Sehr prominent in der Kindermette

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Das Chorgestühl der Landsberger Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt.

Landsberg - An Weihnachten mischten sich die Herrschenden früher bekanntlich gerne inkognito unter das ihnen untergebene Volk, um zu erfahren, was die Bürger von ihnen hielten. Landsbergs Oberbürgermeister hatte derlei diskrete Meinungsforschung allerdings offenbar nicht im Sinn, als er an Heiligabend die Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt betrat. Anonym blieb er jedenfalls nicht.

Das Stadtoberhaupt kam in familiärer Begleitung spät zur traditionellen (und traditionell gut besuchten) Kindermette. Die Plätze in den ersten Reihen waren voll belegt, viele Bürger aus Stadt und Landkreis Landsberg suchten sich bereits eine „zweitklassige“ Sitzgelegenheit weit weg vom Altar oder in den Seitenschiffen.

Der OB reihte sich allerdings gar nicht erst unter die Suchenden ein, sondern bewies spontan Selbstbewusstsein. Er schritt an den gefüllten Bänken vorbei und machte sich durch den Altarraum auf den Weg in die Sakristei. Offenbar holte er sich dort das Plazet des Pfarrers für eine „Ausnahmegenehmigung“. Wenig später nahm er jedenfalls prominent im Chorgestühl Platz und verfolgte von dort die Christmesse.

Die Aktion weist allerdings Schönheitsfehler auf. Der Altarraum ist in katholischen Kirchen seit dem frühen Mittelalter baulich mehr oder minder deutlich vom restlichen Kirchenraum getrennt. Seitdem gibt es einen Raum für „Laien“ und einen Raum für den „Klerus“ – das unaufgeforderte Betreten des Altarraums verbietet sich für Erstere, selbst bei „touristischen“ Besichtigungen einer Kirche. Gar die Sakristei (das „Allerheiligste“) per Durchschreiten dieses Altarraums kurz vor Beginn eines Gottesdienstes aufzusuchen, ist für einen gläubigen Katholiken eigentlich undenkbar.

Der amtierende Oberbürgermeister ist allerdings bei weitem nicht das erste Mitglied des Landsberger Rates, das während einer Messe im Chorgestühl der Stadtpfarrkirche saß. Waren die prächtig geschnitzten Bänke auch ursprünglich vor gut 1000 Jahren eingeführt worden, um den Tag und Nacht betenden Mönchen die Möglichkeit zu geben, sich zumindest während des Gottesdienstes zu setzen, öffnete die Kirche das Gestühl vom Mittelalter an auch für Laien.

Vertreter der Zünfte und Gilden und eben auch Räte nahmen regelmäßig rechts und links des Altars Platz – hatten allerdings über großzügige Spenden zuvor auch dazu beigetragen, zumindest die Seitenschiffe des Gotteshauses baulich mitzugestalten. Die Laien hatten sich im Hauptschiff zu versammeln, damals noch ohne jegliches Sitzgestühl. Gepredigt wurde von der Kanzel.

Seitdem hat sich viel geändert. Die Kanzelpredikt beispielsweise wurde durch das 2. Vatikanische Konzil (1962-1965) als „nicht mehr zeitgemäß“ abgeschafft.

Auch auf „privilegierten“ Plätzen zu residieren und sich damit vom Rest der Gemeinde abzuheben, galt spätestens seitdem für Mandats- und Würdenträger der Stadt unausgesprochen als dünkelhaft und unanständig. Seit Jahrzehnten war dementsprechend das Chorgestühl (mit Ausnahme von großen offiziellen Anlässen) verwaist.

Das amtierende Stadtoberhaupt könnte sich somit wohl widerspruchslos als das einzige in Landsberg rühmen, das in der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt auf Eigeninitiative alleine im Chorgestühl einer Messe beiwohnte.

Interessant ist dabei, wie ein anderer „Herrscher“ mit der Thematik umgeht: Luitpold, Prinz von Bayern, ist seit vielen Jahren ebenfalls immer wieder Besucher der Kinder-Christmette. Dem Vernehmen nach betritt der Adlige allerdings stets, ebenfalls spät, diskret das Gotteshaus, sucht sich dann aber einen freien Platz. Bislang immer in den hinteren Reihen – im Chorgestühl wurde der Wittelsbacher jedenfalls auch 2015 nicht gesichtet.

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