Andere Melodien von "Melos"

Es ist keines dieser bekannten klassischen Konzerte. Das hat der Besucher an diesem Ostermontagabend im Stadttheater sofort gemerkt. Ein Flügel, daneben ein einfacher Stuhl, rechts davon ein Schlagzeug. Mehr steht nicht auf dem Podium. Mikrophone zur Verstärkung des Tons sind zu sehen. Schlüssel hängen vor dem Schlagzeug von einer querliegenden Stange, kleine Schellen sind daran angebunden, manches sieht aus wie eine Reihe von Gabeln. Was wird kommen? Irgendwie stört das Schlagwerk. Diese Art der Instrumentierung sprengt auf Anhieb den Rahmen eines traditionellen Konzerts – das was dann über mehr als eineinhalb Stunden zu hören ist, auch.

Vielleicht ist es am besten die Augen zu schließen, in Traumwelten zu entschwinden, seinen Assoziationen freien Lauf zu lassen und einfach zuzuhören, wie die Musiker den Nahen Osten und den Mittelmeerraum durch schreiten. Anja Lechner am Violoncello, Vassilis Tsabropoulos, dessen Name auf seine griechische Heimat verweist, am Klavier und der Italiener U. T. Gandhi am Schlagzeug verzaubern und begeistern das Publikum mit ungewöhnlich unkonventioneller Musik. Die zehn Stücke des Konzerts fließen ineinander über, obwohl sie doch in sich abgeschlossene Einheiten bilden. Trotzdem lassen sie das Schema eines an kammermusikalischen Maßstäben komponierten Stückes weit hinter sich. Nicht Melodielinien werden entwickelt, Themen geboren, die sich über mehrere Sätze und verschiedene Instrumente hinweg durchhalten, gebrochen, in Paralleltonarten moduliert und in neuer Form wieder hergestellt, sondern der Pianist erzeugt Klänge, die das Klavier als Klavier zeigen, die auf hohen Wolken schweben und sich einfach zum Zwiegespräch mit dem Cello für eine kurze Weile herniederlassen, um sogleich zu verschwinden. Lechner streichelt das Cello Anja Lechner lässt in vielen Stücken ein elegisches Moll auf ihrem Cello anklingen, das unmittelbar an den Gesang eines jüdischen Kantors erinnert. Oft streichelt sie nur das Instrument. Auch hier gelingt es ihr – ähnlich dem Pianisten Tsabropoulos – das Instrument, nicht die Melodie zu zeigen. Meditativ wirkt es, wenn der kräftige Italiener Gandhi am Schlagzeug ganz zärtlich das Blech berührt, um einen besonderen Klang zu erzeugen. Manche Melodien laufen in Kirchentonarten, geben eine Ahnung von rußgeschwärzten orthodoxen Kirchenräumen mit ihren Ikonostasen und den Priestern, die in golddurchwirkten Gewändern den Gläubigen vom Heil erzählen. Vielleicht tanzen auch Derwische in der Vorstellungswelt des einen oder anderen Zuhörers. Das Publikum an diesem Abend ist so außergewöhnlich wie die Musik. Der Feuilletonchef einer großen süddeutschen Tageszeitung gibt sich die Ehre, in der ersten Reihe sitzt ein deutscher Filmregisseurstar mitsamt seiner Entourage. Er hat vor kurzem einen Film mit Hollywoodstar Dustin Hofman abgedreht. Links vom Rezensenten nickt ein Wissenschaftsjournalist eines großen deutschen Nachrichtenmagazins mit geschlossenen Augen den Takt nach. Mit einem Kollegen hatte er ein Bestseller veröffentlicht, der wochenlang die Sachbuchliste des „Spiegels“ anführte. Bravorufe und langanhaltender Beifall fordern eine Zugabe. Gerne geben die drei Musiker dieses Geschenk an das Publikum. Über 250 mögen es wohl gewesen sein. Ein erfreuliches Zeichen dafür, dass diese Art von Musik im Stadttheater der Lechstadt sein ganz eigenes Publikum und ein besonderes Recht hat.

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