Aus Kloster wird Klinik:

Digitales Fasten im Kloster Dießen

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Direkt neben dem Dießener Marienmünster (links) wurde das ehemalige Vinzentinerinnen-Kloster zur Psychosomatischen Klinik umgebaut und gestern feierlich eröffnet.

Dießen – Eine Klinik ohne Operationen, dafür mit viel individueller Aufmerksamkeit und modernsten Therapiemöglichkeiten ist die neue Psychosomatische Klinik Kloster Dießen. Sie wurde gestern neben dem Marienmünster eröffnet. Über 100 Jahre war das Kloster in der Hand der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul. Nachdem sie 2014 das Kloster aufgegeben hatten und ins Mutterhaus nach Augsburg zurückgekehrt waren, hat die Klinikgruppe Arte­med das Haus übernommen und behutsam umgestaltet. 98 Patienten können hier in Zukunft behandelt werden.

Schwester Reinholda, die Priorin der Vinzentinerinnen, betonte als Ehrengast bei der Eröffnungsfeier, dass es schon immer Aufgabe ihres Ordens war, sich der Pflege Kranker anzunehmen. „Die neue Einrichtung ist ganz in unserem Sinne. Eine Stätte der Genesung, um Abstand vom allzu Weltlichen zu gewinnen und um dem Leben und Schaffen eine neue Richtung zu geben.“ Das versprach Chefarzt Dr. Bert te Wildt in seiner Rede. Die Behandlungen von Burnout und Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen und Angsterkrankungen gehöre ebenso zum Spektrum wie die Therapie psychosomatischer Symptome, die von den Patienten als körperliche Erkrankung erlebt werden. Spezielle Behandlungsangebote gebe es für Menschen, die aufgrund von Stressbelastung oder Traumatisierung ein seelisches Leiden entwickelt haben.

Empfangskomitee für eine Ordensschwester: Vinzentinerinnen-Priorin Sr. Reinholda wurde als Ehrengast an der Klosterpforte abgeholt von Artemed-Geschäftsführer Dr. Clemens Guth, Dießens Bürgermeister Herbert Kirsch und Chefarzt Dr. Bert te Wildt (v.l.n.r.).

Eine besondere Fachkompetenz bestehe außerdem im Hinblick auf psychische Störungen im Zusammenhang mit einer exzessiven Mediennutzung, insbesondere bei Internet- und Computerspielabhängigkeit sowie anderen Verhaltenssüchten wie Kaufrausch oder Binge-Eating (Essattacken mit Kontrollverlust). Bert te Wildt: „Unsere Klinik befindet sich an einem wunderschönen Ort, der aufgrund seiner reichhaltigen Kultur und Natur selbst eine heilsame Wirkung entfaltet. Wir werden hier gemeinsam mit Managern mit digitalem Burn­out, Computerspielabhängigen und anderen Patienten herausfinden, was ein gutes Leben ausmacht und damit auch auf grundsätzliche Fragen des Menschseins eingehen.“

Zu diesem Zweck werde nicht nur die Möglichkeit zum Entzug von Computermedien im Sinne eines „digitalen Fastens“ – in der Fachsprache Digital Detox – geboten, sondern es werden bei der Therapie auch digitale Technologien eingesetzt. „Die digitale Revolution birgt nicht nur Risiken, sondern auch viele Chancen“, so te Wildt. „In einem speziellen Medienraum werden zum Beispiel Virtual-­Reality-Techniken zum Einsatz kommen, um phobische Ängste abzubauen. Außerdem können dort Patienten mit missbräuchlicher Internetnutzung einen funktionalen und damit gesunden Umgang mit Computern wieder erlernen.“

Optimale Nutzung

Dießens Bürgermeister Herbert Kirsch, der mit einigen Gemeinderäten zur Eröffnung gekommen war, zeigte sich dankbar für diese optimale Nachfolgenutzung des Klosters. Die Marktgemeinde schätze sich glücklich, dass sich mit der Artemed-Gruppe ein kompetentes und erfolgreiches Gesundheitsunternehmen in Dießen angesiedelt habe. Artemed mit Hauptsitz in Tutzing gehören in ganz Deutschland 13 Krankenhäuser und fünf Pflegezentren.

