KREISBOTEN-Serie Naturschutzgebiete

Ammersee: mit Punkern, Ferkeln und Banditen

Ammersee-Südufer vom Beobachtungsturm aus
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Der Blick vom Naturbeobachtungsturm in Dießen über das ‚Grüberl‘ und den See – Stille garantiert.

Ammersee – Ein Turm, ein Grüberl, das Schilf und Stille. Das Ammersee-Südufer zeigt sich als Paradies. Auf dem Naturbeobachtungsturm sind nur entfernt die Rufe der Badenden zu hören, ab und zu das Schaufelrad der Herrsching oder der Old Lady Dießen. Ansonsten nur Plätschern, Schilfhalme reiben raschelnd, Vögel keckern – die laute, schnelle Welt duckt sich und macht Platz für Zeitlosigkeit. Die 1976 zum Ramsargebiet ausgelobte Vogelfreistätte Ammersee-Südufer beschließt die KREISBOTEN –Serie. Und lädt den Leser ein, diese ‚Inseln‘ auf eigene Faust zu erkunden. Mit Vorsicht, Neugierde und Respekt vor der Natur.

Der Parkplatz am Ammersee-Südufer ist nahezu leer. Kein Wunder, türmen sich am Himmel bereits Gewitterwolken. Das Licht kommt nur schwer durch die Wolkenschichten, bricht sich, taucht alles in hartes Gelb. Noch ist es ruhig. Aber der Gewitterwind ist schon zu riechen.

Ammersee - mit Punkern, Ferkeln und Banditen

Vogelfreistätte Ammersee-Süd
Die Ammersee-Südspitze bietet vor allem Vogelkundlern reiche Aussicht. © ks
Vogelfreistätte Ammersee-Süd
Die Ammersee-Südspitze bietet vor allem Vogelkundlern reiche Aussicht. © ks
Vogelfreistätte Ammersee-Süd
Die Ammersee-Südspitze bietet vor allem Vogelkundlern reiche Aussicht. © ks
Vogelfreistätte Ammersee-Süd
Die Ammersee-Südspitze bietet vor allem Vogelkundlern reiche Aussicht. © ks
Vogelfreistätte Ammersee-Süd
Die Ammersee-Südspitze bietet vor allem Vogelkundlern reiche Aussicht. © ks
Vogelfreistätte Ammersee-Süd
Die Ammersee-Südspitze bietet vor allem Vogelkundlern reiche Aussicht. © ks
Vogelfreistätte Ammersee-Süd
Die Ammersee-Südspitze bietet vor allem Vogelkundlern reiche Aussicht. © ks
Vogelfreistätte Ammersee-Süd
Die Ammersee-Südspitze bietet vor allem Vogelkundlern reiche Aussicht. © ks
Vogelfreistätte Ammersee-Süd
Die Ammersee-Südspitze bietet vor allem Vogelkundlern reiche Aussicht. © ks
Vogelfreistätte Ammersee-Süd
Die Ammersee-Südspitze bietet vor allem Vogelkundlern reiche Aussicht © ks

Fast schon ein Ritual: Gebietsbetreuer Christian Niederbichler fährt mit seinem silbergrauen Kombi vor, steigt aus, zieht die hellgrüne Weste über und schreitet zum Kofferraum. Denn dort stecken Spektiv und Informationen: Karten, Broschüren. Und ausgestopfte Vögel. Heute sind es zwei Kolbenerpel mit feuerrotem Schnabel, die bewegungslos mit starrem Auge im Holzkörbchen sitzen – auf rot-weiß-kariertem Tuch. Der eine trägt sein ‚Prachtkleid‘: ein rostroter Federschopf, „fast wie ein Punker“ schmunzelt Niederbichler. Der andere ist im Schlichtkleid, mit mausbraunem Schopf – wenn es mal nicht darum geht, ein Weibchen zu beeindrucken.

„Die Kolbenente kommt hierher zur Mauser“, erklärt Niederbichler. In den zwei Wochen, die die Mauser dauert, ist die Ente ohne ihre Schwungfedern komplett flugunfähig. Und braucht deshalb alles Lebensnotwendige in sicherer Umgebung. Das rund 600 Hektar große Naturschutzgebiet Ammersee-Südufer mit seinem kleinen Binnensee, dem Grüberl als Rückzugsraum ist dazu ideal. Solange die Menschen draußen bleiben.

