Vogelstimmen rund um das Kieswerk Thaining

Auf Stimmenfang im Landkreis Landsberg

Beatrix Saadi-Varchmin
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Wer wie Beatrix Saadi-Varchmin die Vögel sehen und singen hören möchte, muss raus, wenn die Schatten noch lang sind – oder sogar noch vor Sonnenaufgang.

Landkreis – „Vögel zwitschern nicht. Sie singen.“ Beatrix Saadi-­Varchmin kennt dieses Singen gut: Sie nimmt die Stimmen der Vögel auf und komponiert daraus, in Begleitung mit Insekten und Amphibien, Musik. Dabei macht die Biologin auch Solo-CDs. Zum Beispiel von der Amsel, einer der talentiertesten (und auch lautesten) tierischen Opern-Diven hierzulande. Das schwarze Federvieh ist ein Frühaufsteher: Rund eine Dreiviertelstunde vor Sonnenaufgang tut sie der Welt ihr Dasein kund. Aber auch viele andere Vogelarten sind vor Sonnenaufgang zu hören. Weshalb man früh aufstehen muss, möchte man sich von Saadi-Varchmin mit offenen Ohren durch die Natur führen lassen.

Um halb sechs Uhr morgens ist Kratzen angesagt: Eis bedeckt die Windschutzscheibe, die Hände werden kälter. Ein Spaziergang zu dieser Zeit und bei diesen Temperaturen? Sicher nicht für jeden die Traumgestaltung eines Samstagmorgens. Das Wetter spielt aber mit: Der Himmel strahlt azurblau. Es hätte ja auch regnen können.

Das Haus von Beatrix Saadi-Varchmin in Hagenheim ist schon von Weitem gut zu erkennen: Ein Spektiv steht vor der bereits offenen Haustüre. Und eine Spatzenkolonie zwitschert – nein, singt im Gebüsch, das sich an der Hauswand emporrankt. „Mein Mann füttert die Spatzen mit eigens hergestelltem Vogelfutter“, erzählt die ehemalige Biologielehrerin, während sie Spektiv und Ferngläser einpackt. Um Vögel zu hören und so wie Saadi-Varchmin mittels Richtmikrophon einzeln aufzunehmen, muss man sie zwar nicht sehen. Aber sie zu sehen, hilft bei der Einordnung der Stimmen – vor allem für diejenigen, die eben bisher nur den Amselgesang kennen.

Mit dem Auto geht es nach Thaining, zum dortigen Kieswerk. Das sieht nicht unbedingt nach der unberührten Natur aus, die man sich vorstellt, denkt man an Vogelgesang. Aber durch Kiesaushub haben sich Seen gebildet. „Hier haben einige Vögel einen kleinen Zufluchtsort gefunden“, sagt die Stimmenexpertin. Zum Beispiel die Flussregenpfeifer, die früher auf den Kiesbänken im Lech brüteten, die die Stauwehre nahezu haben verschwinden lassen. Dass sich die Vögel im Kieswerk wohl fühlen, liegt auch daran, dass sich die Mitarbeiter genauso über ihre gefiederten Nutznießer freuen wie Saadi-Varchmin. So soll ein kleiner Damm aufgeschüttet werden, um das Wasser in einem Bereich abzusenken: für neue Brutplätze.

»Eine große Fuge«

Auf dem Weg zur ersten ‚Hörstelle‘ im Wald neben dem Kieswerk ist es schon richtig laut. Auf die Frage, warum Vögel singen, antwortet Saadi-Varchmin, dass es im Frühling natürlich vor allem um Revierbehauptung geht. Weshalb dann vornehmlich die Männchen singen. „Aber ich bin der festen Überzeugung, dass Vögel einfach auch singen, weil sie es können.“ Aus purer Lebensfreude. Die ersten Sänger am Morgen sind hier Rotkehlchen und Amsel, die eine dreiviertel Stunde vor Sonnenaufgang loslegen. Noch früher ist die Rauchschwalbe zu hören. Der Buchfink mit seinem rostbraunen Bauch startet hingegen erst zehn Minuten, bevor der Feuerball am Horizont erscheint. „Das ist wie eine große Fuge“, vergleicht die Biologin den Stimmeneinsatz. „Die Vögel singen miteinander. Und sie singen auch auf Lücke. Da könnte man auch sagen, sie unterhalten sich.“ Das sei „Kommunikation vom Feinsten – eben nur nicht in unserer Sprache.“

