»The Jewish Chronicle« rückt Landsberg nach rechts

Ignoriert Landsberg seine Nazi-Vergangenheit?

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Erst im April weihte die Stadt Landsberg zu Ehren von Alois und Maria Elsner, die KZ-Häftlingen geholfen hatten, eine Stele in Landsberg ein.

Landsberg – Diesen Beitrag der in London erscheinenden Wochenzeitung The Jewish Chronicle über die Erinnerungsarbeit in Landsberg am Lech haben Angehörige der jüdischen Gemeinschaften in der ganzen Welt gelesen. Viele haben ihn in den vergangenen Tagen über Facebook und Twitter geteilt und mit „Likes“ versehen. Doch der (englischsprachige) Text zeichnet ein Zerrbild Landsbergs, das mit der Realität wenig zu tun hat. Der KREISBOTE referiert den Beitrag und kommentiert ihn.

Die Autorin und frühere BBC- Journalistin Rosie Whitehouse berichtet in dem am 12. August online ver­öffentlichten Artikel darüber, dass die Stadt Landsberg daran arbeite, Besuchern durch eine Präsenta­tion an zentraler Stelle einen Überblick über die Orte zu geben, die den Aufstieg, Schrecken und Fall des NS-Regimes widerspiegeln. Sie zählt zunächst auf, welche Gründe es dafür gibt: „Hitler schrieb in Landsbergs Gefängnis ,Mein Kampf‘. Am gleichen Ort wurden nach dem Krieg 300 SS-Wächter verurteilt und hingerichtet. Während des Dritten Reichs war die Stadt ein ideologischer Mittelpunkt für die Hitlerjugend; auf ihrem mittelalterlichen Marktplatz gab es regelmäßig Fackel­züge. Nachdem der Krieg ausbrach, wurde Landsberg von einer Reihe von Sklavenarbeiter-­Lagern umgeben. Nach der Befreiung nahmen Tausende von Überlebenden im Displaced-Person-Camp (DP) an einem bemerkenswerten jüdischen revival teil, das maßgeblich zur Gründung des Staates Israel beitrug.“

Die Internetversion des Beitrags von Rosie Whitehouse im Jewish Chronicle erschien am 12. August.

Der Artikel setzt sich im Folgenden mit dem Plan auseinander, im Hinterhof des Historischen Rathauses ein Informationszentrum einzurichten. Diese Idee schreibt die Autorin OB Mathias Neuner zu („the mayor‘s proposal“). Sie konstatiert, das Infozentrum werde ein „dank, dark stairwell behind the town hall‘s lift shaft“ sein, ein „nasskaltes, dunkles Treppenhaus hinter dem Aufzugschacht“. Dazu zitiert sie Pater Dr. Cyrill Schäfer aus St. Ottilien: „Ich denke wir können das besser machen und wir müssen es besser machen“. Auch Manfred Deiler, der Präsident der Europäische Holocaust-Gedenkstätte Stiftung, sei „skeptisch“.

Eine Erzählung Deilers dient Whitehouse als Aufhänger für den ganzen Beitrag. Seine Eltern hätten ihm auf Befragen als Kind erklärt, in Landsberg sei in Sachen Nationalsozialismus „nichts geschehen“. Die Journalistin macht dieses Zitat zum Bestandteil der Artikelüberschrift: „Die deutsche Stadt, in der ‚nichts geschah‘, sieht der Nazi-Vergangenheit ins Auge“.

Daran schließt sie an: „Landsberg am Lech scheint entschlossen, seine Kriegsgeschichte zu untersuchen. Aber einige örtliche Politiker („some locals“) sind davon unbeeindruckt.“

Der erste Satz des Artikels lautet dann: „Nachdem die Stadt Landsberg am Lech in Süddeutschland ihre Nazi-Vergangenheit 73 Jahre lang ignoriert hat, hat sie endlich beschlossen, sie zu thematisieren“ („After 73 years of ignoring its Nazi history, the city of Landsberg am Lech in southern Germany has finally decided to address it.“)

Kaufering VII

Über den Informationsort am Rathaus hinaus schildert die Autorin auch die mögliche Erweiterung des Lagerkomplexes Kaufering VII. Manfred Deiler wird zitiert, dass das Lager mit seinen konservierten Tonröhrenbauten ein „Dokumentationszentrum braucht, in dem die Besucher Originaldokumente studieren und Fragen stellen können“. Allerdings befürchte Deiler, dass diese „Träume“ nie realisiert werden. Selbst hinsichtlich der begrenzten Pläne des Oberbürgermeisters sei er skeptisch.

„Die Politik in Bayern rückt nach rechts, weil die CSU den Verlust von Stimmen an den rechten Flügel der AfD vermeiden will“, habe Deiler erklärt. „Die AfD hat das Holo­caust-Mahnmal in Berlin als Schande bezeichnet. Deswegen ist man zurückhaltend, deutsche Schande in einem Gebäude in Landsberg zu dokumentieren. Die CSU, die den Stadtrat kontrolliert, will keine Stimmen nach rechts verlieren“, zitiert die Autorin Deiler wörtlich. Werner Lauff

Faktencheck und Kommentar: 

Welche Angaben im Artikel von Rosie Whitehouse im Jewish Chronicle sind korrekt, welche stimmen nicht und bedürfen der Korrektur?

