Mit zwölf der erste Joint

Amtsgericht-Verfahren wegen möglicher Schuldunfähigkeit vertagt

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Bereits mit 12 Jahren rauchte der Angeklagte zum ersten Mal einen Joint. Später kamen härtere Drogen hinzu. Ist er deshalb nun vermindert schuldunfähig?

Lechrain – Ob der Angeklagte schuldunfähig ist, wird sich herausstellen. Denn der wegen Handelns mit Betäubungsmitteln angeklagte 29-Jährige aus dem nördlichen Landkreis startete die eigene Drogenkarriere bereits mit 12 Jahren. Das Verfahren vor dem Amtsgericht Landsberg wurde vertagt. Auf Antrag des Verteidigers Marcus Becker wird ein Gutachten auf Schuldunfähigkeit wegen Eigenkonsums des Angeklagten erstellt.

Die Anklage lautet auf Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge in 39 Fällen, 29 davon gewerbsmäßig – das bedeutet, dass der Verkäufer durch den Handel regelmäßige Einnahmen erzielt hat. Begonnen habe der Handel laut Anklageschrift bereits im April 2017. Bis Juli habe der jetzt 29-Jährige massiv Betäubungsmittel über einen Mittelsmann angekauft, um diese gewinnbringend zu verdealen. Was er ab November 2017 in jeweils geringen Mengen – manchmal nur ein Gramm – in seinem Wohnort getan habe. Die Käufer waren dabei oft ‚Stammkunden‘, also regelmäßige Abnehmer.

Auf die Schliche war die Polizei dem Angeklagten gekommen, da Anfang 2018 Scheinkäufe über einen Mittelsmann des Landgerichts Augsburg getätigt wurden. Dabei habe der Angeklagte unter anderem versucht, ein Kilo Marihuana im Wert von 8.500 Euro zu verkaufen. Zudem kannte Richter Alexander Kessler sämtliche Personen, mit denen der Angeklagte zwecks Drogenhandels Kontakt hatte, aus vorangegangenen Verhandlungen: alles alte Bekannte. Wobei der Hauptmittelsmann vor Kurzem vom Augsburger Landgericht zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt worden war.

Auf die Frage Kesslers, ob der Angeklagte die Drogen gekauft habe, um damit einen Gewinn zu erzielen, riet Becker seinem Mandaten, nicht auszusagen. Im Verfahren räumte der Lechrainer jedoch die ihm vorgeworfenen Straftaten vollumfänglich ein. Verteidiger Becker setzte auf die verminderte Schuldunfähigkeit seines Mandanten. Konkret geht es um die Paragraphen 20 und 21 des Strafgesetzbuchs: Schuldunfähigkeit wegen seelischer Störungen oder auch tiefgreifender Bewusstseinsstörungen und daraus hervorgehend die verminderte Schuldunfähigkeit.

Denn die Drogenkarriere des Angeklagten startete früh: Bereits mit zwölf Jahren habe er angefangen, Marihuana zu konsumieren, berichtet der 29-Jährige. In dieser Zeit war er in einem Heim im Landkreis untergebracht. Im Lauf der Zeit steigerte sich der Konsum. Mit 14 Jahren sei er aus dem Heim geflogen: „Da hatte ich keine Kontrolle mehr über mich. Da ging alles drunter und drüber.“ Auch die Drogen Kokain und Amphetamine – beispielsweise Speed und Crystal – sowie Ecstasy seien hinzugekommen. Und zwar täglich.

In dieser Zeit habe er bei seiner Mutter gelebt, sei aber bereits mit 16 in ein Internat im Landkreis Günzburg gekommen. Wo er weiterhin Drogen konsumiert habe, wenn auch ‚nur‘ noch am Wochenende. Mit 17 Jahren lernte der Angeklagte seine jetzige Ehefrau, von der er inzwischen getrennt lebt, kennen. Und wurde mit 18 Vater. Er sei dann zu seiner Frau gezogen, berichtete der Angeklagte. Damals habe er den Konsum für rund ein Jahr ausgesetzt. Bis zu seiner Verhaftung Anfang 2018 habe er aber wieder regelmäßig Drogen konsumiert. Am Ende 15 bis 20 Gramm pro Woche. Warum er denn keine Therapie begonnen habe, wollte Kessler wissen. „Ich dachte, ich schaff‘ es ohne. Ich war ja schon mal ein Jahr clean.“ Inzwischen halte er eine Therapie aber für sinnvoll: „Die Versuchung ist immer noch da.“

Nach der Trennung von seiner Frau habe er vorerst im Keller gewohnt – der nach der Durchsuchung der Polizei 2018 nicht mehr bewohnbar gewesen sei. Seither lebe er bei seiner inzwischen neuen Freundin.

Da Kessler „nicht um den heißen Brei herumreden“ wolle, fragte er Becker ohne Umschweife, ob der den Beweisantrag für ein Gutachten auf Schuldunfähigkeit stellen wolle. Worauf der Verteidiger um ein nicht-öffentliches Rechtsgespräch bat, in dem er sich allerdings nicht mit Staatsanwalt Konstantin Huber ohne Gutachten einigen konnte. Weshalb dieses samt Gefährlichkeitsprognose weiterer Drogendelikte unter anderem mit dem Ziel, den Angeklagten in eine Entziehungsanstalt einzuweisen, erstellt werden muss.

Je nach Ergebnis könnte der Angeklagte zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung – unter zwei Jahren – oder zu einer längeren Strafe verurteilt werden. Letzteres ist wohl die Absicht der Staatsanwaltschaft. Das Gutachten werde ein, zwei Monate dauern, schätzte Kessler. Die Verhandlung wurde vertagt. Die drei als Zeugen geladenen Polizisten verzichteten auf die ihnen zustehende Entschädigung.
Susanne Greiner

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