Zu hoch gepokert

Spielsucht: 25-Jähriger der Caritas-Beratungsgruppe Landsberg erzählt

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Immer wieder lockt den Spielsüchtigen ein möglicher Gewinn. Aber letztendlich wartet auf die meisten der Schuldenberg.

Landsberg – Wer Sportwette sagt, sagt in Deutschland Tipico. Der Konzern ist bundesweit der größte Sportwettenanbieter und schmückt sich mit ‚Werbebotschafter‘ Oliver Kahn. Der Umsatz liegt bei mehr als einer halben Milliarde, der Gewinn bei über 150 Millionen Euro. Wetten lohnt sich. Zumindest auf der einen Seite. Denn diejenigen, die ihr Geld setzen, machen nur selten den großen Reibach. Und rutschen oft ins pathologische Spielen: in die Spielsucht. So wie Sebastian (Name von der Redaktion geändert). Der 25-Jährige ist seit fünf Monaten in der therapeutischen Spielergruppe der Caritas Landsberg. „Ich hoffe, dass ich mit 29 schuldenfrei bin.“

Angefangen hat das Spielen mit 16. „Damals hab ich gerne Fußball geguckt“, erzählt er. Über Sky lief das. „Und da wirst du mit Werbung für Sportwetten zugeballert.“ Also hat er es ausprobiert. Erstmal nur kleine Beträge, „so 15 Euro pro Wochenende“. Sein Bruder hat damals auch mitgemacht. Und auch der Vater hat gewettet. Allerdings mit Ein-Euro-Einsätzen, maximal zehn Euro pro Woche. „Für ihn war das ein Hobby“, erzählt Sebastian. Irgendwann habe er dann größere Beträge gewonnen. Und danach auch mehr gesetzt: „Wenn du 500 Euro gewinnst, interessieren dich fünf Euro nicht mehr.“

Isabella Nieberle leitet die sogenannte ‚Spielergruppe‘ der Suchtberatungsstelle der Caritas in der Landsberger Brudergasse. Ein Angebot, das es nicht häufig gibt. Was auch daran liegt, dass die Rentenversicherung bei der Beantragung einer ambulanten Therapie bei Spielsüchtigen manchmal Probleme mache, berichtet Nieberle. Zwar sei Spielsucht als Krankheit anerkannt. Aber die Einordnung sei nicht klar: Ist es eine Impuls-Kontroll-Störung, ein Zwang oder eine Sucht? Dabei erfülle Spielsucht die sechs Kriterien, die für eine substanzgebundene Sucht wie Alkohol- oder Heroinsucht genannt werden, sagt Nieberle: der Zwang nach Konsum, verminderte Kontrollfähigkeit, körperliche Entzugssymptome, Dosissteigerung, erhöhter Zeitaufwand, um die ‚Dosis‘ zu beschaffen, und Konsum trotz Folgeschäden.

Ein Geburtstagsgeschenk?

Als Sebastian sein Abi macht, spielt er nicht. Keine Lust, zu wenig Zeit zum Wetten. Und vor allem: kein Geld. Aber zum 18. Geburtstag grätscht der Wettanbieter in Sebastians Abstinenz: mit einem Wettgutschein über 500 Euro. „Da war ich sofort wieder dabei. Und bin gleich von Anfang an hoch eingestiegen.“ Zu der Zeit habe er einen Job gehabt. Und damit Geld für Wetten. Nicht nur Fußball, auch Volleyball oder Tennis stehen auf Sebastians Wettscheinen. „Zu Hochzeiten kannte ich die Top 100 der Tennisspieler.“ Ein Kreuzbandriss sorgt dafür, dass er genug Zeit zum Spielen hat. Und auch Geld ist kein Problem: „Ich hab da 2.400 Euro brutto verdient. Da hat mir die Bank problemlos einen Kredit gegeben.“ Und als der ausgeschöpft ist, kommt eben ein Zweiter: „Der stand später nicht mal in der Schufa.“ Oder man wettet über Paypal auf Pump – geht auch.

Wenn alle Stricke reißen, gibt es noch Papas Kreditkarte. Sebastian steckt schon tief in der Sucht. Eingestehen kann er sich das aber nicht: „Ich habe da wirklich gedacht, dass ich das alles mit Gewinnen zurückzahlen kann.“

Schuldenberge

In dieser Zeit unternimmt Sebastian kaum etwas mit Freunden. Weil er ja immer up to date sein muss, was seine Wetten angeht. Und alles, was er beim Weggehen ausgeben würde, – für ein Glas Wein oder das Kinoticket – braucht er fürs Spielen.Der Druck, dass er schon tief in den Schulden steckt, macht das Wetten zur Qual: „Ich hatte totalen Stress, mit Bauchschmerzen, habe geschwitzt.“ Manchmal isst er auch nicht mehr. Die Glücksmomente beim Gewinnen werden immer seltener. Wenn er kein Geld mehr zum Spielen gehabt habe, sei das wie bei einem Heroinsüchtigen gewesen, dem der Stoff ausgegangen ist.

