Amtsgericht Landsberg: Gerüsteklau international

Gerüstteile im Wert von 40.000 Euro in Igling gestohlen

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Zwei Angeklagte wurden wegen Hehlerei, Betrug und Diebstahl von zwei Gerüsten im Wert von mindestens 40.000 Euro verurteilt.

Landsberg/Igling – „Ihr Geständnis hat Ihnen den Kopf gerettet.“ Richter Alexander Kessler verhängte gegen die zwei wegen Diebstahl und Betrug sowie Hehlerei Angeklagten mildere Urteile als von Verteidiger Patrick Freutsmiedl gefordert. Der erste Angeklagte, ein 30-jährige Kosovare, hatte zwei Gerüste im Wert von mindestens 40.000 Euro gestohlen und mit Hilfe des zweiten Angeklagten, eines 41-jährigen Türken, an einen russischen Händler in Leipzig verkauft. Grund für Kesslers „Milde“ war auch, dass beide Angeklagten Kinder zu versorgen haben.

Im November 2016 hatte der Kosovare, Hochregalbauer aus dem Landkreis Landsberg, bei einem Verleiher in Igling Gerüstteile für 1.000 Quadratmeter für vier Wochen angemietet. Dafür legte er jedoch statt der fälligen 3.000 Euro Leihgebühr nur 999 Euro auf den Tisch. Dass er das Gerüst gar nicht zurückgeben wollte, zeigte sich am nächsten Tag: An dem fuhr der Angeklagte mit einem geliehenen LKW vor das Lager des Iglingers und lud neben den angemieteten noch weitere Gerüstteile auf. Gesamtwert: 40.000 bis 60.000 Euro. Der 76-jährige Iglinger war aus gesundheitlichen Gründen nicht anwesend.

Wegen des Verkaufs hatte der Kosovare über einen Bekannten den zweiten Angeklagten aufgetrieben, der den Verkauf einfädelte: Mit dem LKW fuhren die Täter über Nacht nach Leipzig, um die Hehlerware loszuwerden. Der dort kontaktierte Russe, Geschäftsführer einer An- und Verkauffirma für Baumaterialien, zahlte 14.000 Euro. In bar. 25 bis 30 Prozent des Listenpreises seien bei Ankauf normal, sagte er vor Gericht aus. Von dem Geld erhielt der türkische Mittelsmann 750 Euro Provision.

Dann wurde es schwierig: Denn der Leipziger Händler wollte eine Rechnung. Dazu einen Lieferschein. Zudem hätten die Täter angefangen, sich massiv zu streiten. Ohne Rechnung kam der Kauf für den Händler nicht infrage. Streit wollte er schon gar nicht und warf die Hehler vom Hof: „Raus, wir sind hier nicht auf dem Basar.“

Der Kosovare sei jedoch bereits mit dem Geld geflohen und habe den türkischen Gerüstbauer mit Gerüst in Leipzig sitzenlassen. Mittels Kontakten fand der einen weiteren Händler aus Bulgarien, der das Gerüst kaufte und abtransportierte.

Der Iglinger Geschäftsmann erstattete Anzeige. Über den LKW-Verleih konnte der türkische Mittelsmann und über dessen Whatsapp-Chats letztendlich der Kosovare sowie die Leipziger Adresse ausgemacht werden, sagte ein damals noch bei der Polizei Landsberg arbeitender Beamter. Geholfen habe auch die Eigeninitiative des LKW-Verleihers, der selbst recherchiert habe – „in einschlägigen Kreisen, zu denen die Polizei keinen Zugang hat.“

Auch der geschädigte Iglinger sagte aus. Jedoch könne er sich nicht mehr genau erinnern, da die Tat schon lange zurückliege. Er habe gedacht, dass er die Teile trotz geringerer Anzahlung zurückbekomme: „Bisher gab es damit noch nie Probleme.“ Ausweise habe er sich nicht zeigen lassen. Da habe er nun 76 Jahre alt werden müssen, „um so beschissen zu werden“, bedauerte Kessler. Und empfahl dem Geschädigten, weitere Aktionen dieser Art nicht alleine zu tätigen. „Ihr Gerüst bekommen Sie leider nicht mehr, das ist irgendwo in Bulgarien. Wir schauen, dass Sie ihr Geld bekommen. Aber das wird schwierig.“ Woraufhin der Iglinger anbot: „Fahren wir runter und holen wir‘s!“ Beide Angeklagte entschuldigten nach Aussage des Geschädigten bei ihm.