Kaum eine Angabe des Artikels von Rosie Whitehouse im Jewish Chronicle hält einer Überprüfung stand.

Der geplante „Informationsraum“ hinter dem Rathaus ist kein Vorschlag des Oberbürgermeisters, sondern die Variante, die eine Arbeitsgruppe unter Vorsitz von Dr. Thomas Goppel (MdL, CSU) derzeit favorisiert. Dem ging eine Machbarkeitsstudie der Museumsexperten von FranKonzept aus Würzburg voraus. Dabei ist nicht an ein „nasskaltes, dunkles Treppenhaus hinter dem Aufzugschacht“ gedacht, sondern an die Nutzung einer noch unbebauten Fläche weit von Treppenhaus und Aufzug entfernt.

Pater Cyrill von der Erzabtei St. Ottilien hat eigenen Angaben zufolge auch nicht erklärt, das könne und müsse man besser machen. Auf Nachfrage des KREISBOTEN betonte Cyrill, dass er diesen Satz weder geäußert habe noch die Autorin ihn um die Autorisierung des Satzes gebeten habe.

Die Stadt Landsberg reagierte auf die Angaben von Whitehouse mit ähnlichem Unverständnis: „Die schlechte und sehr einseitige Recherche ist sehr bedauerlich und gibt in keiner Weise Standpunkte und Haltungen zur aktuellen Arbeit im Arbeitskreis wieder, die im Übrigen ja noch nicht abgeschlossen ist“, erklärte Verwaltungssprecher Andreas Létang gegenüber dem KREISBOTEN.

Auch die Angaben zur Position der CSU sind falsch. Der Beschluss über die Einsetzung der Arbeitsgruppe erfolgte mit Zustimmung der Stadtratsfraktion der CSU, die im Übrigen nur über acht von 31 Stimmen verfügt und weit davon entfernt ist, den Stadtrat zu kontrollieren. Manfred Deiler erklärte auf Anfrage, er habe die ihm zugeschriebenen Sätze zur Stadt auch nicht geäußert.

Am problematischsten aber ist, dass die Autorin den Eindruck erweckt, Landsberg habe 73 Jahre lang keine Erinnerungsarbeit geleistet, sondern seine „Nazi-Vergangenheit ignoriert“.

Manfred Deiler: „Wir haben seit vielen Jahren bürgerschaftliches Engagement in der Erinnerungsarbeit; sie war und ist Bestandteil unserer Stadt. So gesehen ist die Beurteilung nicht zutreffend.“ Und auch auf Pater Cyrill könnte sich die Autorin nicht berufen: „Ich habe keinen Grund, mich kritisch über die Landsberger Gedenkarbeit zu äußern“, erklärte er gegenüber dem KREISBOTEN.

Der Verdacht, die Stadt habe erst nach 73 Jahren beschlossen, sich dem hier Stattgefundenen zu stellen, hätte sich durch einfache Konsultation des Stadtarchivs entkräften lassen. Spätestens seit 35 Jahren stehen die von Rosie Whitehouse angeführten Themenkomplexe immer wieder auf der Agenda.

1989 Errichtung der Gedenktafel zur Erinnerung an das DP-Lager. 1994 Errichtung des Todesmarschdenkmals in der Neuen Bergstraße, seitdem jährliche Gedenkveranstaltungen. 1995 umfangreiche Veranstaltungen zu „50 Jahre Befreiung“. 1997 Beginn der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Thematik mit der Universität Augsburg. Die Aufzählung umfasst zahlreiche weitere Punkte. Der aktuellste Eintrag auf der Liste ist die Aufstellung der Gedenkstele für Alois und Maria Elsner.

Die Landsberger Geschichtsblätter, das Stadtmuseum, das Stadtarchiv, die Bundeswehr (in der Welfenkaserne), die Bürgervereinigung „Landsberg im 20. Jahrhundert“, die Holocaust Gedenkstätte Stiftung, der Historische Verein, die Volkshochschule – sie alle sind seit Jahrzehnten in der Gedenkarbeit aktiv. Die Literaturliste darüber umfasst zwölf Druckseiten. Besonders wichtig ist, dass auch die Landsberger Schulen dieses Thema immer wieder intensiv im Unterricht und in Projekten aufgreifen.

Im Ergebnis rückt der Beitrag im Jewish Chronicle die Stadt Landsberg völlig ungerechtfertigt nach rechts: Stadt und Bürger verdrängen die Vergangenheit 73 Jahre lang, behaupten, nichts sei geschehen, widmen sich der Gedenkarbeit nun ungelenk neben dem Aufzugschacht und „some locals“ verweigern sogar das Dokumentationszentrum Kaufering VII zwischen Landsberg und Erpfting um AfD-Wählern zu gefallen – das Alles ist weit hergeholt und fern jeder Realität.

Auch für den Jewish Chronicle muss der Grundsatz der wahrheits­gemäßen Berichterstattung gelten. Die Grenze zum Ausschmücken ist hier weit überschritten. Unklar bleibt: Mit welcher Absicht erfolgte diese falsche Darstellung? Und wer glaubt, davon zu profitieren? 

Werner Lauff

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