Ist die ärztliche Versorgung gefährdet?

Wenn es um die Ausgestaltung des deutschen Gesundheitssystems geht, stehen seit gut zehn Jahren vor allem Wettbewerb und Markt im Vordergrund. Aber mit welchem Erfolg? „Ist die ausreichende Versorgung im Krankheitsfall für alle gesichert?“ So überschrieb der SPD-Kreisverband ihre jüngste Podiumsdiskussion. Vor allem die Ärzte der Gesundheitsorganisation Lech-Ammersee (Gesola) taten sich schwer, die Leitfrage noch zu bejahen: Bürokratische und finanzielle Eingriffe gefährdeten die medizinische Versorgung im ländlichen Raum.

„Das deutsche Gesundheitssystem ist ein Dickicht aus Gruppeninteressen, Ideologien, Halbwahr-heiten und Irreführungen“, warnte die Dießener Sozialwissenschaftlerin Dr. Doris A. Zimmermann gleich zu Beginn vor der hochkomplexen Materie. Unter ihrer fachkundigen Moderation versuchten AOK-Direktor Harald Floßmann, die niedergelassenen Ärzte Dr. Helga Holzfurtner und Dr. Bernhard Haag sowie die SPD-Landtagsabgeordnete Kathrin Sonnenholzner, Licht in dieses Dickicht zu bringen. Zunächst erläuterte Floßmann detailliert die jüngsten Gesundheitsreformen. Dass der einheitliche Beitragssatz der Krankenkassen zum 1. Juli auf 14,9 Prozent gesenkt wurde, sei für die Versicherten zunächst sehr erfreulich. Bei den Kassen reiße dies aber eine milliardenschwere Finanzierungslücke, die nur durch Steuergelder oder Zusatzbeiträge ge- schlossen werden könne. Mit Blick auf den Honorarstreit vom Frühjahr verwies Floßmann darauf, dass in Bayern inzwischen 322 Millionen Euro mehr für Arzthonorare zur Verfügung stünden. Bei den Ärzten scheint dieses Geld aber nicht anzukommen: Wie Holzfurtner und Haag kritisierten, fließe wegen Budgets, Fallpauschalen und Regel-Leistungs-Volumen immer weniger Geld in die Arztpraxen. „Da kann man sich schon noch ein paar Jahre durchwursteln“, erklärte Dr. Holzfurtner. „Wenn aber ein Arzt aufhören will, findet er kaum mehr jemanden, der die Praxis kauft und weiterführt.“ Das gehe schließlich zu Lasten der flächendeckenden Versorgung. Kathrin Sonnenholzner, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, wollte die Verantwortung dafür aber nicht nur bei der Politik sehen: „Die Verteilung der Arzthonorare ist Sache der Kassenärztlichen Vereinigung, also der ärztlichen Selbstverwaltung. Die hat hier offenbar versagt.“ Wie ihre Vorredner kritisierte auch sie die schlechte Bezahlung der „sprechenden Medizin“, also des direkten Arzt-Patienten-Kontakts, während die technischen Leistungen der Apparate-Medizin deutlich besser vergütet würden. Gemäßigt im Ton, aber hart in der Sache, schilderten anschließend noch weitere Ärzte ihre jeweilige Situation. Oftmals verhakte sich die Diskussion allerdings im polemischen Schlagabtausch, ob die Ärztezahlen in Deutschland nun steigen oder sinken oder das Gesund- heitssystem der USA besser oder schlechter sei. In einigen Punkten zeigte sich allerdings auch überraschende Einigkeit zwischen Ärzten, Versicherten und Politik: So wurde der wachsende Einfluss der großen Klinikkonzerne einhellig abgelehnt. Diese Unternehmen dürften keine Handhabe über die geplante elektronische Patientencard erhalten, mahnte Dr. Holzfurtner. Die Gewinne dieser Konzerne seien Gelder, die aus dem Gesundheitssystem abgezogen würden. Einig war man sich auch, am bestehenden System der solidarischen Krankenversicherung festhalten zu wollen. „Das deutsche Gesundheitssystem ist immer noch eines der besten der Welt“, hielt Sonnenholzner fest. „Viele andere Länder beneiden uns um dieses System.“ Doch auch beim kapitalsten Fehler im System herrschte gruppenübergreifende Einigkeit: Die Schondorfer SPD-Gemeinderätin Marlene Orban kritisierte am Schluss der Diskussion, man habe wieder nur einen ganzen Abend über Geld geredet. „Dabei muss es hier doch vor allem um die Menschen gehen.“

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