Andere würden sich drum reißen!

Die Umgestaltung des Hauptplatzes ist nach zwei gescheiterten Anläufen wieder ein Thema. Einstimmig hat sich der Stadtrat vergangene Woche auf seiner ersten Sitzung im Anbau des Historischen Rathauses dafür ausgesprochen, sich mit Prof. Dr. Joachim Vossen auf den „schmalen Weg zum Umbau“ zu begeben. Ein erstes Hauptziel hat der renommierte Stadtentwickler bereits gesteckt: den „von oben initiierten“ Bürgerentscheid am 27. September, zeitgleich mit der Bundestagswahl.

Die große Mehrheit des Plenums war sich einig: „Es ist allerhöchste Zeit, den Umbau des Hauptplatzes in Angriff zu nehmen.“ Der Bürger fordere das, er wolle nicht mehr auf viel zu engen Gehsteigen in Schlangenlinien laufen und nicht mehr über Lechkiesel am Marienbrunnen stolpern; er sehne sich förmlich nach einem Hauptplatz, der diesen Namen auch verdient und echte Aufenthaltsqualität bietet – ohne den teils ohrenbetäubenden Lärm rollender Pneus auf einem denkbar schlechten Straßenbelag – auf dem Landsberger Kopfsteinplaster. „Wir sollten nach außen signalisieren, dass wir das alle zusammen wollen – mit einem 31:0-Votum“, forderte SPD-Fraktionschef Ludwig Kaiser. Ihm und nicht wenigen seiner Ratskollegen sowie dem Oberbürgermeister hatten unmittelbar zuvor Ruth Satzger (Grüne) und Dr. Reinhard Steuer (UBV) die Zornesröte ins Gesicht getrieben. Satzger zweifelte gar an Vossens Unvoreingenommenheit, während Dr. Steuer sogleich die „Bürgerinitiative gegen den Umbau“ heraufbeschwor, ebenso den „Bürgerentscheid nach dem Bürgerent- scheid“. Das wollte sein Fraktionskollege Axel Flörke so nicht stehen lassen. Er begrüße die „fachliche Kompetenz von außen“ ausdrücklich und sah kein Problem, den von Prof. Vossen vorgeschlagenen Weg zu gehen. Und diesen Weg hat der Gründer des „Instituts für Stadt- und Regionalmarketing“ (ISR) Standort unter anderem in München bewusst sehr kurz gewählt. Gerade mal fünf Monate Zeit gibt er bis zum Hauptziel Bürgerentscheid. Diesen sieht er in der Fortführung des Prozesses als „Auftrag des Bürgers zum Umbau“ an. Prof. Vossen, der an der LMU in München den Lehrstuhl für Wirtschaftgeographie und Tourismusforschung inne hat, möchte sich bis dahin auf zwei Kernfragen konzentrieren, möchte die Schwächen und dann die notwendigen Qualitäten herausarbeiten. „Eine Detaildiskussion gibt es in dieser Phase nicht“, stellte er klar, da spiele es noch keine Rolle wie breit die Gehsteige, wie hoch die Bordsteinkante und wie gut oder eben schlecht platziert die Taxistände seien. "Heiße Phase" im Juli In den „offenen und unvoreingenommenen Prozess“ möchte Vossen mit den Querschnitt der die Landsberger Bürger repräsentierenden Schlüsselpersonen einsteigen. Die 15 bis 17 Akteure gilt es schnellstmöglich im Rahmen eines Bewerbungsverfahrens auszuwählen, da erste Gespräche noch im Mai stattfinden sollen – „Vergangenheitsbewältigung ausgeschlossen“. Zwei öffentliche Vorträge über Platzkultur – auch mit Blick in andere Städte – schließen sich im Juni an, dann geht es in die „heiße Phase“: In Arbeitssitzungen gilt es im Juli den Bürgerkonsens in den beiden Kernfragen zu erarbeiten. Das Ergebnis münde schließlich in ein Ratsbegehren mit dem Ziel, beim Bürgerentscheid am 27. September den Auftrag für das Entwickeln eines Lösungsentwurfes zu bekommen. Mit alten Landsberger Befindlichkeiten möchte der Professor absolut nichts zu tun haben. Eine offenen Kommunikationsstruktur sei das A&O des Verfahrens. „Ist das nicht mehr der Fall, steige ich sofort aus“, stellte Vossen klar. Zwar sei sein Name und Herzblut mit jedem Projekt verbunden, doch beschädigen lasse er sich nicht. Und er brauche auch keinen Partner mit in dem Boot, das er einzig und allein aus „Interesse an angewandter Stadtforschung“ steuere. Und dieses Boot soll selbst ohne Stadtoberhaupt auf den richtigen Kurs kommen. „Ich werde mich weitestgehend zurückhalten“, gelobte Ingo Lehmann (SPD), schließlich wolle er auf keinen Fall den Bürgerentscheid zu einem „verkappten OB-Wahlkampf“ werden lassen. Mit Blick auf die Umbaugegner von einst zeigte sich Lehmann optimistisch, dass sich deren Sichtweisen inzwischen geändert haben. Der Druck auf das Thema Hauptplatz ist von Jahr zu Jahr gewachsen. „Jede andere Lösung ist eine bessere als die aktuelle.“ Prof. Vossen sieht das nicht anders. Für ihn sei es völlig unverständlich, wie man seine Potenziale nur so ungenutzt lassen kann: „Andere Städte würden sich darum schlagen.“ Der Experte sprach dem Landsberger Hauptplatz eine „wunderbare Qualität“ zu, er sei „absolut phantastisch, egal aus welchem Blickwinkel“, ein Juwel inmitten historischer Bausubstanz, dem an vielen Stellen der Glanz fehle. Der Marienbrunnen etwa ist kaum belebt, „das ist normalerweise anders“. Und wenn im Herzen der Lechstadt gähnende Leere das Bild bestimmt, während es nur ein paar Meter weiter, am Hellmair- oder am Flößerplatz etwa, von Menschen nur noch so wimmelt, dann spiegle das für jedermann erkennbar die Qualität eines städtischen Raumes wider. Auf die starke Belastung durch die Autos und die Enge auf den Bürgersteigen wollte Prof. Vossen nicht eingehen. An einem besonderen „Schmuckstück“ aber kam er nicht vorbei: die mit Brettern gesicherte Bestuhlung vor einem Eiscafé am Hauptplatz. „Irgendwie hat dieser Bretterverschlag was von einer Rinderfarm in Nordamerika.“ So etwas dürfe einfach nicht sein und gehöre auf den Bauhof.

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