Normales Miteinander für Menschen mit und ohne Behinderung

Kein Heim, sondern ein Zuhause

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Die Arche Landsberg ist kein Heim, sondern ein richtiges Zuhause. Im Moment leben zehn Menschen mit und ohne Behinderung zusammen im Haus, sieben wohnen außerhalb. Seit 2004 gibt es die Arche-Gemeinschaft Landsberg.

Landsberg – Es ist viel los in der Arche Landsberg. Leitungstreffen und Mitgliederversammlung der Arche Deutschland und Österreich haben kürzlich dort stattgefunden. Zudem wurde am 3. Dezember zum 25. Mal der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung begangen. Und dann war da noch der Nikolauslauf, an dem sechs Arche-Mitglieder teilgenommen haben. Viele Menschen, viele Gespräche, viel Arbeit, viel Spaß: Man merkt es den Bewohnern an. Einige sind noch ganz aufgedreht, andere müde. „In der Arche Landsberg wohnen im Moment acht Menschen mit und zwei Menschen ohne Behinderung“, beschreibt Gemeinschaftsleiterin Bianca Berger die WG in der Erpftinger Straße. Die anderen fünf Assistenten leben außerhalb, aber sie gehören trotzdem dazu. Zu dieser großen und besonderen Familie.

Um 6.30 Uhr gibt es Frühstück. „Das muss sein, denn die meisten müssen ja um acht schon bei der Arbeit sein“, erklärt Berger. Zehn Menschen, die alle ins Bad müssen – da ist gute Planung gefragt. Wie eben in jeder größeren WG. „Eigentlich ist das Zusammenleben gar nicht viel anders“, meint Arche-Mitarbeiter Jan-Thilo Klimisch aus Berlin. „Du bist natürlich auch mal genervt, konfliktfrei ist das nicht.“ Allerdings könne man hier viel mehr man selbst sein, werde einfach angenommen. „Ich bin eigentlich ein introvertierter Mensch“, erzählt Hausleiterin Berger, „aber hier tanze ich gerne auch mal mit. Dadurch bekommt man einen viel direkteren Zugang zu den eigenen Gefühlen.“ Es ist immer ein Assistent im Haus, 24 Stunden, 365 Tage. Zudem gibt es auch Arbeit, die – wie im sozialen Bereich leider üblich – ehrenamtlich abgedeckt wird. Das kann manchmal viel werden. „Aber wir passen aufeinander auf“, sagt Berger. „Hier im Haus bringt dir dann jemand eine Tasse Tee und sagt, dass du jetzt genug gearbeitet hast.“

Um halb acht sind die Bewohner mit Behinderung aus dem Haus. Dann haben die Assistenten Zeit für Organisatorisches. Oder vielleicht mal Dinge wie ein Zimmer neu streichen. Im Haushalt beim Putzen, Abspülen oder Kochen muss WG-typisch jeder mithelfen. Wann und was, sagt einem ein Putzplan. Der ist hier nur etwas detaillierter. Wann ist der eigene Zimmer­mülleimer zu leeren? Welche Farbe hat der Lappen fürs Bad? Und mit welchem Putzmittel wische ich in der Küche? Obwohl zehn Menschen im Haus leben, ist alles bestens geordnet. Manch eine Studenten-WG wäre neidisch.

Im Keller gibt es einen Musikraum, in dem auch ein Schlagzeug steht. „Das spielt Felix. In meinem Zimmer oben höre ich das sehr gut“, erzählt Ben-David bei der Hausführung. Er lebt seit vier Jahren in der Arche, gemeinsam mit seiner Freundin Rebecca. Im Keller zeigt Ben-David den Waschraum mit zehn Wäschekörben. Und den Gebetsraum, in dem gerade eine Bibelgeschichte mit Puppen aufgebaut ist. Daneben gibt es noch den „Raum der Stille“, wenn man mal wirklich seine Ruhe haben will. Im ersten Stock sind neben Zimmern und Bad auch die Küche und das große Wohn-Ess­zimmer samt Tischen, Sofa­ecke und Fernseher. Im zweiten und dritten Stock gibt es weitere Zimmer.

