Ab in die Blaue Tonne. Und dann?

Altpapier-Sortieranlage Kinsau: Was mit unserem Altpapier passiert

1 von 3
Maschinen unterstützen zwar die Arbeit. Letztlich geht es ohne menschliche Hände aber auch nicht. Zwei Mitarbeiterinnen sortieren alles, was nicht aus Papier oder Karton ist, in Rekordgeschwindigkeit aus.
2 von 3
Blitzschnell fährt das Band in die Maschine. Darin: Etliche Nadeln, die beim Sortieren helfen.
3 von 3
Betriebsleiter Hermann Müller und seine Mitarbeiter sortieren täglich rund 400 Tonnen Altpapier.

Kinsau – „Hier ist kein Müll. Wir verarbeiten einen Wertstoff.“ Fast schon ein wenig entsetzt wirkt ASK-Betriebsleiter Hermann Müller auf meine Frage, wie viel Tonnen Müll denn jedes Jahr in der Altpapier Sortierung Kinsau landen. Bevor ich in noch mehr Fettnäpfchen trete, lasse ich den Allgäuer einfach erzählen. Darüber, was den Rohstoff so wertvoll macht, welche Fundstücke die Mitarbeiter manchmal aus den Containern ziehen und warum Coffee-to-go-Pappbecher eine Sünde sind.

Gemütlich am Frühstückstisch sitzen. Der Kaffee dampft aus der Tasse. Die frischgebackenen Semmeln duften herrlich. Und dazu eine Zeitung. So richtig aus Papier. Kein Smartphone oder so in der Hand. So sollte jeder Morgen beginnen. Zugegeben, dieses Bild ist mittlerweile in deutschen Haushalten immer seltener anzutreffen. Was schade ist, denn das Papier, das man in den Händen hält, kann sogar noch viel mehr erzählen, als die darauf gedruckten Buchstaben. Es hat nämlich eine längere Reise hinter sich.

Täglich rollen die Lkw mit großen Containern auf das Gelände der Sortieranlage in Kinsau. Das Gut, das sie geladen haben: Altpapier aus der blauen Tonne. In riesigen Bergen stapelt sich der Wertstoff in der Anlieferungshalle. „Rund 400 Tonnen pro Tag verarbeiten wir hier“, erklärt Betriebsleiter Müller. Angeliefert wird unter anderem aus Starnberg, Kreis Weilheim-Schongau, Augsburg oder auch Stuttgart. Und eben auch aus dem Landkreis Landsberg. „Aus Landsberg kommen so rund fünf Prozent“, schätzt Müller.

Dabei sei längst nicht alles, was in der blauen Tonne landet, Altpapier. „Wir haben schon Stoßstangen und Kotflügel rausgezogen. Das ist keine Seltenheit.“ Doch ein Fund ist Müller ganz besonders in Erinnerung geblieben. „Da hätt‘s mir beinahe den Magen umgedreht.“ Jemand hatte wohl Lust auf griechischen Grillteller, aber im letzten Moment doch noch zur Tiefkühlpizza gegriffen. Und so landete ein Tintenfisch inmitten des Altpapiers. Verständlich, dass einem bei dem Geglibber etwas anders wird.

Aber zurück zum Altpapier. Ein Schaufellader ist gerade damit beschäftigt, die Berge in der Anlieferungshalle abzutragen und auf ein Förderband zu verfrachten. Damit werden das Papier und die Kartonagen über unsere Köpfe hinweg getragen – und verschwinden schließlich hinter einer Wand.

Eine Mogelpackung

Um herauszufinden, wo das Förderband hinführt, geht es durch die Anlieferungshalle in einen weiteren Abschnitt. Doch auf dem Weg dahin bleibt Müller plötzlich stehen und hebt etwas vom Boden auf. Einen Coffee-to-go-Pappbecher hält er mir entgegen. „Eine Sünde.“ Aber warum? Ist doch besser als die aus Plastik? „Das ist eine Mogelpackung“, kommt die ernüchternde Antwort. Außen Pappe, innen Plastik. Denn um den Becher „nassfest“ zu machen, braucht es innen eine Kunststoffbeschichtung. Man muss beim Recycling also die Pappe vom Kunststoff trennen.

Müller erklärt, warum das gar nicht so einfach ist. „Beim Recyceln wird das Papier für eine bestimmte Zeit in Wasser aufgeweicht.“ Doch die Pappbecher bräuchten wesentlich länger, damit sich die beiden Stoffe voneinander trennen. Die Einweichzeit zu verlängern, würde sich aus betriebswirtschaftlichen Gründen aber nicht lohnen. „Dann wird das Recyceln zum Hobby.“

Müller scheint allgemein nicht viel von dem Konzept des schnellen Kaffees für unterwegs zu halten. „Wenn es schon soweit ist, dass ich meinen Kaffee während dem Laufen trinken muss, dann kann ich‘s auch gleich bleiben lassen“, lacht der Betriebsleiter und wirft den Pappbecher zurück auf den Papierstapel. Weiter geht der Spaziergang in die nächste Halle. Und dort beginnt die eigentliche Arbeit der 20 Mitarbeiter, die auf dem Recyclinghof im Zwei-Schichtsystem werkeln.

