KREISBOTEN-Serie Naturschutzgebiete im Landkreis Landsberg

Artenreichtum am Lech: der Lechauwald zwischen Unterbergen und Prittriching

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Der Lech mit Blick auf den Lechauwald am Westufer

Prittrichting – Hat die Natur Sinn für Humor? Zumindest hat sie viel Fantasie, wie das Beispiel des Kreuzenzian-Ameisenbläulings zeigt. Der Schmetterling, dessen Flügelspannweite von nicht mal dreieinhalb Zentimetern kürzer ist als sein Name, legt seine Eier auf den Blättern des Kreuzenzians ab.

Die Raupen ernähren sich bis kurz vor der Verpuppung von den Blütenknospen der Pflanze. Anschließend sind sie auf Wirts­ameisen angewiesen. Die wiederum halten die Raupe fälschlicherweise für eine künftige Ameisenkönigin, schleppen sie in ihr Nest und füttern sie durch den Winter. Erst kurz bevor aus der Puppe der Schmetterling schlüpft, erkennen sie ihren Irrtum. „Dann wird es kritisch für den Falter. Er muss sehr schnell ausfliegen“, erklärt Gerhard Däubler von der Unteren Naturschutzbehörde des Landratsamts Landsberg am Lech. „Aber die meisten schaffen das.“

Seltener Bläuling

Der Grund, dass man diese faszinierenden Zusammenhänge nicht kennt, ja, dass man womöglich noch nie vom Kreuz­enzian-Ameisenbläuling gehört hat, ist seine Seltenheit. In Gärten und Parks sucht man ihn vergeblich. Laut Landesamt für Umwelt ist die Bestands­situation des mattblau-braunen Falters in Bayern „rückläufig und sehr kritisch“.

Im Lechauwald bei Unterbergen gibt es ihn noch. Hier wächst der Magerrasen, auf dem Kreuzenzian und viele andere Pflanzen gedeihen – Orchi­deen, Enzian, Klebriger Lein, Dornige Hauhechel, Steinsamen, Ochsenauge und Sommerwurz, ein Schmarotzer ohne eigenes Blattgrün. Wildbienen und Schmetterlinge finden hier reichlich Nahrung. „Magerwiesen haben eine extrem hohe Bedeutung für Insekten. Sie sind die artenreichsten Lebensräume, die es überhaupt gibt“, erklärt Gerhard Däubler.

„Das gesamte Lech-Gebiet von Augsburg bis Landsberg hätte eigentlich die Qualität, um unter Naturschutz gestellt zu werden“, sagt der Landespfleger mit Ingenieurabschluss und dem irreführenden Titel „Baurat“. Immerhin wurden 1600 Hektar 1987 zum Landschaftsschutzgebiet erklärt.

370 Hektar Naturschutz

Drei Jahre später stellte man auf Betreiben der Regierung von Schwaben ein knappes Viertel der Fläche – 370 Hektar – als „Lechauwald bei Unterbergen“ unter Naturschutz.

Das Gebiet auf der Westseite des Lechs liegt knapp zur Hälfte im Landkreis Landsberg. Es zieht sich von Unterbergen in der Gemeinde Schmiechen (Landkreis Aichach-Friedberg) bis nach Prittriching und ist Teil einer Vegetationsbrücke zwischen den Alpen 

Gerhard Däubler zeigt die Schönheit und Bedeutsamkeit des Lechauwaldes mit Heideflächen und Magerrasen .

Die Naturvielfalt, die hier in den Lechauen bewahrt wird, ist nur ein Rest dessen, was man noch Ende des 19. Jahrhunderts vorgefunden hätte. „Vor 120 Jahren herrschte hier eine Artenvielfalt, die wir uns nicht vorstellen können“, so Däubler. Damals war dieses Gebiet einer der bedeutendsten und artenreichsten Naturräume in Mitteleuropa und der Lech ein ­Eldorado für Wasservögel. Es gab Watvögel, Schnepfen, Möwen, Flussregenpfeifer – letzterer brütet heute nur noch an ganz wenigen Stellen entlang des Flusses. „Vor dem Bau der Staustufen hatte der Lech hier eine Breite von einem Kilometer, jetzt sind es noch 200 Meter“, erklärt Gerhard Däubler und blickt von der Mauer der Staustufe 21 auf das dahinströmende Wasser.

und dem fränkischen Jura. Sie ermöglicht einen durchgängigen genetischen Austausch.

Der Niederwald wurde ursprünglich zur Brennholzgewinnung angelegt. Heute wird er nicht mehr wirtschaftlich genutzt, sondern ausschließlich gepflegt.

Kostbare Magerwiesen

Den Auwald durchziehen Heideflächen und die ökologisch so kostbaren Magerwiesen, die nicht verschatten dürfen und auch gemäht werden müssen – allerdings nur zum exakt richtigen Zeitpunkt, sonst verändert sich die Zusammensetzung der Arten.

Artenreichster Lebensraum, den es gibt: Die Magerwiese mit ihrer großen Pflanzenvielfalt hat eine große Bedeutung für die Insekten.

Die Mahd wird zu Heu getrocknet oder als Substrat für Biogasanlagen verwendet. „Das geht sehr wohl“, stellt Däubler klar. „Es muss nicht unbedingt Mais sein.“ Die Flächen gehören größtenteils den Landkreisen und Gemeinden, vereinzelt sind sie in Privatbesitz.

Neben Schutz und kompetenter Pflege braucht das Gebiet vor allem eines: Ruhe. Wer hierher kommt, muss auf den Wegen bleiben und Hunde an der Leine führen, darf nicht lärmen oder irgendwie in die Natur eingreifen. Der Konflikt mit der Erholungsnutzung wird einige Meter außerhalb des Naturschutzgebiets deutlich.

Direkt an der Landkreisgrenze liegt der Auensee, den niemand kannte, bis ein Augsburger Radiosender auf die Idee kam, hier eine Party zu veranstalten. Seitdem wird er im Sommer von Erholungssuchenden regelrecht überrannt. Ein Ufer wird von Familien belagert, ein anderes von FKK-Anhängern. Es gibt keine Parkplätze – die Besucher parken Rettungswege zu, stellen sich in den geschützten Wald, ins Halteverbot an der Straße sowieso. Das ehemals glasklare Wasser ist von Sonnenöl und Schlimmerem verunreinigt – Sanitäranlagen gibt es hier nicht. „Es ist ein richtiges Dilemma“, sagt Gerhard Däubler und seufzt.

Dass der Lech in geschützten Bereichen von manch ahnungslosen oder gleichgültigen Stand-up-Paddlern befahren wird, macht den Verantwortlichen ebenfalls Sorgen. Ehrenamtliche Naturschutzwächter appellieren an die Vernunft der Erholungssuchenden, aber auch das reicht nicht immer. An zwei Wochenenden war Däubler diesen Sommer schon mit einer Polizeistreife unterwegs - „das war wirkungsvoller“.

Ulrike Osman

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