Das Haus der Arche Landsberg in der Erpftinger Straße gibt es seit 2004. Die Plätze für Menschen mit Behinderung sind ausgeschöpft. „Aber auch andere würden gern ihre Angehörigen mit Behinderung hier unterbringen“, sagt Berger. Denn die Arche ist anders: ein Zuhause, kein Heim. Es geht nicht um Versorgung, sondern um Freundschaft. Damit ein weiteres Zuhause für Menschen mit und ohne Behinderung finanziert werden kann, fand im Sommer die Wanderaktion inklusive Zugspitzbesuch der Arche Deutschland und Österreich statt. Von den angestrebten 100.000 Euro sind leider nur 40.000 erwandert worden. „Wir hatten über 100 Mitwanderer. Aber leider zu wenig Sponsoren“, meint Berger. In einem Weihnachtsrundbrief hat er sie nochmals um Spenden gebeten.

Die Arche ist eine weltweite Gemeinschaft. In 38 Ländern gibt es sie, insgesamt hat sie mehr als 150 Gemeinschaften, in denen rund 3.000 Menschen mit Behinderung leben. „Ein aktuelles Projekt ist der Bau eines Therapiezentrums in Simbabwe“, berichtet Arche-Mitarbeiter Thomas Bastar aus Hamburg. „Denn wir wollen in Ländern helfen, in denen es keine öffentliche Unterstützung für Menschen mit Behinderung gibt.“ Den Bau bekommen sie vom Bundesentwicklungsministerium. Fachkräfte sind durch Spenden zu finanzieren.

Neben der konkreten Hilfe ist ein Grundsatz der Arche die konsequente Integration von Menschen mit Behinderung – die somit auch in allen Entscheidungsgremien vertreten sind. „Wir gehören alle zusammen“, formuliert Bastar. Dabei sei die Arche zwar hochstrukturiert, aber nicht hierarchisch, fügt Berger an. „Wir arbeiten auf Augenhöhe miteinander, auch, weil wir voneinander lernen wollen.“ Ein weiteres Merkmal ist der ökumenisch-christliche Ansatz und spirituelle Gedanke. „Wechselseitiges Gespräch und das Vertrauen auf Gott bilden die Mitte unseres gemeinsamen Weges“, steht im Identitätsstatement der Arche. Mitarbeiter im Dienst müssen am Gebet teilnehmen. Aber ob das nun ein klassischer Bibeltext ist, ein Gespräch über Werte oder eine Meditation, ist freigestellt. Vielfalt wird großgeschrieben. Im Identitätsstatement nennt sich das die „Vision der einen Menschheitsfamilie“.

Um 15.30 Uhr kommen die ersten Bewohner von der Arbeit wieder nachhause. „Manche wollen dann nur ihre Ruhe, die anderen setzten sich zum Kaffee in die Küche und klönen“, erzählt Berger. Oft müssen die Bewohner Dinge erledigen, zu denen ein Assistent mitkommt, wie zum Beispiel Geld abheben. Wer eingeteilt ist, bereitet das Gebet vor, das um sechs Uhr stattfindet – eine Regelmäßigkeit, die Struktur schafft. Dann gibt es Abendessen.

Die Arche ist ein offenes Haus. Man kann also einfach so mal vorbeikommen. Was darin resultiert, dass abends öfter gut 15 Leute zum Essen da sind. Danach darf jeder machen was er will. Ganz normale Freizeit. Mal zusammen, mal allein. „Oder einfach vor der Glotze sitzen“, lacht Berger. Und sich übers Programm streiten. Am Samstag steht Ausschlafen auf dem Programm. Auch ein bisschen Haushalt, ansonsten: viel rausgehen. Und abends geht es dann auch mal in die Disco. „Die Rollen zwischen Bewohner und Assistent verschwimmen hier“, sagt Berger. Und damit auch die Grenzen. 

Susanne Greiner

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