Die Suche nach dem Bösen

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Was ist das Böse? – der Erzähler fordert die Zuschauer.

Landsberg – „Wenn wir uns vom Bösen unterhalten lassen wollen, wie können wir es dann wagen, es zu verurteilen?“ fragt der Erzähler. Was erwartet man von einem Stück wie „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“? Grusel? Eine Moral? Oder einfach Unterhaltung? Der Erzähler stellt die provokante Frage, Antwort offen.

Evil – das Böse. Oft fällt dieser Begriff in Stevensons Novelle, entstanden 1886, und in der Inszenierung von Paul Stebbings. Doch was ist das „Böse“, wo ist es? Laut Stevenson lauert es überall, in unseren geheimen Gedanken. Daher unsere Lust an Gruselfilmen, Thrillern, Krimis, die die Möglichkeit der Katharsis bieten.

Im viktorianischen Zeitalter, der Epoche der Scheinmoral und Verdrängung, bestand diese Reinigung der Gedanken nur in eingeschränktem Maß. In den dunkleren Vierteln war das Verbrechen Normalität, in den vornehmeren Straßen ein Tabu. Diese scheinbare räumliche Trennung zwischen Gut und Böse, die sich auch in den Wohnorten Jekylls und Hydes niederschlägt (als Hyde bezieht der Protagonist ein schäbiges Zimmer in Soho) vollzieht sich in Konsequenz als komplette Abspaltung der „bösen“ Persönlichkeit durch eine selbstgemixte Droge.

Als Jekyll bringt der „gute“ Mensch wieder in Ordnung, was der „böse“ Hyde (nomen est omen) angerichtet hat – bis es der Mord an einem angesehenen Bürger nicht mehr möglich macht, sich die dunkle Persönlichkeit verselbständigt und nicht mehr kontrollieren lässt. Die Inszenierung der American Drama Group orientiert sich eng an der Novelle Stevensons, ohne den romantischen Ballast mancher Film- und Musicaladaptionen und reduziert die Personen: Der Anwalt Utterson (der mit dem Arzt Lanyon der Novelle verschmilzt und von Adrian Palmer gespielt wird), Dr. Jekyll (Christian Flint, auch als Erzähler) und Edward Hyde (in mehreren Rollen Nick Dutton).

Brilliante Schauspieler

Jekyll und Hyde werden hier von zwei Schauspielern verkörpert, die Idee der getrennten Persönlichkeiten konsequent umgesetzt. Temporeich, atmosphärisch dicht, mit eingefügten Songs und brillanten Schauspielern, (die nur ab und zu ein bisschen zu viel Pathos einsetzten). Darf man sich vom „Bösen“ unterhalten lassen? Ja, man darf. Doch der Erzähler – hier als Man of Mystery deklariert – sorgt immer wieder dafür, dass man hinterfragt, sich nicht entspannt zurücklehnt. Also doch ein „moralisches“ Stück.

Patricia Eckstein

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