Die allerletzte Chance

Der 25-jährige Angeklagte hat im letzten Jahr diesen Hydranten vor der „Sonderbar“ umgetreten und damit einen Schaden von rund 50000 Euro verursacht. Foto: Bauch

„Nach der Papierlage käme eine Bewährung nicht infrage“, war Richter Matthias Neumann klar, als er den 25-Jährigen verurteilte, der im Sommer mit einem Tritt gegen einen Hydranten die „Sonderbar“ in Landsberg unter Wasser gesetzt hatte. „Man wird zu diesem Urteil viel erklären müssen.“ Nach längerer Beratung des Schöffengerichts kam der Landsberger mit einer einjährigen Haftstrafe davon, die auf vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. Dass das seine allerletzte Chance ist, auf den richtigen Weg zurückzukehren, war allen Beteiligten klar.

Der junge Mann war am fraglichen Samstag im Juli unterwegs und wollte sich nach eigenen Angaben „wegen Stress vor der Gesellenprüfung richtig wegschießen“. Das gelang ihm dann bestens: Neben etlichen Bieren in einer anderen Gaststätte konsumierte er auch Kokain und Amphetamine. „Unterwegs zur Sonderbar habe ich dann einen Bekannten getroffen, dem habe ich noch Marihuana abgekauft“, räumte er vor Gericht ein. Was ihn dann aber in einer Rauchpause vor der Bar geritten hat, kann sich der 25-Jährige bis heute selbst nicht erklären. „Ich war in einer komischen Stimmung, keine Ahnung, warum ich gegen den Hydranten getreten habe.“ Die Folgen waren jedenfalls spektakulär: Der Mann trat einen Hahn ab, sofort ergossen sich die Wassermasse in Richtung der Gaststätte, liefen die Treppe hinunter und fluteten den Raum langsam. Die Gäste verließen die Bar über die Treppe und einen Hinterausgang, verletzt wurde niemand. Dies, und die Tatsache, dass der Angeklagte die Überschwemmung nicht vorsätzlich herbeigeführt hatte, kam ihm zugute. Insgesamt verhielt er sich danach aber zunächst nicht sonderlich klug. Seinen Fluchtversuch vereitelte der Türsteher, die herbeigerufenen Polizisten beschimpfte er auch dann noch aufs übelste, als man bei ihm bereits das Päckchen Marihuana gefunden hatte. Erst, als ihm die Polizei noch vor Ort die vermeintliche Schadenshöhe von 50000 Euro nannte, wurde dem Treter offensichtlich bewusst, was auf ihn zukam: Finanzielle Forderungen, die er nie würde erfüllen können und wohl auch eine Haftstrafe. Denn bis dahin schien der 25-Jährige über Jahre absolut unbelehrbar. Mehreren Jugendarreststrafen folgten fünf Vorstrafen, davon vier wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz. Zum Zeitpunkt seines Ausrasters befand er sich bereits in Bewährung. Als ihm seine Situation wohl klar wurde, äußerte er gegenüber Suizidabsichten und kam in die Psychatrie. Die Blutprobe und verschiedene Tests beim Arzt zeigen klar, in welchem Zustand sich der 25-Jährige an diesem Abend befand: Zwischen 1,94 und 2,42 Promille Alkohol hatte er laut Gutachten im Blut, dazu Kokain. Das Ergebnis der Tests zum Alkoholisierungsgrad im Krankenhaus (etwa das Gehen auf einer geraden Linie) endeten mit dem deutlichen Ergebnis „unsicher“ oder „nicht machbar“. Als er wieder einen klaren Kopf hatte, fasste der junge Mann scheinbar erstmals den Entschluss, an seinen Problemen zu arbeiten. Mit der Wirtin der Bar nahm er Kontakt auf, bezahlte einen Teil des Schadens und will den Rest abstottern. Die Geschädigte wiederum machte letztlich nur 10000 Euro geltend. Der Täter wohnt inzwischen in einer Adaptionseinrichtung in München und ist dort seit vier Monaten täglich negativ auf Alkohol und Drogen getestet worden, demnächst will er seine Gesellenprüfung machen und danach wegziehen, „um aus meinem Umfeld in Landsberg herauszukommen.“ Sowohl Staatsanwältin Susanne Wosylis als auch Richter Matthias Neumann legten zugunsten des 25-Jährigen aus, dass er lange vor der Verhandlung begonnen hatte, sein Leben dramatisch zu ändern. Wosylis: „Normalerweise hören wir das meist als Versprechen während der Verhandlung.“ Auch Neumann hoffte, „dass der Groschen bei Ihnen jetzt endlich gefallen ist.“ Der Fall liege tatsächlich anders als viele vergleichbare, aus der beginn-enden guten Entwicklung in familiärer und beruflicher Hinsicht wolle man den Mann nicht mit einer Haftstrafe aus seinem positiven Lebenswandel herausreißen. Erlauben darf sich der 25-Jährige jetzt aber rein gar nichts mehr: Falls er noch einmal rückfällig wird, werden beide Bewährungen aufgehoben, dann bekommt er eine längere Haftstrafe. Er muss die Ratenzahlungen an die geschädigte Wirtin pünktlich leisten, jeden Wohnungswechsel anzeigen und in unregelmäßigen Abständen auf Aufforderung beim Gericht Urinproben einreichen, um zu beweisen, dass er drogenfrei lebt. Verteidigung und Staatsanwaltschaft verzichteten auf Rechtsmittel, das Urteil wurde somit noch im Gerichtssaal rechtskräftig.

Meistgelesen

Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Babys der Woche im Klinikum Landsberg
80 Schafe verenden bei Stallbrand
80 Schafe verenden bei Stallbrand
Toll: Das erste Azubi+ ist da!
Toll: Das erste Azubi+ ist da!
"So nicht, Herr Erdogan!"
"So nicht, Herr Erdogan!"

Kommentare