Alte Formen: Kultur und Kapital

„Glück zu von wegen des Handwerks!“ Mit alten und neuen Zunft- und Trinksprüchen haben Deutschlands Zinngießermeister gefeiert – und getagt: Der Bundesverband des Zinngießerhandwerks hielt in der Zinngießerei Babette Schweizer die Jahreshauptversammlung. Die aktuelle Situation im Handwerk, die Gütesicherung und die zeitgemäße Darstellung über Werbemittel wurden diskutiert.

Dass es nicht mehr besonders rosig aussieht mit der kunsthandwerklichen Verarbeitung von Zinn, jenem Metall, das sich der Mensch seit 5000 Jahren zu nutze macht, ist augenfällig: Zum Bundesverband gehören heute noch 22 Mitglieder. Um 1900 stellten allein in Bayern noch 900 Zinngießereien Geschirr, Gebrauchsgut und Devotionalien her. Vom „sterbenden Beruf“ spricht Bundesverbandspräsident Stephan Dörr aus Eggolsheim in Mittelfranken: „Meister kann nur werden, wer vom Meister geprüft wird.“ Doch die EU wolle der größten Ausbildungsbefähigung an den Kragen: „Die Meisterprüfung“, so Dörr, „ist den politischen Entscheidern ein Dorn im Auge“, weil es in vielen EU-Staaten ohne Meisterprüfung ginge und man die Staatengemeinschaft gleichschalten wolle. „Sie wird schon scheibchenweise abserviert“, sind die Zinngießer sicher, denn seit 1997 gibt es für ihr Gewerk nur noch einen gesammelten Berufsverband, der sie mit den Metall- und Glockengießern vereint. „Das sind drei Berufe, die nichts miteinander zu tun haben.“ Weil es keine Ausbildungspflicht mehr gibt, fiel nach der Handwerksordnung auch der Zweck einer Innung weg. So löste sich vor vier Jahren die Landesinnung Bayern/Baden-Württemberg auf. Parallel wurde der Bundesverband des Deutschen Zinngießerhandwerks belebt, dem 22 Betriebe angeschlossen sind. Etwa 30, schätzt Dörr, seien noch aktiv in Deutschland. Wies-Herrgott aus 1748 Die Marktgemeinde Dießen liegt mit ihren Zinngießereien ganz vorne im Bundesverband. Hier stellt die Familie Schweizer seit 1796 – heute in zwei Betrieben – Zinnwaren her. „Unsere Formen sind zum Teil noch älter“, erzählt Gunnar Schweizer von der Zinngießerei Babette Schweizer. So habe er jüngst den berühmten „Herrgott in der Wies“ von 1748 wieder aufgelegt. Wer die alten Model nicht wegschmeißt, könne heute die gleichen Produkte herstellen wie vor Jahrhunderten. „Diese Formen sind unsere Kultur und unser Kapital zugleich“, erklärt Schweizer, die Politik begreife das nicht. Rotes Gütesiegel Im Zuge der Nostalgiewelle habe das authentische Zinngießerhandwerk in den 1980-er Jahren noch mal einen Aufschwung erlebt. Dann seien Metallwarenfabriken auf den Zug aufgesprungen und hätten den Markt kaputt gemacht. Die Wohnungen seien mit industriell hergestellten Zinnwaren überschwemmt worden. Eine seiner Aufgaben sieht der Bundesverband darin, die Unterschiede zwischen handwerklich hergestellten und industriellen Zinnwaren bewusst zu machen. Dafür bürgt sein rotes Gütesiegel. Außerdem gäbe es eine ganz einfache Methode, das Echte vom Falschen zu unterscheiden. Reines Zinn, erklärt Dörr, erkenne man am hellen Klang und am samtigen, grauen Glanz. Mit Blei versetzte Legierungen tönen stumpf, wenn man mit dem Finger dagegen klopft und sie sind dunkel. Die Bundesversammlung war sich einig, den Kampf für Qualität weiterzuführen und sich unermüdlich einzusetzen für Gütesicherung. Das heißt im Klartext, dass sie sich gegen eine schleichende Veränderung des Gussmaterials wehren. Ein Gegenstand dürfe nur als Zinn bezeichnet werden, wenn er nicht mehr als zehn Prozent Legierungsmetall enthalte.Die Im Bundesverband zusammengeschlossenen Betriebe, bestätigt Dörr, legieren in der Regel nur mit drei bis vier Prozent.

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