KREISBOTEN-Serie Naturschutzgebiete im Landkreis Landsberg

Ampermoos: das Land von Märzflöte und Himmelsziege

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Der Naturbeobachtungsturm bei Kottgeisering liegt am nördlichen Ende des Ampermooses.
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Christian Niederbichler mit der etwas ‚zerzausten‘ Bekassine.
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... und einem Brachvogel.
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Im Ampermoos startete das Pilotprojekt "Gebietsbetreuer Bayern" Ende der 1990er. Jetzt gibt es wieder Bekassinen und Brachvögel.
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Im Ampermoos startete das Pilotprojekt "Gebietsbetreuer Bayern" Ende der 1990er. Jetzt gibt es wieder Bekassinen und Brachvögel.
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Im Ampermoos startete das Pilotprojekt "Gebietsbetreuer Bayern" Ende der 1990er. Jetzt gibt es wieder Bekassinen und Brachvögel.
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Im Ampermoos startete das Pilotprojekt "Gebietsbetreuer Bayern" Ende der 1990er. Jetzt gibt es wieder Bekassinen und Brachvögel.
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Auch am Naturbeobachtungsturm ist eine Steinschlange in Coronazeiten entstanden.

Landkreis – Früher war nicht alles besser. Das Ampermoos schon. Mehlprimel und Lungenenzian, die die Streuwiesen in Rosa und Blau tauchten, dazu das Flöten des Brachvogels, das Trillern des Raubwürgers, das Meckern der Bekassine. Laute, die bereits Ende der 80er Jahre kaum mehr zu hören waren. Aber seit 1997 geht es wieder bergauf. Da startete unter Umweltminister Thomas Goppel das Pilotprojekt „Gebietsbetreuer“ – ein Projekt, das nicht vom Freistaat, sondern größtenteils vom LBV und dem Bayerischen Naturschutzfonds finanziert wird. Gebietsbetreuer-Vorreiter war Christian Niederbichler – im Ampermoos. Der Diplom-Geograph ist auch heute noch für das 500 Hektar große Flussniedermoors zuständig, das am Nordzipfel des Ammersees seinen Anfang nimmt und entlang der Amper bis nach Grafrath reicht.

Muss es wirklich heute sein? Das Autothermometer zeigt 34 Grad, stahlblauer Himmel ohne Wolken. Vor uns eine weite Fläche ohne Bäume, dafür mit Mücken. Aber die Gelegenheit, mit Bayerns erstem Gebietsbetreuer das Gelände zu erkunden, will genutzt werden. Ein Strohhut muss her. Und wie war das, erst den Sonnen-, dann den Mückenschutz? Zum Glück gibt es inzwischen two in one, schön schmierig.

Fast zu High Noon treffen wir uns bei der Kläranlage in Stegen, von wo ein Weg ins Moor führt. Zwischen dem 1. März und dem 15. Juli darf das Ampermoos nicht betreten werden. Es ist Brutzeit, und mangels Bäumen bauen Bekassine und Co. ihre Nester auf der Erde. Nur wenige Wege entlang der Moorgrenze sind erlaubt. Das ganze Jahr über aber gilt: Hunde müssen an die Leine, Zelten ist verboten, Feuermachen auch. Er habe schon mehrere uneinsichtige Hundebesitzer getroffen, erzählt Geograph Niederbichler. Und auch manch Wanderer, der das Naturschutzgebiet-Schild mit den Regeln ignoriert oder übersehen habe. „Vor allem dieses Jahr waren hier sehr viele Menschen unterwegs,“ Corona, die Menschen suchten die Natur, auch wenn es der Natur nicht immer gefiel.

Als wir am Treffpunkt stehen, fahren mehrere Autos Richtung Ampermündung, die Sitze voller Menschen, Kanus auf dem Dach. Außerhalb der Brutzeit könnte man das Naturschutzgebiet mit dem Kanu auf der Amper durchqueren. Aber bitte privat, kommerzielle Anbieter sind nicht erlaubt. „Wir sind da schon gegen vorgegangen“, erzählt Niederbichler. Obwohl manch kommerzieller Anbieter sogar vom Freistaat beworben worden sei. Nach einiger Zeit kommen die Autos zurück. Alle sind leer bis auf den Fahrer, auch die Boote sind nicht mehr da.

