Arbeitsscheu und hochnäsig

Vor dem Hintergrund nationalsozialistischer Strömungen in der heutigen Gesellschaft auch im Landkreis Landsberg, ist es eminent wichtig, über die Zeit Adolf Hitlers aufzuklären. Es geht nicht nur um die unseligen zwölf Jahre, 1933 bis ’45, auch und vor allem die Zeit davor muss ausführlicher ins Blickfeld genommen werden. Einen Beitrag dazu lieferten die sechs „Landsberger Gespräche“. Als wahrer Höhepunkt erwies sich am Donnerstag der Abschluss der Reihe mit Brigitte Hamann.

„Ich aber beschloss, Politiker zu werden…“ Unter diesem Titel beschreibt die Verfasserin von Biographien berühmter Persönlichkeiten, die künstlerische und geistige Entwicklung Adolf Hitlers in Kindheit und Jugend. Die Historikerin ist eine ausgewiesene Kennerin der Zeit der österreich-ungarischen Monarchie unter dem Habsburger Kaiser Franz Joseph. Ob Sisi von Österreich, Bertha von Suttner oder eben zuletzt Adolf Hitler, immer steht die Person im Vordergrund und nicht allein deren historische Bedeutung. Denke man über Hitler nach, so glaube man, er müsse bereits als Monster geboren worden sein, führt Dr. Manfred Frei die Zuhörer in die Thematik ein. Er artikuliert seine Schwierigkeiten, zu verstehen „was da abging, wie das Volk von Dichtern und Denkern einem Bluthund nacheiferte und zu Mördern werden konnte.“ Mit den bisherigen fünf „Landsberger Gesprächen“, die er gemeinsam mit Ex-Theaterleiter Alexander Netschajew initiiert hat, ist es bereits ein Stück weit gelungen, die unseligen Jahre 1933 bis ’45 aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Unter der geschickten Leitung von Dr. Manfred Osten erzählt Hamann beinahe im Plauderton von einem Menschen, den sie in ihrer zehnjährigen Arbeit an ihrem Buch „Hitlers Wien, Lehrjahre eines Diktators“ wohl sehr gut kennen gelernt hat. Sein Vater, der laut Hitler „immerhin Beamter geworden ist“, ein hoffnungsloser, brutaler Säufer, gleichzeitig der Onkel der wesentlich jüngeren, sanftmütigen Mutter, soll ihn fast tot geschlagen haben. Auch wenn dem Publikum im gut gefüllten Parkett des Landsberger Stadttheaters die meisten Details aus Hitlers Kindheit vertraut erscheinen, fällt es dem Zuhörer schwer, dem empathischen Vortrag Hamanns mehr abzugewinnen, als die Schilderung eines in der damaligen Zeit verbreiteten, traurigen Kinderschicksals. Ausführlich beschreibt sie die geistige Gesinnung der damals von Nationalismen beherrschten Gesellschaft. Hitler habe viel und überwiegend deutschnationale Literatur gelesen. Hitler soll über ein phänomenales Gedächtnis verfügt haben, ganze Passagen nationalistischer Autoren fänden sich in „Mein Kampf“ wieder. In diesem Machwerk, das er Rudolf Hess diktiert habe, versuche er sich selbst zu einem Helden zu stilisieren. Vieles, was er von sich behaupte, sei entweder so nicht gewesen oder schlicht nicht wahr. Profund beschreibt die Historikerin die Situation des habsburgischen Kaiserreiches Franz Josephs, das den Hintergrund für Hitlers Entwicklung bildet. Als Beispiel für die Zustände im österreich-ungarischen Reich mag das Parlament dienen. Dort hätten die Abgeordneten der elf Nationen ohne Dolmetscher debattiert und sich so geprügelt, dass Polizei und Kranken- wagen ständig parat waren. Ein solches Parlament glich eher einer Farce, denn einer demokratischen Institution. Das Wien der letzten Jahre vor dem ersten Weltkrieg sei, dank der liberalen Einstellung des Kaiserhauses, ein Schmelztiegel gewesen. Künstler wie Gustav Klimt und Egon Schiele sorgten mit ihren Arbeiten regelmäßig für Skandale und reüssierten eine intellektuelle Avantgarde, die im deutschsprachigen Raum ihresgleichen suchte. Zeitweise habe es mehr Synagogen als Kirchen in der Stadt für die 200000 Juden gegeben, die vor Pogromen aus ihrer Heimat geflüchtet seien. Vor diesem Hintergrund und wenn man bedenkt aus welchem Milieu Hitler selbst stammte, entsteht ein völlig anderes Bild von ihm. Ein zu kurz gekommener, vom Schicksal gebeutelter Verlierer, der aber gleichzeitig nachgerade arbeitsscheu und hochnäsig gegenüber seinen Kumpanen im Männerasyl war. Wenn man Brigitte Hamann aufmerksam zuhört, ist eigentlich nicht mehr so sehr die Frage verwunderlich, wie dieser Mann eine solch verheerende Karriere nehmen konnte, sondern wie konnte ein ganzes Volk ihm derart auf den Leim gehen. Entscheidend seien die Jahre 1918/19 gewesen. Die bis dahin gekannten Strukturen der deutschen Gesellschaft, hatten sich nach 1918 aufgelöst, neue noch nicht zusammengefunden. Nationalistische Bewegungen und die Demütigung des verlorenen Krieges seien der ideale Nährboden für seine, in der Sprache des Volksmundes, gehaltenen Tiraden gewesen, betont Hamann. Innerhalb kürzester Zeit konnte er den Zirkus Kronebau mit annähernd 5000 begeisterten Zuhörern füllen. Als Resümee des Themenabends im Stadttheater kann man wohl getrost mit nach Hause nehmen, ein Monster war Adolf Hitler nicht, wohl aber ein Hochstapler von der ganz üblen Sorte.

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