Sind die Kühe an allem Schuld?

Angeklagter gibt Schuld für Körperverletzung den Kühen

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Ein Angeklagter soll einen Desinfektionsbecher dem Bruder und dem Vater ins Gesicht geworfen haben - oder war die Kuh Schuld?

Landkreis – Der kürzlich vor dem Amtsgericht verhandelte Fall einer Familie, die seit Jahren zerstritten ist, sorgte bei Gericht und im Zuschauerraum zumindest zu Beginn für schmunzelnde Gesichter. Kommt schließlich nicht oft vor, dass ein Richter Nachhilfeunterricht in Sachen Kühe melken bekommt. Doch je mehr Familienangehörige zu Wort kamen, desto größer das Unverständnis vom Vorsitzenden Alexander Kessler und der Staatsanwältin Andrea Hobert. Ob das letztlich gefällte Urteil wegen gefährlicher und vorsätzlicher Körperverletzung irgendetwas an der Situation der Familie ändern wird, bleibt fraglich.

Gleich drei Fälle von Körperverletzung wurden dem 42-jährigen Angeklagten zur Last gelegt. Er soll im Frühjahr 2018 über einen Zeitraum von drei Monaten seinen Bruder und seine Eltern verletzt haben.

Seit Jahren gibt es Streit zwischen dem 42-Jährigen und seiner Familie. Wie alles angefangen hat, ließ sich vor Gericht nicht nachvollziehen. Der Angeklagte führte einen Arbeitsunfall, bei dem er vier Finger an seiner linken Hand verloren hat, als einen der Gründe auf. Der Vater sei dafür verantwortlich gewesen. Doch die Familie habe ihm selbst die Schuld dafür gegeben.

Bei der Polizei sei die Familie mittlerweile gut bekannt, wie der als Zeuge geladene Polizeibeamte aussagte. „Es wird um alles Mögliche gestritten.“ Die Stimmung sei jedes Mal sehr aggressiv und aufgeheizt. Ein Beruhigen der Beteiligten kaum denkbar. Zu gegenseitigen Anzeigen sei es schon oft gekommen, doch wurden die Fälle von der Staatsanwaltschaft immer eingestellt. Bis zu den Vorfällen im vergangenen Jahr.

Der Angeklagte lebte damals noch mit seiner Familie auf einem landwirtschaftlichen Anwesen im Landkreis. Während die beiden Brüder eine Kuh gemolken haben, soll es zum ersten Vorfall gekommen sein. Der Angeklagte erzählte vor Gericht, dass er einen Becher, der mit Desinfektionsmittel gefüllt war, an die Zitze der Kuh hielt. Sein jüngerer Bruder soll währenddessen das Bein der Kuh losgebunden haben und die schlug daraufhin nach hinten aus. Dabei habe sie dem Angeklagten den Becher aus der Hand getreten, der wiederum dem Bruder ins Gesicht flog.

Lange brachte der 42-Jährige damit zu, dem Gericht zu erklären, wie man eine Kuh, die es nicht gewohnt ist, richtig melkt. Wie besagtes Tier allerdings den Becher von dessen Zitze in das Gesicht des Bruders befördern konnte, blieb dem Richter und der Staatsanwältin auch nach einer längeren Diskussion unklar. Wenn die Ausführungen des Angeklagten auch nicht unbedingt zum Verständnis des Geschehens beitragen konnten, so sorgten sie doch zumindest für eine ungewohnt heitere Stimmung im Gerichtssaal.

Letztlich spielte es allerdings sowieso keine Rolle mehr. Die Staatsanwältin ging davon aus, dass der Angeklagte seinem Bruder den Becher ins Gesicht geworfen habe. So sagte der Geschädigte es zumindest bei der Polizei aus. Vor Gericht sprach der 37-Jährige allerdings nur noch davon, dass sein Bruder ihm die Flüssigkeit ins Gesicht geschüttet habe.

Das Zwischenurteil von Richter Kessler: Die Anklage wurde in diesem Punkt fallen gelassen, weil es offensichtlich nicht zu einer Körperverletzung kam.

Doch da waren ja auch noch die Vorfälle mit den Eltern. Der Vater erzählte, sein Sohn habe ihm nach einem Streit den vormals erwähnten Becher mit dem Desinfektionsmittel auf die Nase geworfen. Außerdem habe er ihm in den Daumen gebissen. Die Folge: zwei blutige Wunden.

Es war wieder eine Kuh

Der Angeklagte selbst gab vor Gericht nur den Biss in den Finger zu. Aus Notwehr. Sein Vater habe ihm im Schwitzkasten gehabt.

Interessanterweise soll der Becher mit dem Desinfektionsmittel wiederum beim Melken im Gesicht des Vaters gelandet sein. Laut dem Angeklagten war es die gleiche Situation wie mit dem Bruder. Nur eine andere Kuh. „Das ist keine sehr geschickte Verteidigungsstrategie“, meine Richter Kessler dazu. „Beim zweiten Vorfall hätten Sie sich schon eine andere Geschichte ausdenken sollen.“

An einem anderen Tag kam es dann zum Streit mit der Mutter. Der Angeklagte wollte die Heupresse haben, die Mutter verweigerte das aber. So griff der 42-Jährige zum Telefon und rief die Polizei. Während er telefonierte, habe seine Mutter unentwegt „reingequatscht“. Daraufhin habe er sie weggeschubst. Die 64-Jährige stürzte und riss sich ihren Unterarm an einer Kommode auf. Eine sieben Zentimeter lange und stark blutende Wunde war die Folge. Der Sohn half seiner Mutter jedoch nicht und ging weg. Seine Erklärung: „Damit kann man leben. Das heilt wieder.“ Außerdem habe es damals auch niemanden interessiert, als er seine Finger verlor.

Die Aussagen von Mutter und Sohn zum Geschehen stimmten überein. Wobei der Sohn beteuerte, dass er seine Mutter nicht habe verletzen wollen. Richter Kessler glaubte ihm.

Letztlich verurteilte Kessler den Angeklagten, der bisher noch keine Vorstrafen hatte, zu sieben Monate auf Bewährung. Zusätzlich muss er dem Hospiz- und Palliativverein Landsberg insgesamt 2.000 Euro zahlen.

An die gesamte Familie gewandt mahnte der Vorsitzende: „Ich würde die Verhandlung als Anlass nehmen darüber nachzudenken, ob es so weiter gehen kann.“ Ansonsten würde wahrscheinlich bald der Nächste auf der Anklagebank sitzen.

Ob sich die Familie die Worte des Richters zu Herzen nimmt, bleibt abzuwarten. Im August treffen sie sich jedenfalls schon wieder vor Gericht. In einem Zivilprozess soll geklärt werden, wem diverse landwirtschaftliche Geräte im Gesamtwert von 30.000 Euro gehören.

Stephanie Novy

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