Kleiner brauner Vogel

Für den kurzen Weg zum Beobachtungsturm packt Geograph Niederbichler sein Spektiv über die Schulter, der Enten-Korb schaukelt in der anderen Hand. Ein Holzsteg mäandert zum nördlichen Zipfel der Vogelfreistätte. Links Schilf, rechts eine gemähte Streuwiese, gegenüber linst Andechs auf den See, die letzten Grillen reiben ihre Flügel. Ein kleiner, brauner Vogel hüpft durch die Halme, schimpft wie ein Rohrspatz. Kein Wunder, denn so wird der Teichrohrsänger im Volksmund genannt. Im Sommer kommt er zum Brüten und webt sein Nest zwischen den Halmen. Momentan startet er schon Reisevorbereitungen: Demnächst fliegt er zum Überwintern nach Afrika. Eher unscheinbar gefärbte und winzige Vögel wie ihn gibt es so viele, dass die Ornithologen, die Vogelkundler, daraus eine eigene Gruppe namens ‚kbv‘ gemacht haben, erzählt Niederbichler: kleiner brauner Vogel. Im Englischen übrigens sbb, small brown bird.

Das Ammersee-Südufer ist Brutplatz, Zwischenstopp und Überwinterungsplatz für rund 10.000 Zugvögel. 180 Arten brüten hier, rund 280 sind nachgewiesen. Wasservögel aus Russland und Skandinavien machen hier auf ihrer Reise in den Süden Pause. Niederbichler hat dazu Karten, auf dem die Sichtungsorte einzelner, beringter Vögel mit Punkten markiert sind: „Es gibt Reiherenten, die kommen aus Zentralsibirien. Das ist ein einfacher Flugweg von bis zu 6.000 Kilometern.“

Neben Reiher- und Kolbenenten gibt es auch noch Schell- und Schnatterenten. Letztere seien „wunderschön, mit einer tollen Gefiederzeichnung wie ein Perlhuhn“, schwärmt der Geograph. Er zeigt ein Bild in seinem Vogelbüchlein. Sieht aus wie eine normale Stockente. Aber ohne das Grün des Erpels und ohne den blauen Streifen beim Weibchen. „Und das ist ein Problem. Denn die Schnatterente ist geschützt. Aber wie will jemand auf Entenjagd die im Dämmerlicht von einer Stockente unterscheiden?“

Der Beobachtungsturm thront mitten im Schilf, dahinter gleich das Grüberl mit Blick auf die erste Landzunge mit dem Zufluss der Alten Ammer. Das Grüberl wurde früher auch zum Floßbau benutzt. Driftholz aus der Ammer wurde auf dem Wasser zu riesigen Flößen zusammengesetzt, samt Mast und Segel. Vom Grüberl ging‘s über den See nach Stegen, von dort in die Amper und in Dachau kam das Holz wieder aufs Trockene.

Fast jede Fläche des Beobachtungsturms ist mit Graffiti bedeckt. Eigentlich nicht schlecht. Aber auch die Infotafeln sind übermalt. „Das Graffiti verleiht dem Turm etwas leicht Verwahrlostes, was andere dann dazu anstiftet, Dinge kaputt zu machen“, vermutet Niederbichler. Es gebe hier manchmal Lagerfeuer, auch Schlägereien. Die Gemeinde sei es inzwischen leid, die Tafeln zu erneuern.

Jetzt gerade ist niemand da, nur eine vergessene, goldfarbene Plastikflasche thront auf dem Treppengeländer. Niederbichler baut sein Spektiv auf – und fängt fast sofort an zu zählen. Denn auf dem See tummeln sich die roten Schnäbel der Kolbenenten, „27“, zählt der Geograph. „Dazu ein Silber- und ein Graureiher, ein Teichrohrsänger und über 60 Reiherenten.“ So schnell einen Überblick über das Federvieh zu bekommen zeugt von Übung. „Meistens zählt man mit einem Zähler, der für jede Art einen unterschiedlich gefärbten Knopf hat, rot für die Kolben-, blau für die Reiherenten und so weiter“, erzählt der Gebietsbetreuer. „Am meisten Vögel sind hier aber im Dezember und Januar zu sehen.“

Immer mehr Kolbenenten versammeln sich vor dem Turm. Das Grüberl sei für die Vögel so etwas wie eine Ruhezone, erläutert Niederbichler. Die Wasserpolizei achte darauf, dass niemand mit dem Boot oder schwimmend stört. Plötzlich fliegen die Enten auf: Eine Möwe jagt sie, wohl weil sie versucht, den Enten die Kamberkrebse abspenstig zu machen, vermutet Niederbichler. In perfekter Synchron-Wasserung landen drei der Enten etwas weiter südlich.