Im Februar hat Sebastian dann 30.000 Euro Schulden und steht knapp vor der Insolvenz. Die Beziehung zu seiner Freundin ist schon zwei Jahre zuvor zerbrochen: „Die Spielsucht war dafür sicher mit ein Grund.“ Auch bei Freunden, von denen übrigens keiner zockt, hat er Schulden – und komplett den Überblick verloren.

Seine Brüder ziehen die Reißleine und machen für ihn einen Beratungstermin in Schwabmünchen aus. „Ich dachte, dass ich da jetzt mal hingehe“, erzählt Sebastian. Gespielt hat er weiterhin. Sogar an dem Tag, an dem sein Vater stirbt, erinnert sich der 25-Jährige. Aber dann macht es klick: „Ich habe von mir aus einen Schlussstrich gezogen.“ Die Stelle in Schwabmünchen überweist ihn zur Caritas nach Landsberg, wo Sebastian seither ein bis zweimal pro Woche ist. „Wir arbeiten bereits therapeutisch“, erzählt Nieberler. Wird die ambulante Therapie von der Rentenversicherung bewilligt, werden Therapieziele gesteckt.

Sebastian ist seit knapp sechs Monaten ‚spielfrei‘: „Mein Kopf ist jetzt wieder freier, ich kann wieder arbeiten, abends mal spontan weggehen. Und ich schlafe auch wieder besser.“ Eine feste Beziehung will er im Moment nicht. „Ist das fair, eine Beziehung einzugehen, wenn man selbst so viele Probleme hat?“ Er weiß auch nicht, ob er einer Frau von der Spielsucht erzählen soll. Und wenn ja, wann? Gleich am Anfang? Oder erst später? Und was, wenn sie dann geht?

Im Moment schließt der 25-Jährige seine Ausbildung ab. Und er hofft, danach einen guten Job zu bekommen. Um vielleicht auch mal mehr als die knapp 400 Euro pro Monat zahlen zu können, mit denen er gerade seine Spielschulden abstottert. Und um dann irgendwann schuldenfrei zu sein.

Sportwetten - legal oder illegal?

Sportwetten befinden sich immer noch in einer rechtlichen Grauzone. Seit 2008 gibt es in Deutschland den Glücksspielvertrag, der private Sportwetten ausdrücklich verbietet. Ziel des Vertrags ist „das Entstehen von Glücksspielsucht und Wettsucht zu verhindern und die Voraussetzungen für eine wirksame Suchtbekämpfung zu schaffen“. Weiter soll „ein begrenztes, eine geeignete Alternative zum nicht erlaubten Glücksspiel darstellendes Glücksspielangebot den natürlichen Spieltrieb der Bevölkerung in geordnete und überwachte Bahnen lenken sowie der Entwicklung und Ausbreitung von unerlaubten Glücksspielen in Schwarzmärkten entgegenwirken.“

Allerdings fällte der Europäische Gerichtshof 2010 ein Urteil zugunsten der privaten Glücksspielanbieter: Eine staatliche Regulierung sei rechtens, aber die Art und Weise, wie sie in Deutschland gehandhabt werde, widerspreche der Niederlassungsfreiheit im europäischen Recht. Zudem widersprächen sich Jugendschutz und umfassende Werbung für das staatliche Angebot – zum Beispiel Lotto und dessen Sportwettenbereich oddset. Erwirbt heute ein Anbieter in der EU eine Lizenz, ist diese auch in Deutschland gültig. Viele Anbieter sind auf den Kaiman-Inseln oder, wie Tipico, auf Malta registriert.

Im Dezember 2011 unterschrieben alle Bundesländer bis auf Schleswig-Holstein den ersten Glücksspieländerungsstaatsvertrag. Er sah für maximal 20 Anbieter von Sportwetten eine auf sieben Jahre begrenzte Ausnahme vom staatlichen Monopol, eine sogenannte Experimentierphase vor. Die Vergabe dieser ‚Konzessionen‘ wurde 2015 gestoppt, weil sie intransparent sei und die EU-Dienstleistungsfreiheit verletze.

2017 unterzeichneten die Ministerpräsidenten den Entwurf zum zweiten Glücksspieländerungsstaatsvertrag mit einer Erlaubnis für die bisherigen 20 Lizenzinhabern sowie 15 weitere Sportwetten-Anbieter. Die Änderung trat nicht in Kraft, da Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen nicht unterschrieben. m März dieses Jahres unterzeichneten die Ministerpräsidenten den dritten Glücksspieländerungsstaatsvertrag. Darin wird die Experimentierklausel für Sportwetten bis zum 30. Juni 2021 – zu diesem Zeitpunkt läuft der geltende Staatsvertrag aus – verlängert und die Begrenzung auf 20 Anbieter aufgehoben. Der Vertrag soll am 1. Januar 2020 in Kraft treten. Momentan liegt er in den Landesparlamenten zur Beschlussfassung. Liegen bis zum 31. Dezember nicht alle Ratifizierungsurkunden vor, wird er gegenstandslos.

Laut Bayerischer Diakonie waren 2017 über 30.000 Menschen in Bayern spielsüchtig, ebenso viele haben ein problematisches Verhältnis zum Glücksspiel.

Susanne Greiner

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