Niederbichler öffnet seinen Kofferraum und holt eine etwas zerzauste Bekassine und einen Brachvogel heraus, natürlich ausgestopft. Beides sind Zugvögel, die im März ins Ampermoos zum Brüten kommen. Und bis Mitte Juli schon wieder Richtung Portugal oder Afrika geflogen sind. „Bécasse ist das französische Wort für Waldschnepfe“, erklärt der Geograph den seltsamen Namen. Und die kleine Version, die Bekassine, gehört auch zu den Schnepfen. Sie hätten mal eine Umfrage gemacht, was denn eine Bekassine sein könne, erzählt Niederbichler. Die meisten hätten sich auf die Bootsklasse versteift.

Trillern und meckern

Bekassine und Brachvogel waren Ende der 80er im Ampermoos nahezu ausgestorben. Obwohl das Moor schon 1976 Ramsar-Gebiet, also ein Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung, 1982 Naturschutzgebiet und 2006 FFH-Gebiet wurde. „Anfang der 80er war ich oft mit dem Rad hier“, erzählt Niederbichler. Damals habe er noch das Trillern des Brachvogels gehört. „Die Echinger haben ihn liebevoll Märzflöte genannt.“ Und das Meckern der Bekassine, der „Himmelsziege“. Kein Laut, der dem rund 25 Zentimeter großen Tier aus dem Schnabel entschlüpft. Sondern das Geräusch, das durch die Schwanzfedern entsteht, die das Tier beim Balz-Ritual im Sturzflug abspreizt.

Ende der 80er sei es dann still geworden. Das Moor war zu trocken, trotz langer Schnäbel konnten Bekassine und Brachvogel keine Würmer und Insekten mehr im Boden finden. In den 90ern gab es im Landsberger Teil des Mooses ein Brachvogel-Paar, das aber nicht brütete. Erst 2004 entdeckte der Gebietsbetreuer wieder die in Tarnfarbe hell-dunkelgrün-gefleckten Eier des großen Brachvogels. Man habe das Gebiet abgegrenzt und auch mit den Landwirten gesprochen: Denn Streuwiesen haben ihren Namen von der Praxis, das Mähgut im Stall auszustreuen. Etwas, was ab Ende der 60er kaum noch jemand gemacht habe.

Vor gut 20 Jahren haben der Gebietsbetreuer und Helfer angefangen, das Gelände zu entbuschen – eine Aufgabe, die vor rund 500 Jahren noch Auerochs und Elch übernahmen. Die zuvor abgesenkte Amper wurde mittels Sohlschwelle angehoben: „Bei dem Hochwasser 1999 war das alles hier ein großer See“, erzählt Niederbichler. Zeitgleich suchte man das Gespräch mit der Bevölkerung, speziell auch den Landwirten, die bei der naturnahen Pflege der Streuwiesen helfen sollten. Anfangs wurde alle vier Jahre gemäht. „Da verfilzt aber alles“, sagt Niederbichler. Brachvogel und Bekassine wollen hingegen sehen, ob der Fuchs kommt und Eier klauen will. Deshalb werden inzwischen rund 250 Hektar einmal pro Jahr von den Echinger Bauern gemäht. Einzelne Blühstreifen bleiben für Schmetterlinge stehen. „Und jetzt haben wir hier wieder acht Brachvogelpaare“, freut sich der Gebietsbetreuer. Auch deshalb, weil die Nester mit einem Elektrozaun großflächig gegen den Fuchs geschützt werden – den die Brachvögel mit etwas Übung schnell akzeptierten. Heuer gab es drei Junge, letztes Jahr waren es ganze neun. „Es ist schön zu sehen, dass unsere Arbeit Erfolg hat“, freut sich der Geograph. Inzwischen gehört das Ampermoos zu den Top drei der bayerischen Brachvogel-Brutgebiete. Ein Erfolg, für den 2017 sogar das Bundesumweltministerium die Gebietsbetreuer als „Anwälte der Natur“ auszeichnete.

