Nicht erst kommen, wenn es zu spät ist

Angst vor Ansteckung? Klinikum Landsberg nur zur Hälfte belegt

+
Auch während der Corona-Pandemie: Geburten, Notfälle sowie dringende Behandlungen werden uneingeschränkt sichergestellt.

Kliniken machen sich derzeit auf den Ansturm von COVID-19-Patienten gefasst und halten Krankenhaus- und Intensivstationsbetten frei. Dennoch gibt es auch noch andere Erkrankungen und Notfälle, die behandelt werden müssen. Aber: Viele Patienten verzichten trotz Beschwerden momentan lieber auf einen Besuch in der Klinik.

Auch im Klinikum Landsberg sind derzeit nur wenig „normale“ Patienten. Aus Furcht vor einer Ansteckung mit COVID 19 trauen sich viele nicht hinein. Oder sie möchten das Krankenhausbett lieber den Corona-Patienten überlassen. Damit bringen sie sich aber in Gefahr – ein solches Handeln kann gefährliche Konsequenzen haben. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin befürchtet, dass unbehandelte Beschwerden zu mehr Todesfällen, den „stillen Opfern“ der Krise, führen könnten – ein Begriff, der sich in Expertenkreisen schon eingebürgert hat.

„Tatsächlich ist unser Haus zurzeit nur zu 50 Prozent belegt“, bestätigt Klinikums-Vorstand Marco Woedl. 13 Corona-Patienten (Stand Donnerstag, 9. April) liegen hier, fünf davon auf der Intensivstation. Der normale Klinikbetrieb läuft parallel weiter, wenn auch mit Einschränkungen. „Die Bundesregierung hat untersagt, dass wir elektive, also geplante, Eingriffe vornehmen“, sagt Woedl. Dadurch würde die Belegung um 20 bis 30 Prozent zurückgehen. Kapazitäten, die für die Behandlung der Corona-Patienten vorgesehen sind. Effektiv gebe es aber einen Belegungsrückgang von 50 Prozent. Diese Differenz seien die Patienten, die es derzeit nicht wagten, das Krankenhaus aufzusuchen. „Auch im Bereich der inneren Medizin sind die Patientenzahlen gesunken“, sagt Dr. Hubert Meyrl, Chefarzt Anästhesiologie, Ärztlicher Direktor und Pandämiebeauftragter im Klinikum.

Vorsorgeuntersuchungen dürfen derzeit nicht durchgeführt werden. „Wenn man ein Vorsorgeintervall von fünf Jahren hat, spielt eine Verzögerung von zwei Monaten aber keine Rolle“, betont Meyrl. Auch Behandlungen, die einen Aufschub erlauben, würden verlegt. „Mit jedem Patienten hat man auch Publikumsverkehr.“ Wenn Patienten trotz Bedarf nicht ins Klinikum gingen, könne das im Einzelfall zu gesundheitlichen Schäden führen. So gebe es auch Corona-Patienten, die trotz starker Krankheitssymptome erst mit zunehmender Atemnot in die Klinik gekommen sind.

Manche Patienten möchten zurzeit nicht einmal im Notfall die 112 wählen oder die Notfallambulanz aufsuchen. Die sei bisher häufig sogar anstelle eines Arztbesuches genutzt worden, so Meyrl. Notfälle oder akute Erkrankungen, beispielsweise ein Schlaganfall oder ein Herzinfarkt, müssten aber sofort medizinisch versorgt werden. „Patienten mit solchen Symptomen dürfen den Besuch im Krankenhaus nicht hinauszögern“, betont Woedl. Dennoch befürchtet er eine hohe Dunkelziffer. „Es gibt sicher vermehrt Personen, die an Herzinfarkten oder Schlaganfällen zuhause sterben. Das erfahren wir hier in der Klinik erst gar nicht.“

„Notfälle werden bei uns aber immer behandelt“, betont Woedl. Wer ernsthafte Beschwerden hat, sollte sich nicht scheuen, einen Arzt oder direkt das Krankenhaus aufzusuchen. „Wir verfügen noch über ausreichend Kapazitäten. Auch wenn die Coronakrise die Nachrichten dominiert, setzen wir hier alles daran, eine stationäre Gesundheitsversorgung für die erkrankten Menschen in der Region zu gewährleisten.“ Immerhin sei die Erkältungszeit vorbei, es gebe kaum noch Influenzafälle: „Das kommt unseren Kapazitäten zugute“, sagt Meyrl. Vor mehr als drei Wochen hätte es noch mehr Influenza- als Covid 19-Fälle gegeben.

