Altes Handwerk neu entdeckt

Die im offenen Feuer erhitze Eisenbereifung wird von Schmied Florian Aberl (links) und seinem Gesellen vorsichtig um das neue Rad gelegt. Fotos: Paul Nagl

Mit tiefem Geblubber alter Dieselmotoren kündigte sich ein großes Ereignis bereits am frühen Sonntagvormittag an: Aus allen Himmelsrichtungen fuhren mit bunten Blumen geschmückte und mit fröhlichen Menschen besetzte alte Bulldogs auf den Dorfmarkt in Wengen zu. Gegen die herbstliche Kühle halfen gestrickte Wadenstrümpfe und wollene Trachtenjanker. Skeptiker, die einen Schirm eingesteckt hatte, hatten das umsonst getan, denn der Markttag verlief ohne Regengüsse.

Nur wer sich beizeiten aufgemacht hatte, konnte den Markt, den die Burschenschaft Wengen seit mehr als einem Jahrzehnt organisiert, noch weitgehend ohne Gedränge genießen: Vorbei am Stand der Bayerischen Staatsforsten, wo Förster Alwin Rammo großen und kleinen Naturkundlern anschaulich erläuterte, warum ein gesunder Wald als Wasserspeicher so wichtig ist, ging es weiter zum Gemüsestand der Burschenschaft Wengen. Hier wurde die frische Ernte vom Dorfacker angeboten: Große Kartoffeln, duftender Lauch, zarte Karotten und vieles mehr. Im Mittelpunkt stand heuer das Wagenrad: Der Wengener Wagnermeister Wolfgang Linke, 29, legte als letzte Wagner in Deutschland eine Meisterprüfung ab – nach einer Zunftordnung aus dem Jahr 1937. Gemeinsam mit Florian Aberl, einem jungen Schmiedemeister aus Garmisch, demonstrierte Linke die Entstehung von Wagenrädern: Während der Eisenbeschlag im offenen Feuer glühte, wurde im alten „Maulaufreißerstadl“, der eigens vom Dorfrand in die Ortsmitte transportiert worden war, gearbeitet: An der „Universal-Radmaschine“, einer „eierlegenden Wollmilchsau“, wie Moderator Josef Steinle lachend kommentierte, wurde der „Radhaufen“ (Radnabe) gedrechselt, Speichen aus gut abgelagertem Eschenholz geschält und später in die dafür vorgesehenen Bohrungen eingefügt. Besonders spannend war der Augenblick, in dem die Handwerker das heiße Eisen auf das Holzrad stülpten. Danach muss das Eisen sofort mit kaltem Wasser übergossen werden, damit es sich zusammenzieht, um sich optimal ans Holz anzupassen. Schon die erste Vorführung um 11.30 Uhr wurde von mehr als 100 Zuschauern aufmerksam verfolgt. Dass altes Handwerk Zukunft hat, stellte Steinle nicht in Frage. Im Gegenteil: Nicht nur die Nachfrage nach neuen Kutschen und Reparaturen aus Linkes Werkstatt steige, auch hochwertiges Werkzeug aus Holz und Eisen, wie Linke und Aberl es gemeinsam fertigen, sei wieder sehr gefragt. Seine Nische hat auch Sattlermeister Michael Ruoff gefunden: Er demonstrierte für die Besucher des Dorfmarkts nur einige Meter weiter die Herstellung von Sattelgurten und Lederhalsbändern. Hier sei die Nachfrage dank seiner Zusammenarbeit mit dem World Wildlife Fund groß. Wildtiere, wie zum Beispiel Leoparden oder Tiger, werden mit den Halsbändern aus Ruoffs Werkstatt, die mit Sendern versehen werden, bestückt. So kann man ihre Wanderungen in freier Natur verfolgen. Nach so vielen spannenden Informationen konnte man sich an einem Markrundgang in dörflicher Idylle erfreuen, handgestrickte warme Socken oder Mützen, Eingelegtes oder Hochprozentiges aus den Wegener Küchen für den bevorstehenden Winter einkaufen.

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