Über den behutsamen Umbau des denkmalgeschützten Hauses und den Respekt für die klösterliche Bauweise von früher konnten sich die Gäste bei einem Rundgang überzeugen. Auf 7.000 Quadratmetern beherbergt die neue Klinik drei Stationen mit insgesamt 98 Patientenzimmern und eigenem Bad. Die ehemaligen Zellen der Nonnen wurden vom Innenarchitekten-Atelier Pilati komfortabel umgebaut. Die Zimmer mit Seeblick laden mit hellen Blautönen zum Durchatmen ein, die Zimmer mit Waldblick greifen das Grün der Natur auf und die Zimmer zum Hof sind in freundlichem Grau gestaltet.

Im Erdgeschoss sorgen der weitläufige Kreuzgang und großzügige Therapieräume für ein offenes und freundliches Ambiente. Auf der Seeseite sind neben zwölf Einzel- und Gruppentherapieräumen mehrere Arzt- und Behandlungszimmer für medizinische Untersuchungen unter anderem mit Ultraschall und EKG angesiedelt. Im Parterre sind außerdem eine Bibliothek und ein gemütliches Kaminzimmer mit einer kleinen Cafeteria als Aufenthaltsraum entstanden. Alles in allem eine „Wohlfühl-Klinik“, in der sich die Patienten gerne ein paar Wochen aufhalten werden, waren sich die Eröffnungsgäste einig.

Beim Umbau gab es auch einige Überraschungen, wie die Geschäftsführer Dr. Clemens Guth und Michael S. Kneis beim Rundgang erzählten. Stahlträger mussten für eine bessere Statik eingezogen werden, der Keller wurde aufwändig trockengelegt und abgedichtet. Die Renovierung der 364 denkmalgeschützten Fenster war eine Mammutaufgabe, wobei ein Großteil davon stilecht in einer Dießener Schreinerei nachgebaut werden musste. Die Bauherren hatten jedoch auch Grund zur Freude. Im Untergeschoss kam hinter verwinkelten Technikräumen ein Kellergewölbe aus dem frühen 18. Jahrhundert zu Vorschein. Hier ist jetzt der Restaurantbereich, erweitert durch einen lichtdurchfluteten Wintergarten.

Tiergestützte Therapien

Begeistert zeigten sich die Eröffnungsgäste über die Außenanlagen. Denn anders als bei vielen Neubauten macht in der Klinik genau die Einbindung in den Ort mit den zweieinhalb Hektar umfassenden Gärten einen charmanten Reiz aus. Der ursprüngliche Klostergarten mit den Obstbäumen auf der Seeseite bleibt bestehen, genauso wie die Orangerie zur Kunsttherapie und die beiden alten Brunnen im Innenhof und Südgarten. Die Bienenvölker haben weiterhin ihr Zuhause auf dem Klinikgelände. Und auf den angrenzenden Weiden darf nach wie vor die dort ansässige Schafsherde grasen, die darüber hinaus wie in Zukunft auch Pferde, Esel und Hunde für tiergestützte Therapien eingesetzt werden.

Die neue Klinik am Ammersee deckt also das gesamte Fachgebiet der Psychosomatischen Medizin für erwachsene Patienten ab. Zunächst nur für Privatversicherte, wobei aber gerade an einer Zulassung durch die gesetzlichen Krankenkassen gefeilt wird. Über 100 Mitarbeiter werden für die Klinik tätig sein. Neben Chefarzt Dr. med. Bert te Wildt gehören die leitende Oberärztin Dr. med. Sabine Dornhofer und Dipl.-Psychologe Tim Schiele zum Führungsteam.

Für die interessierte Öffentlichkeit veranstaltet die Klinik die „Dießener Gesundheitsgespräche“. Dabei geht es bei freiem Eintritt vor allem um Krankheitsbilder an der Schnittstelle zwischen Leib und Seele und deren Behandlungsmöglichkeiten. Die nächsten Termine: 9. und 23. Mai sowie 6. und 20. Juni. Beginn ist jeweils um 19 Uhr. Nähere Infos dazu gibt es hier.

Dieter Roettig

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