Bei Beginn der Verhandlung hatte nur der türkische Angeklagte bei der Polizei ausgesagt. Er habe laut Pflichtverteidiger Roland Mahrla „billigend in Kauf genommen“, dass die Sache „nicht ganz koscher“ war. Der Kosovare hingegen behauptete, sämtliche Beteiligten gar nicht zu kennen. Nach mehreren Besprechungen mit Pflichtverteidiger Freutsmiedl entschloss er sich angesichts der eindeutigen Aussagen aller gegen ihn zu einem Geständnis. Auch wenn er später behauptete, man habe ihn dazu gezwungen. Was Freutsmiedl durch eine weitere Besprechung inklusive Unterbrechung klären konnte.

Richter Kessler hatte beiden Angeklagten bei einem Geständnis einen Deal, amtsdeutsch eine „einvernehmliche Verfahrenserledigung“, oder in Kesslers Worten „ein Geben und Nehmen“ angeboten: maximal 90 Tagessätze à 20 Euro sowie die Rückzahlung der 750 Euro für den türkischen Angeklagten. Und eine Freiheitsstrafe von maximal zwei Jahren mit Bewährung auf drei Jahre, ein Bewährungshelfer, Rückzahlung der 40.000 Euro und 120 Stunden Sozialarbeit für den Kosovaren. Auch eine Mindestdauer der Haftstrafe legte Kessler fest: ein Jahr und acht Monate.

So müsse der Iglinger nicht auch noch ein Zivilverfahren anleiern. „Jetzt sorgt die Staatsanwaltschaft dafür, dass der Geschädigte sein Geld bekommt.“ Hätte der Kosovare nicht gestanden, sei auch eine Freiheitsstrafe von drei Jahren möglich – die per Gesetz nicht zur Bewährung ausgesprochen werden kann.

Staatsanwalt Christian Peikert forderte für beide Angeklagten die maximale Strafe. Um eine Milderung der Tagessätze für den türkischen Angeklagten bat dessen Verteidiger. Der Angeklagte sei sozial gut eingebunden, etwaige Straftaten im Bundeszentralregister ständen kurz vor der Löschung. Verteidiger Freutsmiedl schien es unbedeutend zu sein, dass sein Mandant, der Kosovare, zum Tatzeitpunkt noch nie straffällig geworden war. Er schloss sich den Forderungen der Staatsanwaltschaft an.

Richter Kessler verurteilte den Kosovaren zu einem Jahr und zehn Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung mit Bewährungshelfer. Pro Gerüst setzte er ein Jahr und vier Monate fest, aber „wir geben Rabatt.“ Zudem muss der Angeklagte 120 Sozialstunden leisten. Und auch die 40.000 Euro zurückzahlen, was bei dessen wirtschaftlichen Verhältnissen kaum realistisch scheint. Der türkische Vermittler wurde zu 75 Tagessätzen à 20 Euro und zur Rückzahlung der 750 Euro verurteilt.

„Die Angeklagten haben sich auf Kosten des Geschädigten bereichert“, fasste Kessler zusammen. Zudem hätten sie den schlechten Gesundheitszustand des Iglingers ausgenutzt. Dennoch hätten beide eine Familie zu versorgen. Vor allem seien die Geständnisse strafmildernd gewesen, betonte Kessler. „Und dazu wird hier niemand gezwungen.“

Susanne Greiner

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