Neufassung der Bestattungsverordnung in Bayern zum 1. April

Auch im Landkreis Landsberg ist eine Bestattung im Leintuch möglich

Grabsteine auf Friedhof
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Nicht nur der Grabstein unterscheidet sich in den unterschiedlichen Glaubensrichtungen. Auch die Bestattungsformen sind andere. So werden tote Muslime im Leintuch beerdigt. Eine Bestattung ohne Sarg ist seit 1. April auch in Bayern erlaubt.
  • Susanne Greiner
    VonSusanne Greiner
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Landkreis – Särge haben Tradition. In Ägypten waren sie teilweise noch aus Weiden geflochten, in der Steinzeit betteten die Menschen ihre Verstorbenen in Steinkisten. Wie beerdigt wurde, hing aber auch immer mit der jeweiligen Religion des Verstorbenen zusammen. So ist im Islam kein Sarg, sondern eine Bestattung im Leintuch vorgesehen – was in Bayern mit der Neufassung des Bestattungsverordnung zum 1. April nun auch aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen grundsätzlich möglich sein soll.

Aber es gibt eine Einschränkung: Eine solche Bestattung ist nur möglich, solange „öffentliche Belange nicht entgegenstehen“, ist in der revidierten Verordnung zu lesen. Ein Passus, den die religionspolitische Sprecherin im Landtag Gabriele Triebel hinterfragt. Die Grünen-Abgeordnete bat das Gesundheitsministerium um konkrete Beispiele für diese „Belange“. Die Antwort: Mit Leichen dürfe nur so verfahren werden, dass keine Gefahren für die Öffentlichkeit, insbesondere für die Gesundheit zu befürchten seien und „das sittliche Empfinden der Allgemeinheit“ nicht verletzt werde. So könnte der Anblick einer nur in ein Tuch gehüllten Leiche andere Friedhofsbesucher „befremden“. Letztendlich entscheide aber die jeweilige Kommune.

Damit laste so die Verantwortung allein auf den Schultern der Kommunen, kritisiert Triebel. Zudem suggeriere die Formulierung „sittliches Empfinden“, dass Bestattungen im Leintuch „geschmacklos wären“. Ihrer Ansicht nach müsse ein Rechtsanspruch auf diese Bestattungsform aufgenommen werden, um die freie Religionsausübung zu garantieren.

Das weiße Leintuch, in dem Muslime beerdigt werden, nennt man Kafan, erklärt Ömer Cölkusu, Vorsitzender des Türkisch-Islamischen Kulturvereins DITIB in Landsberg. Es stehe für die Unschuld des Menschen, in der er vor Gott trete, sagt Imam Sohmeni Oglu. Das Tuch dürfe keine Naht haben, es soll schlicht sein. Denn „wir kommen mit nichts auf die Welt und wir können auch nichts in die andere Welt mitnehmen.“ Wenn es nicht anders gehe – also bisher bei Bestattungen in Bayern – könne man mit Sarg beerdigen. Das habe man in Kaufering und Landsberg auch schon gemacht.

Die neue Regelung bedeutet für Oglu ein „riesengroßes Entgegenkommen“ und auch ein gutes Zeichen für die Integration. Viele Muslime würden ihre Verstorbenen gerne hier beerdigen, überführten die Toten aber wegen der bisherigen Regelung oft ins Ausland. Es wäre eine „große Erleichterung“, wenn die Familien ihre Verwandten nun auch hierzulande gemäß des muslimischen Ritus bestatten könnten.

Technisch gesehen

Die Änderung trifft die Kommunen unvorbereitet. Die Leiterin des Standesamtes in Dießen Birgit Thaller betont, dass eine Tuch-Bestattung immer eine Einzelfallentscheidung sei, deren Gründe „genau geprüft“ werden müssten. Inwieweit die Friedhofssatzung geändert werden müsse, sei noch nicht klar. Der Transport der Leiche müsse weiterhin im Sarg erfolgen und bei der Bestattung seien spezielle Hygienevorschriften zu beachten. In Kaufering ist auch noch nichts entschieden, informiert Gemeindesprecherin Madeleine Senftleben. Man habe zudem noch keine offizielle Information erhalten.

Auch in der aktuellen Satzung der Stadt Landsberg ist eine Leintuchbestattung nicht vorgesehen, antwortet Simone Sedlmair von der Stadtpresse. Eine Änderung müsste der Stadtrat beschließen. Dabei gelte es aber, „gewisse Faktoren“ zu bedenken.

