Eröffnung der AMMERSEErenade

Paganini lässt grüßen

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Die Klosterkirche St. Ottilien begeisterte das Publikum beim Eröffnungskonzert des Klassikfestivals AMMERSEErenade mit Musik von höchster Qualität. Im Bild die 21-jährige Ausnahme-Geigerin Milena Wilke aus Freiburg.

St. Ottilien – Die Streben der neugotischen Klosterkirche erstrahlen in Rosa und Gelb. Himmelblau leuchtet die Decke. Eine Lichtinszenierung. Durch den Raum hallt das a‘ zum Stimmen der Instrumente. Gäste füllen den Raum mit Murmeln, Rascheln und leisem Lachen. Vorfreude auf das Kommende. Denn das Eröffnungskonzert des Klassikfestivals AMMERSEErenade in St. Ottilien verspricht hochkarätigen Genuss: die Russische Kammerphilharmonie St. Petersburg, das Männerchor-Ensemble „echo“ aus Dresden und die gerne als Wunderkind bezeichnete Geigerin Milena Wilke.

Der illustre Abend startet mit Georg Friedrich Händels strahlendem „Halleluja“ aus dem „Messias“. Ohne Chor. Jede einzelne Stimme des für vierstimmigen Chor komponierten Werkes wird nur durch einen Sänger vertreten: Das Ensemble „echo“ vereint vier ehemalige Mitglieder des Dresdner Kreuzchores – der berühmte Knabenchor, inzwischen zum immateriellen Kulturerbe erhoben. Das Repertoire des Quartetts reicht von ABBA bis Purcell – Unterschiede zwischen E und U werden beiseite gewischt. Begleitet werden sie von der Russischen Kammerphilharmonie unter der Leitung von Juri Gilbo. Das Orchester ist ebenso brillant wie die Sänger. Nur schade, dass es bei Händel einen Tick zu mächtig ist – kompositionsbedingt. Und so zeigt sich das Können von „echo“ erst richtig in „caro mio ben“, einem schmachtend vertonten Liebesgedicht: „Mein teurer Liebling, glaube mir, ohne dich stockt mein Herz“.

Was dann folgt, ist der unumstrittene Höhepunkt: die Freiburger Geigerin Milena Wilke. Ein Wunderkind, das bereits mit zweieinhalb Jahren die erste Geige in der Hand hielt. Mit zehn wird sie Jungstudentin an der Freiburger Musikhochschule, von da aus geht es nach Zürich und schließlich nach München: Die inzwischen 21-Jährige ist Schülerin bei Ingolf Turban. Sie spielt das Violinkonzert Nr. 5 A-Dur von Mozart. Und das mit Selbstverständlichkeit, lässig und perfekt, ohne dass ihre technische Virtuosität in den Vordergrund treten würde. Das Allegro flirrt in exakten Läufen und schöpft Nuancen aus. Vor allem der Solopart bezaubert. Gäbe es da nicht diese manchmal lästige Anweisung, nicht zwischen einzelnen Sätzen zu applaudieren, hier hätte man doch gern geklatscht.

Mozart wurde für seine Komposition von den Geigern Italiens inspiriert – denn im Land der blühenden Zitronen war das Solokonzert der Violine üblicher als in Wien. Er schrieb für den Eigengebrauch. Und da er das Instrument gut kannte, schöpfen seine Kompositionen einen Großteil des Repertoires aus. Da wird dann auch mal „coll‘ arco al rovescio“ gespielt, also mit der Holzseite des Bogens auf die Saiten geschlagen. Milena Wilkes Geige ist keine historische. Ihr Vater, ein Geigenbauer, hat sie ihr auf den Leib geschneidert. Aber auch ohne Stradivari scheint eine Teufelsgeigerin in ihr zu stecken: Bei Antonio Bazzinis „La Ronde des Lutins“, dem „Tanz der Kobolde“, fliegt ihr Bogen. Und vor den Augen des Zuhörers wirbeln kleine Wichte im irrwitzigen Reigen.

Die Russische Kammerphilharmonie zeigt ihr perfekt abgestimmtes Spiel mit Tschaikowskys „Melodrama“ aus seinem Stück „Schneeflöckchen“. „Eines seiner liebsten Kinder“ soll Tschaikowsky das Werk genannt haben. Es ist immer wieder erstaunlich, wie anders – und beeindruckend – russische Musiker russische Komponisten interpretieren. Im Anschluss folgt Sibelius. Der mystische Eremit sah das Wesen der Welt im Einklang mit der Natur: singende Wälder, flüsternde Waldnymphen und Obertöne aus dem Roggenfeld. Was den Philosophen Theodor W. Adorno zu dem Kommentar veranlasste, den Tönen Sibelius‘ widerfahre „sehr früh ein Unglück, etwa wie einem Säugling, der vom Tisch herunterfällt“. Adorno unterstellte Sibelius „Blut und Boden“-Romantik. Eine Nähe Sibelius zum Nationalsozialismus ist jedoch umstritten. Stilistisch wollte Adorno die Moderne, Sibelius blieb der Spätromantik treu. Über Geschmack lässt sich streiten – oder gerade eben nicht.

Auch Haydn steht auf dem Programm: Seine Symphonie Nr. 82, gerne auch „der Bär“ genannt strotzt temporeich und imperial. Ihr bäriger Bei­name kommt vom Bassthema des letzten Satzes. Man munkelt, Haydn habe dabei einen Tanzbären im Sinn gehabt. Zum Abschied ehrt „echo“ a cappella Finnlands 100-jähriges Bestehen: 1917 reichte der Senat des bis dahin zu Russland gehörenden autonomen Großfürstentums die Unabhängigkeitserklärung beim Parlament ein. Finnlands Hymne „Maamme“, „Unser Land“, komponierte jedoch Fredrik Pacius, ein wasch­echter Hamburger.

Zum Abschluss dürfen auch die Gäste ran. Der Kanon „Dona nobis Pacem“ mit Stimmbelegung „ad libitum“ braucht noch etwas Übung. Aber Singen macht sichtbar glücklich. Zum Üben gibt die Kammerphilharmonie noch ein russisches Lied mit auf den Heimweg. Und siehe da, der Parkplatz summt.

Susanne Greiner

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