Fast wie bei Aschenputtel

Massenschlägerei: Täter wird an fehlendem Schuh identifiziert

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Mehrere Faustschläge ins Gesicht wurden bei einer Massenschlägerei in einem Landsberger Club ausgeteilt.

Landsberg – Es hätte ein langes Verfahren werden können. Ursprünglich hatte Richter Michael Eberle drei Tage für das Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung bei drei Angeklagten angesetzt. Dankbarerweise legten zwei davon ein Geständnis im vollen Umfang ab – weshalb der Großteil der geladenen Zeugen nicht vernommen werden musste. Ende 2017 hatten sich zwei Brüder aus Kaufering im Rahmen einer Schlägerei in einem Landsberger Club die Straftat der gefährlichen Körperverletzung in gemeinschaftlicher Tätigkeit zuschulden kommen lassen. Der Ältere erhielt eine Freiheitsstrafe auf Bewährung, der Jüngere eine Geldstrafe. Der dritte Angeklagte aus Obermeitingen wurde letztendlich von Richter Michael Eberle als Initiator der Schlägerei zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.

Eine Körperverletzung in gemeinschaftlicher Tätigkeit bedeutet, dass Täter und Beteiligter im Moment der Körperverletzung einverständlich zusammenwirken. Dieses gemeinsame Wirken macht die Körperverletzung zur ‚gefährlichen Körperverletzung‘. Auch wenn die Geschädigten bei der Schlägerei nach eigenen Aussagen am betreffenden Abend im November 2017 nicht schwer verletzt wurden. Allerdings habe die Schlägerei psychische Auswirkungen, betonte der Hauptgeschädigte, ein 49-jähriger ehemaliger Türsteher aus Augsburg: Er gehe seither kaum mehr abends weg.

Der dritte Angeklagte aus Obermeitingen, im Beruf Energieberater, musste hingegen nach der Schlägerei für drei Tage ins Krankenhaus: zwei abgebrochene Zähne, Schädelprellung, HWS-Distorsion und Prellungen an beiden Händen.

Was genau vorgefallen war, konnte auch mithilfe der Aussagen mehrerer Zeugen nicht mehr rekonstruiert werden. Eine eindeutige Identifikation der Täter erfolgte letztendlich anhand der getragenen Kleidung. Denn die Zeugen verwechselten in ihren Aussagen die Täter: An die Gesichter konnten sie sich kaum mehr erinnern – was natürlich an der langen Zeit liegt, die zwischen Ereignis und Verfahren verstrichen ist. Der Initiator der Schlägerei konnte schließlich an seinem fehlenden Schuh, den mehrere Zeugen als Merkmal erwähnten, eindeutig identifiziert werden. „Zeugen sind oftmals die schlechtesten Berichterstatter“, kommentierte der Verteidiger des älteren Bruders Magistrat Peter Weitzdörfer diese ‚Aschenputtel-Identifikation‘.

Was geschah: Der ältere Kauferinger Bruder, der als Industriemechaniker arbeitet, wollte seinen Geburtstag feiern. Die Geschädigten aus Augsburg und Umgebung seien nur fünf Minuten in dem Club gewesen, als der 27-jährige Energieberater sich an eine der Frauen herangemacht habe – der „Antänzer“, wie Eberle formulierte. Als die Frau ihm deutlich klarmachte, dass sie das nicht wolle, habe er sie beleidigt: „Weißt du überhaupt wer ich bin, du Bitch?“

Der Hauptgeschädigte, der 49-jährige Onkel der Frau, verwarnte den ‚Antänzer‘, er solle aufhören. Worauf ihn dieser mit der Faust mehrmals ins Gesicht geschlagen habe. Daraufhin entbrannte die Massenschlägerei – mit 15 bis 30 Beteiligten: Bei der genauen Anzahl waren sich die aufgerufenen Zeugen nicht einig. Im Kampf soll der Industriemechaniker-Bruder den ehemaligen Türsteher am Hals gepackt und gewürgt haben, während ein Mann im roten Hemd – der von der Polizei nicht mehr ausfindig gemacht werden konnte – ihn im Schwitzkasten hielt. „Ich lag am Boden, mehrere haben auf mich eingetreten“, beschrieb der 49-jährige Geschädigte.