Schutzmaßnahmen

Natürlich sei das Virus hoch ansteckend, aber die Gefahr, sich im Klinikum zu infizieren, sei relativ gering, meint Woedl. Schon seit längerer Zeit würden zusätzliche Bereiche geschaffen oder andere Bereiche separiert, damit eine funktionale Trennung möglich ist. Die strikte Trennung der Bereiche – also ein Bereich für Infizierte und einer für Nichtinfizierte – erfolge sogar auf zwei Ebenen: auf der Normalstation und auf der Intensivstation. Damit sei die Größe der Intensivstation quasi verdoppelt worden.

Zudem werde inzwischen dauernd Schutzkleidung getragen: Masken, Handschuhe und Schutzhaube, „zum Teil sogar ein Vollgesichtsvisier, wenn man etwa mit dem Verspritzen von Sekreten rechnen muss“, sagt Meyrl. „Alle Mitarbeiter tragen Mund-Nasenschutz. Im Umgang mit Verdachtsfällen und Infizierten verwendet das Klinikum FFP2-Atemschutzmasken, die Nase und Mund bedecken. Geatmet wird durch einen Filter. „Mitarbeiter, die diese Masken den ganzen Tag tragen müssen, erbringen eine Höchstleistung“, betont Woedl. „Das Atmen fällt schwerer und die Arbeit wird noch anstrengender.“

„Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind alle sensibilisiert und handeln sehr konsequent“, sagt Woedl. Im Vorfeld hätten sie Schulungen bekommen. So werde gelehrt, wie man eine Schutzausrüstung richtig an- und ablegt – auch im Hinblick darauf, dass sich die Ausrüstung nicht wieder sekundär kontaminiert. In vielen Kliniken funktioniert das nicht so gut wie in Landsberg. Wegen einer zu hohen Durchseuchung und Ansteckungsrate bei Personal und Patienten mussten zahlreiche Kliniken schließen. „Davon sind wir weit entfernt“, sagt Woedl. „Wir haben insgesamt 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, nur sieben davon sind infiziert. Wiederum vier der sieben Infizierten haben das Virus von außen mitgebracht.“

Der Arbeitsaufwand steige allerdings erheblich bei der Behandlung von Patienten, wenn entsprechende Schutzmaßnahmen berücksichtigt werden müssten, sagt Meyrl. Zudem seien Corona-Patienten betreuungsintensiv – besonders die, die beamtet werden müssen. Auf der Intensivstation kalkuliere man derzeit mit einer Krankenschwester pro Corona-Patient. Im Normalfall sei der Schlüssel eins zu zehn.

„Was hier am meisten bewegt, ist die Tatsache, dass Menschen bei vollem Bewusstsein an der Beatmungsmaschine angeschlossen sind und nicht wissen, ob sie sterben oder überleben“, meint Woedl. Die Beatmungszeit ist meist lang, im Schnitt zehn Tage. Das sei auch für das Personal eine schwierige Situation. Durch die intensive Betreuung entstehe große Nähe und eine persönliche Beziehung zum Patienten. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben hier alle eine Heldenmedaille verdient. Es ist eine große körperliche und psychische Belastung“, so Woedl.

Den Begriff „stille Opfer“ findet Woedl nicht unbedingt treffend. „Beim Opfer-Begriff ist man komplett weg von einer Schuld“, meint er. „Aber die Patienten handeln immer noch eigenverantwortlich. Sie müssen auf sich aufpassen, auf Symptome achten und handeln.“ Patienten sollten in Zweifelsfällen zumindest telefonisch Kontakt mit dem Hausarzt oder der Klinik aufnehmen. Und lieber nicht zu spät kommen.
Andrea Schmelzle

Auch interessant

Meistgelesen

Die Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Die Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Die Planungen für einen Kreisverkehr in Kaufering verdichten sich. 
Die Planungen für einen Kreisverkehr in Kaufering verdichten sich. 
Wieder Saisonkarten fürs Inselbad Landsberg
Wieder Saisonkarten fürs Inselbad Landsberg
Im Landsberger "Kongo": Marihuana mit im Boot
Im Landsberger "Kongo": Marihuana mit im Boot

Kommentare