Wie sich Besucher in diesem Naturschutzgebiet verhalten sollen, zeigt ein Schild samt Karte am Ende des Wegs Richtung Moor. Schon hier schwirren kobaltblaue und schlickgrüne Libellen, zahlreiche Schmetterlinge. Der Blick über die inzwischen hohen Streuwiesen bleibt an langsam absterbenden Pappeln in der Ferne hängen – wieder mal der Biber. Die Wiese ist mäßig bunt, gerade gehen die lilafarbenen Blüten der Minze auf, die Mehlprimel ist schon verblüht. Die Goldrute steht gelb im Saft – gar nicht gut, weiß Niedernichler. Denn die Pflanze sendet durch ihre Wurzeln Giftstoffe aus, um sich Platz zu verschaffen.

Zu sehen ist auch der Wiesenknopf. Der dem Wiesenknopf-Bläuling – ein Schmetterling – und der Ameise zu einer einmaligem Symbiose verhilft: Der Schmetterling legt seine Eier in den Wiesenknopf – und nur in diesen. Die Raupen fallen auf den Boden. Am Nacken tritt ihnen ein Sirup aus, den eine spezielle Ameisenart über alles liebt. Und das Tierchen in ihren Bau trägt, wo der Sirupspender gehegt und gepflegt wird. Schlüpft der Schmetterling, muss er natürlich möglichst schnell fliehen.

Vogelbeobachtung

Wer Vögel im Ampermoos beobachten will, sollte früh aufstehen oder in der Dämmerung kommen. Und es empfiehlt sich, Landkreisgrenzen zu überwinden: Kurz hinter Kottgeisering führt von einem Parkplatz aus ein mit Holzschnitzel bestreuter Weg zum Naturbeobachtungsturm – samt Steinschlange aus dem Lockdown. 2015 wurde der Turm gebaut, ein großräumiger, überdachter Beobachtungspunkt. Im Spätsommer kann man von dort oben Duftlauch und leuchtendblauen Teufelsabbiss bewundern. Und einen unbegrenzten Blick bis hin zu den Alpen über das Moos und die sich schlängelnde Amper hinweg genießen. Auf der gab es früher reguläre Schifffahrt. Davon zeugt ein Foto auf einer der Infotafeln mit einem Schiff namens „Marie Therese“, wegen seiner tiefen Dampfpfeife liebevoll „Mooskuh“ genannt. Das passt gleich doppelt. Denn Mooskuh ist auch der Spitzname der Rohrdommel: Die Balzrufe des Männchens ähneln nicht unbedingt einem filigranen Zwitschern.

Schiffe fahren auf der Amper nicht mehr. Und Rohrdommeln sind in Bayern inzwischen fast ausgestorben. Dank der Gebietsbetreuer gibt es im Ampermoos aber noch einige Vogelarten, die sonst kaum zu sehen sind: die vom Aussterben bedrohte Kornweihe, die man am besten im Winter beobachten kann, wenn sie abends am Boden schlafen. Oder Schwarz- und Braunkehlchen – wobei Letzteres kaum mehr zu sehen ist, bedauert Niederbichler. Auch der Kiebitz befinde sich „im freien Fall“. Aber es gibt Wiesenpieper, Silberreiher und den Raubwürger, dessen Aussehen – flauschig weißer Bauch, edel hellgrauer Rücken mit schwarzem Flügelrand und ‚Augenbinde‘ – so gar nicht zu seinem Namen passen will. Bis vielleicht auf die Augenbinde.

Im Juli, in der Mittagshitze, tut man sich mit Vogelbeobachtungen schwer. Die besten Monate für Brachvogel und Bekassine sind März bis Mai, die Brutzeit. Immerhin, eine Ringeltaube fliegt während unseres Turmbesuchs einmal hin und wieder zurück. Und von unten zwitschert ein Federvieh, das sich nicht zeigen will. Aber auch ohne Vögel ist es schön hier oben. Die Stille, der weite Blick. Wir kommen sicher wieder. Vielleicht im Winter, am Abend, mit warmer Jacke und Fernglas, Tee in der Thermoskanne. Um den Kornweihen beim Schlafen zuzusehen.
Susanne Greiner

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