"Alle außer einem…"

Hart war das Leben an Bord des Walfängers. Das Theater Waidspeicher aus Erfurt zauberte mit ihrer Inszenierung von Hermann Melvilles Klassiker „Moby Dick“ maritime Atmosphäre auf die Bühne des Landsberger Stadttheaters. Foto: Eckstein

„Das ist jetzt schon ein bisschen heftig“ meint ein Mädchen leise, als die Spieler des Theaters Waidspeicher das Lied von den „Wasserleichen“ anstimmen. Doch ist die Abenteuergeschichte um den Weißen Wal nun mal keine mit Happy End – aber philosophisch, informativ, zum Teil skurril und sehr spannend und mit viel Liebe zum Detail und Originalität inszeniert.

Wie auch im 1851 erschienenen Roman werden die Ereignisse auf dem Walfangschiff „Pequod“ von dem Matrosen Ismael (Annika Pilstl) erzählt, der als einziger die Begegnung mit dem legendären weißen Wal überlebt hat. Um der Eintönigkeit an Land zu entfliehen, heuert er auf dem Walfänger des besessenen Kapitäns Ahab an, dessen einziges Ziel ist, jenes „Ungeheuer“ zu erlegen, das ihm vor langer Zeit das Bein abgerissen hat – Moby Dick. Mit Live-Musik (Andres Böhmer) und einem ausgefeilten Bühnenbild schafft es die Inszenierung von Matthias Thieme sofort, die Zuschauer mitten ins Geschehen zu entführen: ins 19. Jahrhundert, auf Deck eines Segelschiffes. Dort entwickeln sich – dargestellt teils mit Schauspielern, teils mit Figurentheater und Schattenspiel – die dramatischen Ereignisse. Dabei werden die zentralen Punkte von Herman Melvilles Roman beibehalten: die genaue Kenntnis des Walfangs, die der Autor aus eigenem Erleben schildert und seiner Bedeutung in einer Zeit ohne Elektrizität, der Mikrokosmos an Bord eines Schiffes, der Antagonismus Ahabs und seines Obermaats Mr. Starbuck und dessen Zerrissenheit zwischen Pflicht und Gewissen. Das Ganze dominiert natürlich die Persönlichkeit des Kapitäns: als größte Figur, die besonders durch die rau-dröhnende Stimme „ihres“ Spielers Tomas Mielentz lebt und nicht nur den Matrosen Gänsehaut beschert. Damit das Ganze nicht zu düster wird, hat das Ensemble noch ein bisschen Komik eingefügt, etwa, wenn sich die Matrosen die Zeit mit „Walquartett“ vertreiben. Allerdings ist der Schluss, der Untergang der „Pequod“, symbolisiert durch das schnelle Rotieren der Drehbühne, obschon atmosphärisch dicht, ohne Kenntnis des Romans vielleicht etwas verwirrend und nicht deutlich genug, wie die Nachfragen der Kinder und Jugendlichen beim Herausgehen zeigen. Die drei Figuren- und Schauspieler Annika Pilstl, Tomas Mielentz und Martin Vogel agieren virtuos mit Puppen verschiedenster Größe, schlüpfen selbst in verschiedene Rollen und wischen, unterstützt von der stimmungsvollen Musik von Andres Böhmer, den Staub von dem fast vergessenen Klassiker, der den meisten nur noch von di­ver­sen Verfilmungen bekannt ist und es wert ist, mal wieder gelesen zu werden.

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