Wer vorher den Schaufellader schon als laut empfand, wird sich hier die Ohren zuhalten müssen. Verständigung: nur noch durch gegenseitiges Anschreien. Der Grund: Wie ein Labyrinth schlängeln sich Förderbänder durch die große Halle. Manche in einem gemächlichen Tempo, andere zischen nur so vorbei.

Müller weist den Weg über eine Stahltreppe nach oben. Der Lärm wird lauter. Der Boden fängt auf einmal zu vibrieren an. Das liegt an den zwei Maschinen, die den ersten Sortierdurchlauf übernehmen. Müller öffnet eines der roten Geräte und schon fliegt uns ein Kartonstück entgegen. Innendrin drehen sich in hoher Geschwindigkeit Stangen, an denen große Nadeln befestigt sind. Die Kartonagen werden hier von den Nadeln angestochen und zu einer Seite hin befördert. „Das Papier fällt dann zur anderen Seite.“ Und von da an gehen das weiße Papier und der braune Karton getrennte Wege.

Müller zeigt nach unten, auf ein anderes Förderband. „Das Geräusch, das Sie hören, ist ein Luftstrahl.“ Eine Maschine durchsucht das Band nochmals nach Karton. Wird es fündig, wird der mit einem lauten ‚Zisch‘ vom Band gefegt.

Zeit, sich das Ganze aus der Nähe anzuschauen. Es geht wieder ein paar Treppen nach unten, bis wir vor einem Computer stehen, der von einem Arbeiter bedient wird. Daneben läuft– wie könnte es anders sein – ein weiteres Förderband. Diesmal aber mit einem Trenner in der Mitte. Rechts alte Zeitungen und Papierknäuel, links zerkleinerte Kartonstücke. Und zwischendrin auch buntgemischt. Doch das ist gewollt. Der Luftstrahl lässt sich mit Hilfe des Computers nämlich so einstellen, dass er mehr oder weniger gründlich arbeitet, wie Müller erläutert. So lasse sich die Qualität des Papieres beeinflussen. „Mit Papier lässt sich Geld verdienen. Die Preise für Kartonagen sind im Keller.“ Papier ist also hochwertiger. Die Zulieferer, wie Remondis oder Veolia, die das sortierte Altpapier hinterher weiterverarbeiten, wollen hohe Qualität. Sprich, möglichst wenig Karton im Papier. Denn Karton lässt sich nicht mehr zu Zeitungspapier oder ähnlichem verarbeiten, wie Müller erklärt. Eine braune Faser könne man nicht mehr in eine weiße umwandeln. „Bis drei Prozent Kartonagen dürfen mit drin sein. Bis vier Prozent sind die Zulieferer noch kulant. Alles darüber nehmen die gar nicht erst an.“

Handarbeit ist gefragt

Doch die beste Maschine nützt nichts, es bleiben immer noch Dinge auf den Förderbändern, die da nichts verloren haben. Wie Kabel, Plastik, Kleidungsstücke – oder eben der zuvor erwähnte Tintenfisch. Es hilft also alles nichts, Handarbeit ist gefragt. Es geht mal wieder eine Stahltreppe nach oben, in ein kleines Häuschen. Auch hier fließt ein Förderband durch. Links und rechts davon stehen zwei Damen, die in einer erstaunlichen Geschwindigkeit den Müll vom Wertstoff trennen.

Hier ist der Sortierprozess eigentlich am Ende. Übrig bleiben Berge von Kartonagen, die in einer weiteren Halle zu Ballen gepresst werden, Berge von Papier und ein kleinerer Berg mit gräulichen Papierfetzen. Die sind zuvor im Feinsieb aussortiert worden. Darin befindet sich auch Thermopapier, wie es zum Beispiel für Kassenzettel verwendet wird. Denn das eignet sich so gar nicht für das hochwertige Recyclingpapier. „Die Farbe der Schrift kriegen Sie da nicht raus“, begründet Müller. Daher auch die eher gräuliche Farbe. Dennoch lässt sich damit noch etwas anfangen. „Das wird zum Beispiel für Schuhkartons oder Toilettenpapier genutzt.“

Die letzte Station des nun sortierten Altpapiers ist in einer weiteren Halle. Hier wird der Wertstoff bis zur Abholung bis zu vier Wochen gelagert. Dann geht es unter anderem nach Schongau, wo aus der alten Zeitung innerhalb von rund einer Woche eine neue wird.
Stephanie Novy

Auch interessant

Meistgelesen

5x2 Karten für das Phantom der Oper in Landsberg gewinnen
5x2 Karten für das Phantom der Oper in Landsberg gewinnen
Ein Sonderpreis für den Trommlerzug aus Apfeldorf
Ein Sonderpreis für den Trommlerzug aus Apfeldorf
Petition für barrierefreien Umbau des Kauferinger Bahnhofs
Petition für barrierefreien Umbau des Kauferinger Bahnhofs
Wenn die Omi mit der Post nach München fahren will
Wenn die Omi mit der Post nach München fahren will

Kommentare