Halbnackt im Kindergarten

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Kritik am Waldorfkindergarten Kaufering: Ein Junge wurde bloßgestellt und allein gelassen, weil er noch nicht ganz selbstständig auf die Toilette gehen konnte.

Kaufering/Landsberg – „Im Kind begegnet uns die volle Würde des Menschen“, lautet ein Zitat von Rudolf Steiner, dem Begründer der Waldorfpädagogik, „der Erwachsene kann am Kind Menschlichkeit lernen.“ Den Eltern des kleinen Tim (Vorname geändert; d.Red.) aus Landsberg klingt das heute wie Hohn.

Ihr Sohn besuchte den Waldorfkindergarten in Kaufering, er fühlte sich dort wohl. Den Eltern gefiel das pädagogische Konzept, das die Individualität jedes Kindes achtet. Weil Tim Probleme mit dem Stuhlgang hatte und es nicht immer rechtzeitig zur Toilette schaffte, trug er vorsichtshalber eine Windel, und wenn nötig, halfen ihm die Erzieherinnen. Das änderte sich, als Tim ein Vorschulkind wurde und die Gruppenleitung wechselte. Er sei allein gelassen, vor den anderen Kindern bloßgestellt und gehänselt worden, so die Eltern. Darunter leide der Bub bis heute.

„Die Absprache war, dass unser Sohn sich, soweit er es konnte, selbst säuberte und umzog, aber dass ihm natürlich dabei geholfen wurde“, so Tims Mutter Simone Z. (Name geändert; siehe Hinweis Berichts­ende). Dies sollte diskret ge­- schehen, ohne dass die anderen Kinder etwas mitbekamen. Um das Einkoten in den Griff zu bekommen, machte der Fünfjährige parallel eine Verhaltenstherapie beim Kinderarzt. Der habe geraten, keinen Druck auszuüben. 

Umso erschrockener war die Mutter, als ihr der Bub eines Tages beim Abholen weinend und halbnackt entgegen gekommen sei. „Mama, hilf mir“, habe er geschrien. „Er war völlig aufgelöst“, erinnert sich die Mutter. Es habe sich herausgestellt, dass Tim schon häufig in einer solch misslichen Lage sich selbst überlassen worden war. „Die Erzieherin hat uns dann belustigt erzählt, dass Tim oft halbnackt an die Tür des Gruppenraumes kam und um Hilfe bat“, so die Mutter. „Er wurde dann wieder weggeschickt.“ 

Schlimmer noch: Manchmal habe sich der Bub im Beisein anderer Kinder waschen und umziehen müssen, was ihm überaus peinlich gewesen sei, zumal er dabei auch noch gehänselt worden sei – teilweise im Beisein der Erzieherin. „Das hat uns entsetzt“, sagen die Eltern. „Eine solche Behandlung ist für uns nicht mit einer achtsamen und respektvollen Erziehung vereinbar.“ Der Bub habe darunter sehr gelitten und tue dies bis heute. „Er ist oft traurig und spricht immer noch davon, wie es ihm ergangen ist“, berichten die Eltern. „Auf andere Kinder kann er nicht mehr so offen zugehen wie früher.“

Gespräche mit der Kindergartenleitung brachten nichts. Um ihrem Sohn weitere peinliche Situationen zu ersparen, bat die Mutter schließlich darum, man möge sie im Notfall anrufen – sie würde Tim dann abholen. „Das Einkoten kam zu diesem Zeitpunkt nur noch selten vor“, berichtet Simone Z. Der Kindergarten lehnte das Angebot jedoch ab.

Kein Gespür?

Als der Familie im Mai über den Elternbeirat ausgerichtet wurde, dass Tim nicht an einem Ausflug teilnehmen dürfe, auf den er sich seit langem gefreut hatte, war das Fass endgültig übergelaufen. Die Eltern nahmen ihren Sohn aus der Einrichtung und reichten über ihre An­- wältin beim Verein Christian Morgenstern, dem Träger des Waldorfkindergartens, Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Erzieherin ein. Sie habe keinerlei Gespür für Tims psychische Not­lage gezeigt, so die Begründung. Dies sei mit einer Abmahnung zu ahnden.

Was die Eltern sich eigentlich wünschen, ist eine schlichte Entschuldigung – vor allem bei ihrem Sohn. „Wenn seine Gefühle wenigstens nachträglich ernstgenommen würden, könnte er mit den Geschehnissen abschließen.“ Der Waldorfkindergarten und sein Trägerverein weisen jedoch alle Vorwürfe von sich. In einem Schreiben wird den Eltern mit rechtlichen Konsequenzen gedroht, sollten sie „weiterhin Äußerungen tätigen, die geeignet sind, den Ruf des Waldorfkindergartens Kaufering zu schädigen“. Für den Verein hätten zu keinem Zeitpunkt Anhaltspunkte bestanden, dass die Erzieherinnen ihrem Auftrag nicht nachgekommen oder dass Verfehlungen aufgetreten wären, heißt es in einer Stellungnahme des Vorstands.

"Nichts passiert!"

Die in der Kritik stehende Erzieherin selbst betont im Gespräch mit dem KREISBOTEN, Tim sei fürsorglich betreut worden und habe sich stets wohlgefühlt. „Es ist ihm nichts passiert.“ In Sachen Toilettengang habe man versucht, den Buben schrittweise in die Selbstständigkeit zu begleiten. „Aber wir haben nichts von ihm verlangt, was er nicht konnte.“ Dass Tim in irgendeiner Weise gelitten habe, bestreitet der Kindergarten.

Diese Haltung ist es, was die Eltern besonders empört, denn für sie ist es Tag für Tag offensichtlich, dass die Ereignisse ihren Buben nach über einem halben Jahr noch immer beschäftigen. „Wir wollen gar nicht unterstellen, dass unserem Sohn absichtlich geschadet wurde“, sagt Tims Vater Georg Z. (Name geändert). „Aber auch wenn man unabsichtlich etwas falsch gemacht hat, kann man sich entschuldigen, statt so zu tun, als wäre nichts passiert.“

Ulrike Osman

Tim geht inzwischen in die Schule. Um seine Privatsphäre zu schützen, haben wir die Namen des Buben und seiner Eltern in diesem Bericht geändert.

d. Red.

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