In guter Hand

Einst SOS-Kinderdorfkind, heute „Mama Afrika“

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Andrea Schmider, einst im SOS-Kinderdorf Dießen aufgewachsen, betreut dort im Auftrag des Landkreises inzwischen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Dießen – „Mama Afrika“ nennen sie die zehn Jugendlichen in Haus 14 ebenso respekt- wie liebevoll. Weil für Andrea Schmider ihre Hautfarbe keine Rolle spielt, weil sie die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge streng, aber mit viel Humor begleitet, weil sie ihnen Werte vermittelt und weiß, was Leid bedeutet. All das hat die Sozialarbeiterin als Kind nur wenige Meter von ihrem jetzigen Arbeitsplatz entfernt gelernt: In Haus 5 des SOS-Kinderdorfs Dießen, wo sie bei einer der ersten deutschen SOS-Kinderdorfmütter aufwuchs.

Im Alter von sechs Monaten kam Andrea Schmider 1961 als jüngstes „Geschwisterchen“ in eine achtköpfige Kinderdorffamilie. Von klein auf erlebte sie „Anders-Sein“ als normal, wuchs sie doch mit zwei älteren dunkelhäutigen Geschwistern und einem behinderten Kind auf. Ihre Kindheit hätte sie sich „schöner nicht vorstellen können“, sagt Andrea Schmider. Denn es gab immer Kinder zum Spielen, aber auch Streiche, Streitereien und enge Freundschaften.

„In der Kindergemeinschaft sind wir so eng zusammen gewachsen, dass Solidarität und Loyalität für uns das Wichtigste wurden“, sagt die Sozialarbeiterin, die 18 Jahre lang im SOS-Kinderdorf wohnte. Diesen Zusammenhalt vermittelt sie heute den Jugendlichen aus fünf Nationen, die sie in Haus 14 betreut.

Mit Spontaneität, viel Phantasie, Offenheit und einer guten Portion Humor gelingt es ihr, die Jugendlichen aus verschiedensten Kulturen zusammenzuführen. So erschien sie einmal als Afrikanerin verkleidet und komplett schwarz geschminkt zum Dienst – und die Jugendlichen waren völlig begeistert.

Tolle Mutter

All das hat sie von ihrer „Mutti“ gelernt, wie sie ihre SOS-Kinderdorfmutter Elisabeth Binsteiner ihr Leben lang genannt hat. „Sie war eine tolle Mutter“, sagt Schmider noch heute. Bei aller Strenge gab sie den Kindern „unendlich viele Chancen“ und ließ keines der Kinder fallen, egal in welcher Notlage es war, betont die Sozialarbeiterin. Binsteiner vermittelte ihren Kindern Werte wie Gerechtigkeit, Teilen, Aufrichtigkeit, Zuhören und Hilfsbereitschaft.

Deshalb kann Andrea Schmider heute die Jugendlichen auffangen, wenn sie mit ihren Sorgen und Nöten zu ihr kommen – aus der Geschichte ihrer SOS-Kinderdorfgeschwister weiß sie, was Leid bedeutet. Und jetzt, wo die Flüchtlinge in ihrem neuen Zuhause angekommen sind, holen sie die schlimmen Erlebnisse in ihrer Heimat und auf der Flucht verstärkt heim.

Schmider gibt den Jugendlichen auch die Kreativität weiter, „aus wenig viel zu machen“. Schließlich waren die Höhepunkte in ihrer Kindheit eher bescheiden: Das gemeinsame Hören von Pumuckl-Kassetten, ein von der „Mutti“ gespieltes Kasperltheater oder die Wettkämpfe im Kinderdorf, an denen die Dorfgemeinschaft teilnahm.

Und dafür spielt die 54-Jährige heute leidenschaftlich gern Theater und ist dank ihrer SOS-Kinderdorfmutter sehr musikalisch, hatte doch die Musik an den großen Jahresfesten wie Weihnachten deutlich Vorrang vor den Geschenken. Entsprechend viel Toleranz zeigt Schmider, wenn in Haus 14 ganz unterschiedliche Musikstile nicht selten gleichzeitig ertönen: Rap, afghanische und syrische Melodien, dazu noch der Gesang eines Jugendlichen, wenn er beim Bad putzen an der Reihe ist.

Andrea Schmider, die bis heute in Dießen wohnt, hat die tiefe Verbindung zu fünf ihrer SOS-Geschwister und zur „Mutti“ nie abgebrochen. Elisabeth Binsteiner begleitete sie bis zu ihrem Tod 2007.

Daniela Hollrotter

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