Flüchtling in Dießen

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Information über die Flüchtlingssituation am Ammersee gab’s aus erster Hand von Hannelore Baur, Pfarrer Jost Herrmann, Michaela Zeilmeir, Dr. Albert Thurner, Silvia Turansky und Patrik Beausencourt (von links).

Dießen – Mit zehn der meist gehörten Vorurteile, die sich gegen Flüchtlinge und Asylanten richten, hat er aufgeräumt: Pfarrer Jost Herrmann aus Weilheim ist eng verwurzelt in der Arbeit mit ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern und weiß, wovon er spricht. Damit hat er beim Informationsabend der Dießener SPD überzeugt und manch einen der Diskussionsteilnehmer für ein wenig mehr Mitmenschlichkeit gewinnen können.

„Flüchtling in Dießen“, freut sich Dießens SPD-Vize Patrik Beausencourt, „war ein voller Erfolg und hat unsere Veranstaltungsreihe ‚Wir blieben dran‘ erneut in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses gerückt.“ Im Unterbräu-Saal und -Nebenzimmer sind die Stühle rar geworden, vor allem hat man nicht nur „Eingeweihte“ gesehen, sondern viele Besucher, die bisher nicht in öffentlichen Ämtern aktiv sind. „Das beweist, wie viele Mitmenschen Anteil am Schicksal der Flüchtlinge nehmen“, fügt Ortsvorsitzende Hannelore Baur an. 

Über 600 Flüchtlinge

 Am Rednertisch haben neben Pfarrer Herrmann Vilgertshofens Bürgermeister Dr. Albert Thurner (SPD-Kreisrat), Rechtsanwältin Silvia Turansky aus Weilheim und Michaela Zeilmeir (für die Ammersee-Region zuständige Asylsozialberaterin vom BRK) Platz genommen. Sie formulierten ein Bild der Flüchtlingssituation zwischen Ammersee und Lech. Momentan sind es über 600 Menschen aus 13 Ländern, davon leben 170 am Ammersee-Westufer und dessen Hinterland. Die Zahl werde sich bis Jahresende mindestens verdoppeln. 

Der Weilheimer Pfarrer ist aktiv verwurzelt in seiner Arbeit. Jahrelang war er in Krisengebieten tätig. Er kennt die Lebensgewohnheiten anderer Kultu- ren und Mentalitäten und kann seine Hilfeleistung von der Basis für die Basis ansetzen. Momentan gilt sein Engagement nicht nur den Flüchtlingen im Raum Weilheim, „ich habe auch die 420 Mitmenschen aus den Unterstützerkreisen im Blick.“ 

Zeitgenossen, die den Flüchtlingen kritisch bis feindlich gegenüber stehen, hätten immer wieder ähnliche Fragen und Behauptungen: Wo kriegen sie die Handys her? Wer bezahlt das? Der Bürgermeister? Die Flüchtlinge nehmen uns die Arbeit weg. Wir können unsere Mädchen nicht mehr auf die Straße lassen... 

Der Pfarrer berichtet, wie er im Schulunterricht Zehnjährige fragte, was Flüchtlinge mit Handys machen. Die Kinder hätten klar erkannt, dass man in der Heimat anrufen könne, Nachrichten abrufen, Fotos machen, Deutschkurse… Weil man heute ein Handy für einen Euro bekommt, sei die Anschaffung einfach. Was die Flüchtlinge wegen Sprachbarrieren nicht verstehen, ist die Unterschrift unter den Handy-Vertrag. Damit beginne das Problem: „Viele Flüchtlinge verschulden sich, weil sie das Telefonsystem nicht verstehen.“ 

„Flüchtlinge nehmen keine Arbeit weg“, lautete die Antwort auf die nächste Frage. Die ersten drei Monate dürfen sie nicht arbeiten, danach nur nachrangige Arbeiten annehmen, die kein EU-Bürger machen will. „Sie wollen arbeiten, aber sie dürfen nicht. Betrunken sind sie auch kaum, weil 80 bis 90 Prozent Muslime sind, und die Kriminalitätsrate im Raum Weilheim-Schongau ist gleich null. Die zum Teil stark traumatisierten Asylanten, die in der Heimat verfolgt und gefoltert wurden und vom Tode bedroht sind, wollen eine Beziehung zu uns bauen und uns nicht enttäuschen.“ Deutschkurse sind wichtig, rät Pfarrer Jost Herrmann, so wächst die gegenseitige Verständigung. 

Syrer liebt Lederhosn

 Verständigung, sagt Thurner, würde in seiner Heimatgemeinde Vilgertshofen aktiv gelebt. Der Arbeitskreis Asyl habe es geschafft, die 14 Asylbewerber aus Syrien und Afghanistan zu integrieren. „Sie lassen sich sehen im Dorf, gehen zu Veranstaltungen, helfen im Seniorenheim in der Küche, sind bei der Feuerwehr aktiv. Einer hat sich schon die zweite Lederhosn angeschafft.“

Beate Bentele

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