten „The Lancet“ veröffentlicht und behauptete einen Zusammenhang zwischen der Masern­impfung und Autismus. Der Studie wurden jedoch erhebliche methodische Mängel nachgewiesen. „The Lancet“ widerrief die Veröffentlichung schließlich, die Angst der Impfkritiker blieb. Ein Zusammenhang der Masern-Impfung mit Autismus ist aber bis heute nicht wissenschaftlich nachweisbar.

Mögliche, aber seltene Neben­wirkungen von Impfungen, vor allen wenn mit einem abgeschwächten Erregerbestandteil statt abgetöteten Erregern geimpft wird, seien unter anderem Fieber, auch Fieberkrämpfe. „Allerdings ist das Fieber ja eigentlich ein Zeichen der Immunant­wort auf die Erreger“. Also dafür, dass die Impfung ihren Job macht. Auch was Zusatzstoffe wie Quecksilber und Aluminiumsalze angehe, gebe es keinen Anlass zur Sorge: „Da ist weniger enthalten als die Mengen, die jeder durch Nahrung oder beispielsweise Kosmetika aufnimmt.“

Gesundheitsamt

Ältere Generationen kennen noch die Groß-Impfaktionen in der Schule. „Ich erinnere mich noch daran, dass wir zur Schluckimpfung alle in die Turnhalle gerufen wurden“, erzählt Dr. Birgit Brünesholz vom Gesundheitsamt Landsberg. Von dieser Methode sei man aber abgekommen: „Die Ärzte kannten das Kind ja gar nicht.“ Und konnten somit auch mögliche Kontraindikationen nicht kennen, bei denen vorsichtig geimpft werden müsse. Zum Beispiel Epilepsie oder andere neurologische Erkrankungen.

Heute sichte das Gesundheitsamt die Impfbücher aller Kinder im Rahmen der Einschulungsuntersuchung, sagt Brünesholz. „Eine nochmalige Durchsicht der Impfbücher erfolgt für alle Schüler der sechsten Jahrgangsstufen.“ Bei dieser Durchsicht stelle man den Eltern Infomaterial zur Verfügung und mache gemäß STIKO auf fehlende und nachzuholende Impfungen aufmerksam. Die Ergebnisse der Durchsicht der Impfbücher werden dem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit weitergeleitet, das sämtliche Landkreise statistisch auswertet.

Landsberg wies 2016/17 bei Masern eine Durchimpfungsrate von 88 Prozent auf, in Bayern lag sie bei 92 Prozent. „Warum das hier so niedrig ist, kann ich nicht erklären“, sagt die Ärztin. Ihres Wissens nach seien die Kinderärzte im Landkreis alle „sehr aufs Impfen bedacht“. Aber natürlich gebe es auch hier ein paar impfkritischere Ärzte, die zum Beispiel Impfungen auf Wunsch erst zu einem späteren Zeitpunkt als empfohlen durchführten.

Trotz niedriger Durchimpfungsrate hat es im Landkreis Landsberg in letzter Zeit keine Masernausbrüche gegeben. Im vergangenen Jahr waren es drei Masernfälle. „Von einem Ausbruch spricht man aber erst, wenn drei oder mehr Fälle in einer Einrichtung sind“, konkretisiert Brünesholz. Allerdings habe sich in diesem Jahr ein junger Mann, der nicht gegen Masern geimpft war, im Ausland mit Masern angesteckt. Und übertrug die Krankheit auf seinen, ebenfalls nicht geimpften, Bruder. Der entwickelte eine der zahlreichen Folgekrankheiten und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. „Es ging ihm wirklich ganz extrem schlecht“, berichtet Brünesholz.

Eine Impfpflicht sieht auch Brünesholz kritisch. Es bestehe die Gefahr, dass sich Impfgegner für ihre Kinder von Ärzten Kontraindikationen ausstellen lassen. Und wie solle man das dann überprüfen? Auch eine Geldstrafe für Impfgegner sei schwierig. „Was macht man bei Leuten, die das Geld einfach nicht haben?“ Insgesamt setze auch sie auf Überzeugung: „Zwang erzeugt nur noch mehr Gegenwehr.“ 

Susanne Greiner

Kommentar

Eine soziale Verantwortung

Wenn Ärzte impfkritische Eltern von der Effizienz des Impfens überzeugen wollen, haben sie aufgrund der absolut nachvollziehbaren Emotionalität des Themas – immerhin geht es um die Kinder –, Probleme. In Foren und Stammtischen stehen Extremfälle im Vordergrund. Denn natürlich treffen sich dort die Menschen, die negative Erfahrungen gemacht haben. Die anderen – die große Mehrheit – hört man dort selten. Auch beim Stammtisch „Levana Landsberg“, den der praktische Arzt und Homöo­path Rolf Kron leitet, treffen sich Eltern, die Impfen kritisch sehen. Dabei haben sich hier keine blindwütigen Impfgegner versammelt. Vielmehr scheinen die Eltern äußerst gut informiert.

Da Mitglieder solcher Foren ihre Skepsis meistens aus persönlichen Erfahrungen ziehen, wären eigentlich keine wissenschaftlichen Belege für diese Skepsis notwendig. Dass Menschen, die ihre Kinder in Not sehen, skeptisch sind, ist nachvollziehbar. Dennoch werden in vielen Foren ‚Beweise‘ für die Schädlichkeit des Impfens oder die Unsinnigkeit einer Impfpflicht eingestellt. So ist auf der Facebook-Seite von Levana eine Auflistung der Bundesre­gierung über Masernausbrüche in Europa 2018/19 zu sehen. Laut der waren Masern in Italien überproportional häufig – trotz Impfpflicht. Ein scheinbar überzeugendes Argument für das Versagen der Impfpflicht. Solche Belege sind jedoch mit Vorsicht zu genießen. Die Hintergründe sind wichtig: dass Italien beispielsweise diese Pflicht erst 2018 einführte und 2019 wieder komplett aufweichte. Dass sie wegen einer Epidemie eingeführt wurde, weshalb überproportional viele Masernfälle bereits vorhanden waren. Dass Italien ein Ersteinwanderungsland ist. Das heißt nicht automatisch, die Impfpflicht funktioniert. Aber es ist auch kein Beweis, dass sie generell versagt.

Oft hört man, dass die Schädlichkeit des Impfens nicht publik gemacht werde, da die Pharmaindustrie profitiere. Ja, wirtschaftliche Interessen gibt es auch in der Medizin. Aber das beweist nicht, dass Impfen schlecht ist.

Geht man davon aus, dass Impfen wirkt, gibt es zwei Einwände gegenüber Impfkritikern: dass sie die Erkrankung der eigenen Kinder samt möglicher Komplikationen riskieren – eine Entscheidung, die man den Erziehungsberechtigten zusprechen mag. Aber sie fällen diese Entscheidung nicht nur für ihre Kinder. Denn die können andere, noch nicht Immunisierte, anstecken. Man muss hier nicht mit der Moralkeule um sich schlagen. Aber eine gewisse soziale Verantwortung besteht.

Susanne Greiner

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