So fragt sich Jürgen Mende, Friedhofswärter des Landsberger Waldfriedhofs, ob durch die Tuchbestattung und das damit austretende Leichenwasser das Grundwasser verunreinigt werden könnte. Unterhalb des Waldfriedhofs sei ja direkt ein Weiher. Oder auch der Boden selbst: Wenn man ein Grab aushebe, bleibe immer Aushub übrig – das Volumen des Körpers. Bisher müsse der nicht entsorgt werden, da die Leichen im Sarg verrotteten: „So ein Eichensarg hält schon mal 20 Jahre.“ Aber was passiere mit dem Aushub, wenn der Boden belastet sei?

Ein weiteres Problem für Mende: Wie soll man den Toten in das laut Vorschrift 2,60 Meter tiefe Grab ablassen? Vielleicht auf einem Brett. Aber wie hänge man dann das Stahlseil aus, wenn auf der Leiche die Erde liege, die die Trauernden ins Grab geworfen haben? Selbst die Bodenbeschaffenheit könne zum Problem werden: Der Boden in Ellighofen sei nahezu reiner Lehm. Das konserviere.

Zudem sieht Mende ein hygienisches Problem. Zwar dürfen auch gemäß der neuen Verordnung „infektiöse Leichen“ nur im Sarg beerdigt werden. Aber was passiere mit der Leiche zwischen Tod und Beerdigung? Bis dahin bleibe sie normalerweise im Sarg. „Aber wie soll das mit einem Tuch funktionieren?“ Das sauge sich ja mit den austretenden Körperflüssigkeiten voll. Zudem kommt noch ein ‚psychisches‘ Problem: Auch die Bestatter müssten damit umgehen können, dass die Leiche nur in einem Tuch liege. Zum Beispiel bei einem Unfallopfer.

Richtung Mekka

In Landsberg versuche man aber, Muslimen so gut wie möglich entgegenzukommen, berichtet Mende. Deren Tote würden zwar in Holzsärgen bestattet. Aber die Gräber seien alle nach Osten, nach Mekka ausgerichtet, das sei den Angehörigen wichtig. Auch entferne man das Schutztuch am Leichenwagen, auf dem ja ein Kreuz zu sehen ist. Und in der Aussegnungshalle gebe es inzwischen das große Holzkreuz nicht mehr.

Stirbt ein Muslim im Landkreis, organisiere DITIB die rituelle Waschung des Leichnams und den Transport zum Friedhof, sagt Vereinsvorsitzender Cölkusu. Um die Waschung entsprechend des Rituals durchführen zu können, soll in die Moschee am Wiesenring in Landsberg ein Waschhaus samt Kühlhaus eingebaut werden. Diese Woche komme der Architekt, erzählt Cölkusu, danach fehle nur noch die Genehmigung der Stadt. Was man sich noch wünsche: einen eigenen Bereich auf dem Friedhof – wie in Schongau.

Nicht nur Muslime, auch Menschen anderer Glaubens- oder Weltanschauungen könnten in Zukunft eine Bestattung im Leintuch bevorzugen. Welche Gründe genau geltend gemacht werden könnten, liegt momentan noch in der Entscheidung der jeweiligen Kommune. Mangelnde Finanzmittel gehören aber wohl eher nicht dazu – auch wenn ein Sarg aus Eiche rund 1.500 Euro kostet, weshalb früher nur die Betuchteren im Sarg beerdigt wurden – den anderen diente er nur als vorübergehendes Transportmittel, beerdigt wurden sie im Tuch auf einem Brett.

Von geänderten Beerdigungsriten getroffen werden auch Bestattungsunternehmen. Hohenadl aus Landsberg antwortete auf die Anfrage des KREISBOTEN nach einer Stellungnahme, man habe noch nichts amtlich bekommen, vorher gebe man keine Stellungnahme ab. Eine Anfrage an die Zentrale der Trauerhilfe DENK in München blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Stadtpfarrer Michael Zeitler hat keine Bedenken, was das „sittliche Empfinden“ bei Bestattungen im Leintuch angeht. Es gebe inzwischen auch so viele Bestattungsformen, was ja die Individualität der Menschen widerspiegele. Dass eine Bestattung im Tuch jetzt in Bayern grundsätzlich möglich sei, befürwortet er. Nicht zuletzt sei das „ein weiterer Schritt zur Integration“. Denn zur Heimat gehöre immer auch ein Ort, an dem man seine Familie beerdigen und der Verstorbenen gedenken könne.

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