Nur einen schlechten Tag gehabt?

Amtsgericht Landsberg: Prügelei auf der Großbaustelle

Eisenstangen im Großaufnahme
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Mit einer Eisenstange schlug ein Albaner auf einen Kosovaren ein. Tatort war eine Großbaustelle im Landsberger Frauenwald.

Landsberg – Aus einer Lappalie zum handfesten Streit und schließlich zu gefährlicher Körperverletzung eskaliert: Eine Großbaustelle im Frauenwald wurde Schauplatz eines aggressiven Zwists, der mit Verletzungen und einem Polizeieinsatz endete. 

Darsteller dieser fast filmreifen Handlung waren ein Albaner aus Blaustein und drei kosovarische Brüder aus Fürstenfeldbruck. Alle arbeiteten im März – für zwei Bauunternehmen – auf der gleichen Großbaustelle in Landsberg. Auf der Anklagebank im Landsberger Amtsgericht vor Richter Michael Eberle saß jetzt der 46-jährige albanische Bauarbeiter. Körperliche Misshandlung, gesundheitliche Schädigung sowie gefährliche Körperverletzung in drei Fällen – so lautete die Anklage gegen ihn von Seiten der Staatsanwaltschaft.

Ursache des aus dem Ruder gelaufenen Streits war eine Aussparung, die im Zuge der Bauarbeiten beim Einschalen einer Decke gesetzt werden sollte. Die wollte der Angeklagte, der für die Firma seines Bruders auf der Baustelle gearbeitet hat, nicht. Sie habe ihn beim Eisenflechten gestört. Zwei der kosovarischen Brüder, die für eine andere Firma dort arbeiteten, sahen die Aussparung aber als essentiell an – der Beginn von gegenseitigen Beschimpfungen, bösen Worten, Beleidigungen, auch unter der Gürtellinie. Das habe den dritten Bruder, circa 100 Meter entfernt am Arbeiten, bewogen, hinzuzukommen.

»Wo ist das Problem?«

Er habe nur wissen wollen, wo das Problem sei und seinen Brüdern helfen wollen, da er besser Deutsch spreche. „Mit der Frage nach dem Problem gehen die Probleme oft erst los“, räumte Richter Eberle ein. Zurecht: Er habe eine Eisenstange genommen, sagte der Angeklagte aus, und auf den 26-Jährigen Kosovaren geschlagen. Der habe die rund zwei Meter lange und 16 Millimeter dicke Stange mit seinem Arm abgewehrt und so Schlimmeres verhindert. Geblieben sei ihm „nur“ ein 20 Zentimeter großes Hämatom am Arm.

Die Brüder hätten den Angeklagten daraufhin „packen“ wollen, es aber nicht geschafft: Er sei herumgerannt und habe mit faustgroßen Steinen geworfen, die er zuvor schon in seine Taschen gesteckt habe, so der mittlere, 30-jährige Bruder im Zeugenstand. „Hätten Sie ihn geschlagen, wenn Sie ihn erwischt hätten?“, wollte Eberle wissen. „Normal ja“ – lautete die Antwort.

Es sei Notwehr gewesen, so der Angeklagte. Mit den Steinen habe er sich nur verteidigen wollen. Er habe sich durch die drei Brüder bedroht gefühlt. Auch aus Notwehr habe er schließlich noch eine Metallzange nach ihnen geworfen. Prellungen und Abschürfungen an Knien, Händen und Ellenbogen waren laut ärztlicher Atteste weitere Resultate der tätlichen Angriffe des Angeklagten.

Zwei herbeigerufene Polizeibeamte hätten eine „unübersichtliche Situation“ vorgefunden und „so einige Leute“ vor Ort angetroffen, inklusive eines Trupps rumänischer Bauarbeiter, eines Poliers sowie Wachpersonal. Der Angeklagte habe sich in keinster Weise kooperativ gezeigt und nicht zur Aufklärung beigetragen, sagte eine Polizistin, die als Zeugin geladen war.

Der Angeklagte, der eigenen Angaben zufolge „im Kosovo verheiratet“, hier in Deutschland „aber ledig“ sei, jedoch drei Kinder habe, ist kein unbeschriebenes Blatt: Elf Einträge im Bundeszentralregister liegen gegen ihn vor – unter anderem Diebstahl, Fahren ohne Fahrerlaubnis, aber auch gefährliche Körperverletzung mit Freiheitsstrafen auf Bewährung.

Die Staatsanwältin sah den Vorwurf des Schlages mit der Metallstange durch alle Schilderungen als bestätigt. Hier habe er sich mit gefährlicher Körperverletzung strafbar gemacht. Zu Gunsten des Angeklagten spreche, dass er gestanden habe und dass eine bereits eine aufgeladene Streitsituation vorgelegen habe. Allerdings seien die Verletzungen nicht mehr als leicht zu bezeichnen, sein Vorgehen aggressiv, mit einem hohen Gefährdungspotenzial. Zu Lasten werde ebenso sein Vorstrafregister gesehen. Ihre Forderung: eine Freiheitsstrafe von zehn Monaten, ausgesetzt auf drei Jahre Bewährung.

Verteidiger Patrick Freutsmiedl schloss sich ohne weitere Einsprüche der Staatsanwaltschaft an und stellte die Strafe ins richterliche Ermessen. Erberle sah den Angeklagten als schuldig der gefährlichen Körperverletzung und verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten mit einer Bewährungszeit von drei Jahren.

Für seine Entscheidung sei die „Geschichte mit den Steinen“ nicht so interessant, das lege er als Notwehr aus, so Eberle. Ausschlaggebend für sein Urteil sei der Schlag mit der Eisenstange. „Für die drei Jahre haben wir Sie besonders im Auge“, warnte er den Verurteilten. Die Bewährungsauflage in Höhe von 2.000 Euro kommt dem Hospiz- und Pallliativverein zugute. Gegen das Urteil kann Revision eingelegt werden.

„Normalerweise haben wir keine Probleme miteinander“, so der älteste, 36-jährige, Bruder in der Hauptverhandlung. Der Angeklagte „habe wohl einen schlechten Tag“ gehabt.
Andrea Schmelzle

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