Eine Solostimme hat der Buchfink, ein einzelner Ton in Wiederholung: Regenruf heiße der, sagt die Vogelstimmenexpertin. „Auch wenn er nichts mit Regen zu tun hat.“ Der Hintergrundchor kommt von den Mönchsgrasmücken, „wunderbare Sänger“, weiß Saadi-Varchmin. Sie beginnen mit dem sogenannten Vorgesang, bevor der ‚Überschlag‘ kommt, der melodischen Flötenklängen ähnelt. „Die einzige Vogelart, die absolut reine Töne singt, also Töne ohne Ober- oder Unterklänge, ist die Weidenmeise“, informiert Saadi-Varchmin.

Mönchsgrasmücken schnalzen und schmatzen auch gerne beim Singen.

Vögel bilden ihre Stimme mit ihrem Stimmkopf, der sogenannten Syrinx. Ein Wort, das von einer griechischen Bezeichnung der Panflöte stammt. Dabei können einige Vögel die jeweiligen Membranen auf den beiden Seiten der Syrinx unabhängig voneinander anstimmen – und somit zweistimmig singen, und das in unglaublich schnellen Tonfolgen.

Was die Mönchsgrasmücke zu sagen hat, kann offenbar dauern. Und dabei schnalzt und schmatzt sie auch gerne mal, weiß die Biologin. Dabei seien Vögel erfinderisch. Sie entwickeln Variationen, transponieren. Sie können Glissandi singen, sogar Dreivierteltöne. „Amseln singen dabei ganz klassisch“, ordnet die Vogelstimmenexpertin ein. „Stare sind eher modern, sie bauen Geräusche ein.“

Währenddessen stimmt eine Singdrossel ihren eselsähnlichen Ruf an, ein Motiv, das sie meistens drei- bis viermal wiederhole, sagt Saadi-Varchmin. „Sie hat aber rund 60 verschiedene Motive.“ Im Vogelgesang zu hören seien alle Frequenzen. „Am höchsten schafft es das Wintergoldhähnchen.“ Teilweise so hoch, dass es der Mensch gar nicht mehr wahrnimmt. Wird es um sie herum lauter, passen sich die Vögel an – und singen selbst auch lauter. Und die Vögel haben Dialekte. In unterschiedlichen Gegenden singt die gleiche Art regional verschieden. Das liegt daran, dass sich die Vögel einer Art imitieren. Ein ‚Sprachfehler‘ kann sich so auch mal durchsetzen.

Zu wenig Worte

Sumpfrohrsänger imitieren allerdings auch über die Art hinaus: „Sie können bis zu 220 Vögel nachmachen“, weiß Saadi-Varchmin. „Sogar Afrikanische, weil sie Weitzieher sind.“

Ein Grünspecht lacht, die Sumpfmeise gibt ein spottendes „Bäh-Bäh“ von sich, das rhythmische Gurren der Ringeltauben schlägt den Takt, während eine Heckenbraunelle wispert. Ein Rotkehlchen tickt, „das hat noch keine Lust zu singen“, sagt Saadi-Varchmin schmunzelnd

Dann erklingt das „Zilpzalp“ des Zilpzalps: ein Vogel, der lautmalerisch nach seinem Gesang genannt und deshalb gut zu erkennen ist. Bei der Beschreibung der Vogellaute zeigt sich insgesamt aber ein Problem: die Begrenztheit der Sprache, was Akustik betrifft. „Es gibt viel mehr Wörter im Bereich des Sehens“, sagt auch Saadi-Varchmin. Weshalb es für den ungeübten Vogelstimmenerkenner am Anfang viel leichter ist, die einzelnen Stimmen zu erkennen, wenn er die Optik ausschließt – und die Augen zumacht. Mangels ‚Akustik-Worte‘ findet jeder andere Bezeichnungen für die Klänge der Vögel. Und so heißt dann eben der Zilpzalp im Englischen Chiffchaff.