Zwei Haubentaucher schwimmen keckernd durchs Wasser. Deren Junge sähen aus wie „Banditen“, lacht Niederbichler, mit ihrem schwarz-weiß-gestreiften Kopf. Die hohen Rufe von Blesshühnern tönen über den See. Dann ein rhythmisches Pickern. „Der Ruf der Wasserralle“, erklärt der Gebietsbetreuer leise, lauscht weiter … „Da!“ Zu hören ist ein Quieken, „kruuiiie“, fast wie ein kleines Ferkel. „Die bekommt man selten zu sehen“, bedauert der Gebietsbetreuer. Dabei ist die Wasserralle äußerst hübsch mit ihrem rötlichen Schnabel und dem blaugrauen Brustgefieder. Aber es gibt Entschädigung: Mit einem leisen Luftzug erhebt sich direkt vor uns ein Silberreiher und fliegt in majestätischer Ruhe zum anderen Ufer. „Fast wie ein Geisterflug“, sagt Niederbichler.

Ente mit Spaghettigabel

Eine Mutter kommt mit ihrer kleinen Tochter nach oben. Die Augen des Mädchens bleiben an den zwei Erpeln im Korb hängen, die Niederbichler auf der Brüstung des Turms abgestellt hat. Geheuer sind sie ihr nicht. „Fliegen die weg?“, fragt es. Der Gebietsbetreuer hat in seiner Arbeit oft mit Kindern und Jugendlichen zu tun. Und umschifft die Tatsache, dass die Vögel ausgestopft sind, elegant mit Informationen. Dass es zwei Männchen sind – „zwei Männer“, korrigiert das Mädchen. „Genau“, sagt der Geograph, „und mit den kleinen Zähnchen am Schnabel fischen sie die Fächeralgen aus dem See.“ Das funktioniere wie eine Spaghettigabel. „Kinder kommen mit ausgestopften Tieren nicht gut zurecht“, wird er später erklären. „Normalerweise zeigen wir die ihnen nicht.“ Das Mädchen hat sich inzwischen angefreundet mit diesem Getier. „Sind die weich? Kann ich mal den anderen sehen?“ Vielleicht ist es ja die Geburtsstunde einer zukünftigen Ornithologin.

Der Silberreiher hat sich inzwischen elegant neben seinem Kollegen im Baumwipfel auf der gegenüberliegenden Landzunge niedergelassen. Durch Niederbichlers Spektiv rücken die beiden mit ihren dottergelben Schnäbeln fast auf Armlänge heran. „Es gibt inzwischen eine eigene Fotorichtung: Fotos mit dem Smartphone durchs Spektiv“, erzählt der Gebietsbetreuer: „Digiscoping“. Nicht wirklich einfach, wie sich zeigt. Man muss mit der Kamera den weißen Kreis im Sichtfeld des Spektivs treffen, ruhighalten, knipsen … Auf meinem Smartphone sehe ich nur schwarz. Offensichtlich verlangt Digiscoping Übung. Niederbichler versucht es ebenfalls. Und kann einige Aufnahmen machen – noch mit schwarzem Rund, aber die Reiher sind gut zu erkennen.

Wir bekommen noch mehr Besuch. Zwei Jungs, die nicht ganz freiwillig, aber höflich den Erklärungen des Geographen lauschen, danach eine Gruppe von Frauen aus Leipzig, die, gerade angekommen, noch bis nach Füssen laufen wollen. Erste Tropfen plattern auf das Holzdach, der Anfang eines Regenbogens streckt sich neben Andechs in den Himmel. Niederbichler packt das Spektiv ein, nimmt das Enten-Körbchen in die Hand, wir gehen zurück zum Parkplatz. Der geplante Ausflug zur Neuen Ammer fällt ins Wasser. Macht nichts. Außerdem bietet Niederbichler einen Nachholtermin an.

Als ich auf die Uhr schaue, sind zweieinhalb Stunden vergangen. Wie im Flug. Dass ich auf meiner Vespa bei der Rückfahrt klatschnass werde, merke ich kaum. In mir plätschert der See, das Schilf raschelt. Und ab und zu quiekt ein Ferkel. ks

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