Der 23-jährige jüngere Bruder, ein Staplerfahrer, habe einen anderen Mann mit mehreren Faustschlägen ins Gesicht verletzt. Danach habe sein drei Jahre älterer Bruder den dritten Angeklagten, Initiator der Schlägerei, vor der Tür des Clubs verbal angefahren, woraus sich nochmals eine Schlägerei entwickelt habe. Alle Beteiligten hatten Alkohol getrunken, wobei die beiden Brüder aussagten, sie seien nicht betrunken gewesen. Als die Polizei bei dem Obermeitinger Initiator am frühen Morgen des darauffolgenden Tages Blut abnahm, stellte sie einen Alkoholwert von 1,46 Promille fest. Strafantrag stellten sowohl der 49-Jährige wegen Körperverletzung als auch die Frau wegen Beleidigung.

Zu Beginn des Verfahrens räumten beide Brüder vollumfänglich die Tat ein. Zudem boten sie einen Täter-Opfer-Ausgleich in Höhe von 500 Euro für die jeweils von ihnen geschlagenen Personen an. Allerdings habe er den 49-Jährigen nicht gewürgt, so der Ältere, sondern lediglich von sich weggedrückt. Insgesamt habe er nur schlichten wollen. Der geschädigte 49-Jährige sagte indessen aus, dass dieser „Würgegriff“ das Schlimmste gewesen sei, „viel schlimmer als die Faustschläge“. Er habe keine Luft mehr bekommen und sei kurz vor der Ohnmacht gestanden. Wie heftig dieser Griff war, konnte weder durch das anschließende medizinische Gutachten noch durch Zeugenaussagen vollständig geklärt werden. Während eine Zeugin aussagte, sie habe gesehen, wie sich die Augen des Gewürgten nach oben verdreht hätten, stellte Verteidiger Weitzdörfer diese Aussage infrage: Aus der großen Entfernung – sie stand am anderen Ende des Raumes – habe sie das nicht erkennen können. Der dritte Angeklagte stritt zunächst alles ab. Er habe weder die Frau beleidigt noch als erster zugeschlagen. Vielmehr habe er mit der Frau ein Selfie gemacht. Hierauf sei er von deren Verwandtem angegriffen worden. Bei der Schlägerei sei er am Boden liegend getreten worden, das zeigten auch seine Verletzungen. Als sich herausstellte, dass die Frau auf dem Selfie nicht die von ihm angesprochene war und ihn drei Zeugen eindeutig als Initiator der Schlägerei identifizierten, gab er zu, dass „ich es wohl gewesen sein muss“.

Staatsanwältin Birgit Milzarek plädierte bei den Brüdern auf eine Geldstrafe. Trotz mehrerer Einträge ins Strafregister – der ältere Bruder ist noch auf Bewährung – sehe sie wegen des Geständnisses, der direkten Entschuldigung bei den Geschädigten und des Opfer-Täter-Ausgleiches Anlass zu einer Strafrahmenverschiebung: weg von der sechsmonatigen Mindestfreiheitsstrafe für gefährliche Körperverletzung. Beim dritten Angeklagten plädierte sie auf eine neunmonatige Freiheitsstrafe auf Bewährung wegen Beleidigung und Körperverletzung. Weiterhin habe er fast bis zum Schluss alles abgestritten und sei eindeutig anhand des fehlenden Schuhs als Initiator identifizierbar. Da er jedoch bisher nur einen Eintrag ins Strafregister habe und sie ihm eine gute Sozialprognose stelle, setze Milzarek die Strafe auf Bewährung aus. Verteidiger Weitzdörfer sprach sich für eine geringere Geldstrafe für den älteren Bruder aus.

Richter Eberle folgte bei den Urteilen für den jüngeren Bruder und den ‚Mann ohne Schuh‘ der Staatsanwältin: eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 60 Euro für den Bruder, eine Freiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung plus Zahlung von 3.500 Euro an das BRK Landsberg für den Obermeitinger. Über den älteren Bruder verhängte er jedoch auch eine Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung und ebenfalls 3.500 Euro für die Stiftung Opferhilfe. Das Würgen sei dafür ausschlaggebend. Die noch laufende Bewährung werde jedoch nicht widerrufen, sondern nur verlängert. Das habe er seiner Aussage und dem Täter-Opfer-Ausgleich zu verdanken: „Ihr Geständnis macht den Blick frei auf das Positive.“

Susanne Greiner

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