Ob das Kiebitz-Paar bei dem Kieswerk in Thaining brütet, ist noch fraglich. Daumen drücken!

Auf dem Weg zum Zaun am Kieswerk krächzt am Himmel eine Wacholderdrossel. „Die einzigen Drosseln, die nicht richtig singen können“, sagt Saadi-Varchmin. Ganz im Gegensatz zum jetzt einsetzenden Meisterkonzert der Lerche. Mit dem Fernglas sucht die Vogelkundlerin den weiten Acker ab. Stockt. Und freut sich: „Da sind sie wieder.“ Ein Kiebitz-Pärchen. Saadi-Varchnim kennt sie, hat sie bereits mehrmals hier gesehen. Der Bodenbrüter mit der schwarzen Kappe samt rückwärts ausgerichteter Schmalz­tolle und schillernden Flügeln – Elvis wäre neidisch – steht auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Das Pärchen wird Saadi-Varchmin, selbst Mitglied beim LBV, gleich den dortigen Kiebitz-Experten melden, die sich beim Bauern dafür einsetzen, dass er das Nest umzäunt. Wer die Vogelkundlerin ebenso erfreut, ist die erste Dorngasmücke, die sie dieses Jahr hört. Und gleich darauf in einem Strauch entdeckt.

Weitere Bekannte von Saadi-Varchmin sind die Graugänse mit ihren Jungen. „Acht Pulli haben die.“ Pullus ist der Fachbegriff für die Küken. Genauer: für einen Jungvogel im ersten Federkleid, dem sogenannten Dunenkleid. (Nein, kein Schreibfehler, da ist kein a drin.) Sie entdeckt die Großfamilie auf einem der Seen im Kieswerk. Aber es sind nur noch sechs kleine Gänse. Auf dem Rückweg zum Auto entdeckt die Biologin die anderen beiden: Sie liegen unterhalb des Zaunes am Kieswerk, gelb-flauschig, eines auf dem Rücken, das andere auf dem Bauch. Als ob sie schlafen, eine Verletzung ist nicht zu erkennen. „Ach je.“ Dass Saadi-Varchmin Vögel nicht nur als Forschungsobjekt sieht, ist deutlich zu spüren.

Zurück am Haus zeigt noch einer der besten Singvögel hierzulande, was er kann: der Star mit seiner ‚modernen‘ Stimme gibt ein Konzert in der Baumkrone. Auch er imitiert. So erklingt der Ruf des Turmfalken, während im Haus nebenan das Sägeblatt kreischt. Worauf der Star, ob nun als Reaktion oder zufällig, mit seiner Syrinx zweistimmig anhebt, gurgelt und letztendlich sogar wie ein Geigerzähler tickt. So ein Aufwand, diese Vielfalt, nur um das Revier abzustecken? Bei so viel Lebensfreude ist das eigentlich kaum zu glauben.

Mehr zum Hören: Wer sich Vogelstimmen aus aller Welt anhören möchte, kann das im Internet unter www.xeno-canto.org tun. Heimische Vogelstimmen samt zugehörigen Abbildungen gibt es unter www.deutsche-vogelstimmen.de. Bei www.nabu.de gibt es eine Vogeluhr, die anzeigt, welcher Vogel wann singt. Musikalisch sind die aufgenommenen und arrangierten Vogelstimmen von Beatrix Saadi-Varchmin zusammen mit Musik von Doro Heckelsmüller und Martin Schlögl auch am 19. Juni beim Konzert „Vogelschallmeien“ im Rochlhaus in Thaining zu hören – wenn Corona es zulässt.

ks

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