Klezmer meets Alpenmusik

Frittierte Vanillkipferl mit Andrea Pancur im Stadttheater

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Andrea Pancur (rechts) liebt bairische Musik und Klezmer - und verknüft beide Stile meisterhaft. Im Stadttheater mit dabei waren Alex Haas am Kontrabass, Christian Dawid an der Klarinette und Ilya Shneyveys am Akkordeon (von links).

Landsberg – Wenn Andrea Pancur mit ihrer Band spielt, hört sich das an wie Chanukka auf der Wiesn. Weshalb sich das Musikprojekt der waschechten Münchenerin ‚Alpen Klezmer‘ nennt. Zwiefache und Jodler neben hebräischen Melodien samt Schluchzern und Trillern. Im Stadttheater präsentierte sie ihr Programm „Zum Meer“: Lieder aus Bayern und Italien mit Alpenstimmung und jüdischem Flair. Ein unterhaltsamer Abend. Und ein unverkrampfter Umgang mit der Vergangenheit.

Am Sonntag hat das achttägige Lichterfest Chanukka begonnen. Es erinnert an die Öllampe, die acht Tage lang brannte, obwohl das Öl eigentlich nur noch für einen Tag gereicht hätte. „Deshalb gibt es an Chanukka viel Frittiertes“, meint Pancur. Und leitet daraus die perfekte kulinarische Symbiose der deutschen und jüdischen Kultur ab: frittierte Vanillekipferl. Die Zuschauer im gut gefüllten Stadttheater lachen. Ein Geräusch, das diesen Abend prägt.

Zum Beispiel in Pancurs Lied „Isar“, das den Flussmerkspruch über Isar, Iller, Lech und Inn „zur Donau hin“ intoniert. Oder auch das Lied „Is do wos“. Komponiert hat es Pancurs „Kollege aus Riga“, der inzwischen in New York lebende Lette Ilya Shneyveys, der bei Pancur das Akkordeon meisterlich quetscht. Ihm habe ein bayerischer Tanz so gut gefallen: der Zwiefache mit seinem Zweiviertel-Dreherschritt und dem Dreiviertelwalzer. Der Text? Ist nicht wirklich vorhanden: „Is do is do wos, do, is do wos?“ Oder auch „So schee scho, so schee, scho so schee schee scho“ – ein wahrer Zungenbrecher. Pancur bewältigt den mit Leichtigkeit und ihrer immer starken, klaren Stimme. Die Sprache ist bairisch. Die Musik macht lustvolle Ausflüge – in den Klezmer.

Die drei Instrumente Bass, Akkordeon und Klarinette gleiten mühelos zwischen Volksweise, italienischem Widerstandslied („Bella Ciao“), Klezmer und Jazz dahin. Der Exil-Bremer aus Berlin Christian Dawid lässt seine Klarinette säuseln und schluchzen. Neben Weltenbürger

Shneyveys hat Pancur auch einen zwar in Heine geborenen, aber inzwischen echten „Hasenbergler“ mitgebracht: Alex Haas, der am Kontrabass mit Können und Humor glänzt.

Ergänzt wird das Quartett bei einigen Liedern von der Konstanzer Geigerin Jutta Bogen – eine Klangnuance, die Pancurs Musik gut tut: Geige und Pancurs Stimme passen wie Ei in Eierbecher. Bogen ist in und um Konstanz ebenfalls in Sachen Klezmer unterwegs. Und hat mit ihrer Geige das eigentliche Instrument des Klezmers in der Hand. Denn der wurde ja bereits lange vor Erfindung der Klarinette gespielt.

Insgesamt ist die zweite Hälfte des Programms stärker. Mehr Spannung, mehr Unterschiede regen zum genaueren Zuhören an. Und das lohnt sich.

Beeindruckend sind Pancurs Texte wie „Aufm Markt in Obagiasing“. Eigentlich ein Pessach-Lied, aus dem Angelo Branduardi das in den 70ern an jeder Ecke zu hörende „Alla fiera dell‘est“ machte: ein Lied über eine Maus, der bei jeder Strophe ein Tier mehr hinterherjagt. In Pancurs Version wird daraus eine melancholische Weise über eine Seifenblase, gekauft vom Vadder für zwei Zehnerl, angestupst vom Wind. Und zur Schneeflocke gesellen sich viele weitere Luftikusse in jeder Strophe dazu – bis die Seifenblase platzt. Traumhaft schön wird es, wenn Pancur eine langsame Melodie über schnelle Rhythmen der Musiker legt. Oder mit markanter Klarinetten- und Geigenunterstützung „Pippi Langstrumpf werden“ darbietet.

Aber Pancur kann auch böse. Beim Thema Flucht übers Mittelmeer, dem sie das Lied „Mittelmeergalopp“ widmet, das auf einem Kreuzfahrtschiff beginnt, „entlang der nordafrikanischen Küste und an Malta … vorbei.“. Der Lied-Untertitel ist „Danse Macabre“. Nicht umsonst, denn die Melodie ist das fröhliche Volkslied „Drunt in der Birkenau“. Ein Gegensatz, der das satte Leben deutlich gegen die Not stellt. Und sich in einem schaurig schönen, vierstimmigen Jodler auflöst: Pancurs Rückkehr zu den Alpen.

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